Hedi Slimanes Ende bei Yves Saint Laurent Ende Mut

Hedi Slimane hat als Chefdesigner das Modehaus Yves Saint Laurent bis aufs Äußerste strapaziert und so gerettet. Nun geht er. Eine Würdigung seiner Reformer-Arbeit - aber wählen Sie selbst Ihren Lieblingslook.

Hedi Slimane 2012
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Hedi Slimane 2012

Von Gesa Mayr


Man könnte sagen, dass Hedi Slimane das Beste war, was dem Modehaus Yves Saint Laurent seit Langem passiert ist - und es wäre noch eine Untertreibung. Hedi Slimane, 47, Franzose mit tunesischen und italienischen Wurzeln, hat die legendäre Marke abgestaubt, wiederbelebt, gerettet.

Gerade für Traditionshäuser wie Yves Saint Laurent ist es schwer, sich neu zu erfinden: Der Name des 2008 verstorbenen Designers ist Markenkern und Ballast zugleich. Man will alte Kunden halten, aber neue hinzugewinnen. Es schien fast unmöglich, schließlich war mit Saint Laurents Abtritt sogar die Haute-Couture-Linie des Hauses eingestellt worden, für die der Modeschöpfer einst so gefeiert wurde. Fortan konzentrierte man sich auf Prêt-à-porter.

Doch Slimane schreckte all das nicht ab. Bei Yves Saint Laurent war er ein alter Bekannter: Von 1997 bis 2000 verantwortete er dort die Herrenmode. Dann wechselte er zu Dior, wo er bis 2007 blieb - und sich seinen Ruf als Männermodemeister des Jahrzehnts erarbeitete. Er machte androgyn wieder schick, kreierte hautenge Anzüge und kombinierte sie mit schmalen Krawatten und schweren Stiefeln. Karl Lagerfeld soll sich damals nur schlank gehungert haben, damit er in einen Slimane-Anzug passte.

Als Slimane im März 2012 bei Yves Saint Laurent die Leitung für alle Kollektionen übernahm, änderte er zuerst den Namen auf Saint Laurent Paris und verlegte den Standort des Designbüros nach Los Angeles - eigentlich unvorstellbar für ein Pariser Traditionshaus. Doch Slimane wollte es so, ihm waren Paris und Berlin bald zu gentrifiziert. Los Angeles aber, wohin er nach seinem Ende bei Dior ausgewandert war, inspirierte ihn. Slimane und seine Vorstellungen dürften für Saint Laurent eine Zumutung gewesen sein. Aber der Mix aus kalifornischem Grunge und Pariser Chic funktionierte, Saint Laurent erzielte dank Slimane Rekordumsätze.

Ohne Berührungsängste verpasste Slimane bei Saint Laurent der legendären Prêt-à-porter-Linie Rive Gauche kalifornische Coolness und schaffte es sogar, den Hosenanzug für Frauen, "Le Smoking", erneut revolutionär wirken zu lassen. 2015 kündigte er an, sich wieder an Haute Couture zu wagen, allerdings ohne sich dem Kalender der Schauen zu unterwerfen: Schöpfung auf Bestellung, das war seine Idee. Ein paar Stücke zeigte er unlängst bei einer Show in Los Angeles.

Angelina Jolie
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Angelina Jolie

Slimane feierte in seinen Designs den Heroin-Look (wofür er auch kritisiert wurde), war eng befreundet mit Kate Moss und deren Ex-Freund, Libertines-Sänger Pete Doherty. Immer wieder zitierte er die beiden auch in seinen Kreationen - indem er Models in Gummistiefeln und Militär-Jacken über den Catwalk laufen ließ.

Dazu gelang Slimane, was im Modegeschäft mittlerweile unerlässlich ist: Prominenz binden. Oscargewinner Jared Leto, One-Direction-Sänger Harry Styles, Model-Schauspielerin Cara Delevingne und Angelina Jolie - sie alle trugen seine Kreationen und warben so für seinen Look: Elegant, aber immer mit einer guten Portion Indie-Rock und Grunge.

Krönchen und Lederweste: Agyness Deyn in Saint Laurent
Getty Images

Krönchen und Lederweste: Agyness Deyn in Saint Laurent

Nun verlässt Slimane Saint Laurent, in der Branche munkelt man schon lange, er habe sich mit dem Mutterkonzern Kering nicht über einen neuen Vertrag einigen können. Offenbar wurde ihm am Schluss zum Verhängnis, was ihn einst zum Helden machte: Der Rock-Chic verletze das Erbe des großen Yves, warfen ihm seine Kritiker vor. Als möglicher Nachfolger gilt Anthony Vaccarello, ein Belgier, der zuletzt Donatella Versaces Label Versus neues Leben einhauchte. Also wieder jemand zum Aufräumen.

Auffallend viele Chefdesigner haben in der vergangenen Zeit bei den großen Modehäusern hingeworfen. Raf Simons verließ nach nur dreieinhalb Jahren aus privaten Gründen Dior, Alber Elbaz wurde nach 14 Jahren bei Lanvin verdrängt. In der Branche spricht man von einer "richtungsweisenden Veränderung", immer mehr Star-Designer würden unter dem Druck und den Herausforderungen und Limitierungen immer unsicherer Märkte zusammenbrechen.

"Wie Vögel in goldenen Käfigen haben die Kreativen in den großen Modehäusern alles - außer Zeit", kommentierte die renommierte Modekritikerin, Suzy Menkes. Die Expertin erklärt den wachsenden Druck mit "high-speed Fashion", dem anstrengenden Bemühen, in der digitalen Welt Relevanz zu behalten.

Über Slimanes nächste Schritte ist wenig bekannt. Vielleicht wird er wie nach seinem Weggang von Dior die Zeit nutzen, um seiner zweiten Leidenschaft nachzugehen: dem Fotografieren. Weit weg von Paris.

So gehts: Sie sehen zwei Fotos im Vergleich. Klicken Sie auf das Outfit, das Ihnen besser gefällt. Das andere verschwindet, ein neues erscheint - wieder können Sie das Ihrer Meinung nach schönere Outfit anklicken. Am Ende bleibt der Sieger-Look übrig.



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