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Helen Mirren zum 70.: "Die Antithese von fade"

Foto: Keystone/ Getty Images

Helen Mirren zum 70. Drama-Queen

Helen Mirren ist eine begnadete Schauspielerin. Und sie hat sich nie dem Sexismus im Filmgeschäft untergeordnet. Zu ihrem 70. Geburtstag fünf mirrensche Schlagfertigkeiten - hier.
Von Gesa Mayr

"Weil Frauen mit großem Busen keine ernsthaften Schauspielerinnen sein können?"

(Parkinson, BBC, 1975)

Es war ein schreckliches Fernsehinterview , das alles lieferte, was Helen Mirren so sehr an den Siebzigern hasste: Ein Mann reduzierte eine (wesentlich jüngere) Frau zum Sexobjekt. BBC-Talkshowmoderator Michael Parkinson stellte Mirren, die 1975 bereits seit zehn Jahren Mitglied der renommierten Royal Shakespeare Company war, als die "Sex-Königin" der Gruppe, als Frau mit "schlampenhafter Erotik" vor.

Ob ihr Equipment sie nicht beim Spielen störe, lautete eine seiner ersten Fragen, wobei er auf Mirrens Brüste schielte. "Verstehe, weil Frauen mit großem Busen keine ernsthaften Schauspielerinnen sein können", führte Mirren Parkinson vor.

Ein Vorurteil, das ihr noch oft begegnen sollte. "Dieses Jahrzehnt nach der sexuellen Revolution und vor dem Feminismus war gefährlich für Frauen", sagt Mirren im Rückblick . Man habe Männern Sachen durchgehen lassen, bei denen man heute von sexueller Belästigung sprechen würde. "Ich kann solches Verhalten absolut nicht tolerieren", sagte sie der "Berliner Morgenpost" im Mai. Manchmal würde sie dann gefragt, ob sie keinen Spaß verstehe. "Dann sage ich: 'Verstehe ich nicht. Denn das ist verdammt noch mal nicht lustig.'"

Sagen, was ist: Mirren im Mai 1976

Sagen, was ist: Mirren im Mai 1976

Foto: Evening Standard/ Getty Images

"Nicht viel hat sich in Hollywood geändert, die Filmemacher produzieren immer noch für 18- bis 25-Jährige und für deren Penisse"

(Hollywood Reporter's Women in Entertainment Breakfast, 2010)

Mit diesen Worten  nahm sie 2010 eine Auszeichnung entgegen. Ein Satz, den Mirren in der einen oder anderen Variante immer wieder zum Besten gab. Sie, die bei ihren Jobs stets darauf achtete, möglichst entwickelte Frauencharaktere zu spielen, ärgerte sich in ihrer Karriere ständig über das Ungleichgewicht in der Branche.

In den Siebzigern und Achtzigern sei sie von manchen Scripts geradezu beleidigt gewesen, sagte sie 2001 dem "Independent". "Die Filmemacher wussten nicht, wie sie mit Feminismus umgehen sollten, und entschieden sich, Frauen nur als Randfiguren zu besetzen - so wurden sie Sex-Objekte." Bei vielen Drehbüchern habe sie gedacht: "So sind Frauen nicht."

Das Ergebnis: Sie entschied sich fürs Theater, bei dem die Macht über die Rolle mehr beim Schauspieler liegt, und für Filme, die wenig mit Hollywood-Kino zu tun hatten. Sie weigerte sich, sich dem Patriarchat unterzuordnen. Mit Erfolg: "Keine andere Schauspielerin kann so schnell und effektiv deutlich machen, dass sie eine bedeutende und wichtige Frau verkörpert", schrieb eine Kritikerin Mitte der Achtziger.

Mit zunehmendem Alter mehrten sich zwar die Angebote, ein Problem mit den Rollen blieb. Ihr würden immer mehr fiese Frauenfiguren angeboten, sagte sie der "Süddeutschen Zeitung" 2010. "Die Männer, die das meistens schreiben, können sich gar nicht vorstellen, dass man als ältere Frau etwas anderes als gehässig und verbittert sein könnte." Mittelmäßigen, männlichen Schauspielern flögen noch im hohen Alter die Rollen zu, während brillante Kolleginnen ab 39 plötzlich arbeitslos würden. "Wir haben doch alle zugeschaut, wie James Bond immer greisenhafter und seine Freundinnen immer jünger wurden. "

Mirren 1981 mit Bob Hoskins in dem Stück "The Duchess of Malfi"

Mirren 1981 mit Bob Hoskins in dem Stück "The Duchess of Malfi"

Foto: Central Press/ Getty Images

"Scheiß drauf, ich will meinen Namen da oben lesen"

(Financial Times, 2011)

Es gibt Anekdoten, die packt Mirren immer wieder gern aus. Wie sie sich auf Tour mit einer experimentellen Theatertruppe betrunken ein Tattoo in einem Indianerreservat stechen ließ, als Tattoos bei Frauen noch auf einen direkten Draht zum Teufel schließen ließen, zum Beispiel.

Oder dass sie sich mit Anfang 20 ein Motorrad kaufte, es nach vier Monaten aber wieder loswerden musste, weil sie es kaum halten konnte und an jeder Ampel umzukippen drohte.

Eine andere ist diese hier: Einmal, es war vor vielen Jahren, besuchte sie eine Wahrsagerin. Diese sagte ihr voraus, dass sie einmal sehr erfolgreich sein würde. Allerdings erst später im Leben, so mit Ende 40. Sie sei am Boden zerstört gewesen, habe sich dann aber entspannt zurückgelehnt. Mirren ist oft auf charmante Weise unbescheiden. Es habe einen Grund, dass sie nicht mehr im Ensemble spiele, sagte sie 2011 der "Financial Times" . Diese Selbstaufgabe in der Gruppe sei nichts für sie. Wenn sie im Theater spiele, wolle sie auch ihren Namen auf den Plakaten lesen.

Ach ja, die Geschichte: Tätowierung im Vollrausch

Ach ja, die Geschichte: Tätowierung im Vollrausch

Foto: Jason Merritt/ Getty Images

"Ökonomische Unabhängigkeit ist für mich die klare Wurzel des Feminismus"

(Süddeutsche Zeitung, 2010)

Seit ihrem Oscar-Erfolg als Elizabeth II. in "The Queen" gilt Mirren als Vorzeigebritin. Dabei fühle sie sich selbst oft der russischen Seele näher, der Heimat ihrer Großeltern. Ilynea Lydia Mironoff wurde am 26. Juli 1945 in London geboren. Der Großvater, Mitglied des russischen Militäradels, strandete nach der Oktoberrevolution in Großbritannien. Titel und Besitz hatte er zurücklassen müssen - Bilder des letzten Zarenpaars fanden jedoch auch in London einen Platz an der Wand.

Mirrens Vater, ein linksliberaler, künstlerischer Mann, der seine Brötchen mit Taxifahren verdiente und eine Frau aus der englischen Arbeiterklasse heiratete, wartete, bis sein Vater tot war. Dann wurden aus den Mironoffs die Mirrens. Finanzielle Unabhängigkeit, das war eine Sache, die ihr vor allem die feministische Mutter eintrichterte.

Vielleicht auch ein Grund, warum Mirren so stolz darauf ist, ihre eigene Herrin, mit Geld und Gut zu sein. "Ich liebe es, für meine Arbeit bezahlt zu werden, es ist eine Belohnung für meine strikte Selbstdisziplin", sagte sie 2010 dem "Zeit Magazin". Auch deswegen habe sie es attraktiv gefunden, nach der "Queen" mal einen Blockbuster wie "Red" zu machen.

Mehr Geld, mehr Ballern: Helen Mirren als Auftragskillerin in "Red"

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Foto: ddp images/ Capital Pictures

"Ich war nie der mütterliche Typ"

(The Sunday Times, 2008)

Kaum einer Frau gehen solche Sätze so entspannt über die Lippen wie Helen Mirren. "Ich war immer froh, wenn ich Kinder wieder bei ihren Eltern abliefern konnte." Sie sagt solche Dinge wie selbstverständlich, ohne Angst, in irgendwelchen Schubladen zu landen. Im Gegenteil, die Sache mit der Sexbombe hat sie für sich genutzt, das Image hat ihre Heizkostenrechnung bezahlt, wie sie sagt.

Reduziert werden will sie nicht, aber ja, sie brezelt sich schon gern auf. Und sie liebe Kinder, aber eben vor allem in der Position der unanständigen Tante, wie sie der "Sunday Times" erklärte. Seit sie im Alter von 13 Jahren auf der Nonnenschule, die sie besuchte, ein Geburtsvideo gesehen habe, sei sie traumatisiert.

Später habe sie sich schon den Kopf darüber zerbrochen, ob sie nicht doch welche wolle - aber das habe sich mit ihrem Anspruch ans Leben nicht vereinbaren lassen, wie sie der "SZ" 2008 sagte. Viele Frauen "glaubten, sie sollten welche wollen - und jede andere Haltung sei egoistisch". Mit 52 heiratete sie den amerikanischen Regisseur Taylor Hackford. Er sei der "unsexistischste Mann", den sie kenne.

Unsexistisches Paar: Mirren mit Ehemann Taylor Hackford

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Foto: Sean Gallup/ Getty Images
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