Kohl-Geliebte Beatrice Herbold "Er war ausgelaugt, ein gebrochener Mann"

Beatrice Herbold war ihrer eigenen Erzählung nach Helmut Kohls heimliche Geliebte. Über die Beziehung zum einstigen Bundeskanzler hat sie ein Buch geschrieben. Ein Thema ist auch die Spendenaffäre der CDU.

Beatrice Herbold
Gene Glover/ DER SPIEGEL

Beatrice Herbold

Ein Interview von und


Beatrice Herbold, 61, sagt, sie habe Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 kennengelernt und sei ab Mitte der Neunzigerjahre bis 2000 seine Geliebte gewesen.

2016 offenbarte sie erstmals in einem Interview mit der Zeitschrift "Bunte" ihre Beziehung, nun hat sie über ihr Verhältnis mit Kohl ein Buch geschrieben. Herbold betrieb bis 2000 eine Modelagentur im Rhein-Main-Gebiet, heute lebt sie als Immobilienmanagerin in Berlin.

Beide hätten versucht, die Liebesbeziehung geheim zu halten, sagt die Autorin. Sie sei nur wenigen engen Vertrauten bekannt gewesen, die sich dazu nicht öffentlich äußern.

SPIEGEL: Frau Herbold, warum veröffentlichen Sie Ihre Erinnerungen an Helmut Kohl erst nach seinem Tod? Haben Sie gewartet, bis er sich nicht mehr wehren kann?

Herbold: Nein, Sie müssen die ganze Geschichte kennen: Ich habe fast 20 Jahre über unsere Beziehung geschwiegen. Aber 2016 meldete sich ein Journalist bei mir und konfrontierte mich damit, dass er Bescheid wisse über mein Verhältnis zu Helmut Kohl. So kam es dazu, dass ich mich auf das Interview mit "Bunte" eingelassen habe. Damals lebte Helmut Kohl noch. Erst danach reifte in mir der Gedanke, alles aufzuschreiben. Aber es dauerte seine Zeit. Ich hätte es wirklich gerne gehabt, dass Helmut mein Buch hätte lesen können, um auch sein Votum abgeben zu können. Mir ist es wichtig, Helmut Kohl einmal anders darzustellen. Es gibt kaum Bücher, die ihn von der privaten Seite zeigen.

SPIEGEL: Letztlich haben Sie das Buch auch nicht alleine geschrieben.

Herbold: Ich hatte 134 Seiten geschrieben und kam dann an einen Punkt, an dem es nicht weiterging, weil es meine tiefsten Gefühle berührte. Schließlich hatte ich fast 20 Jahre lang nicht einmal darüber geredet. Da brauchte ich jemanden, und weil ich die Journalistin Katrin Sachse schon kannte und wir uns gut verstanden, habe ich sie gebeten.

Preisabfragezeitpunkt:
30.08.2019, 15:27 Uhr
Ohne Gewähr

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Beatrice Herbold, Katrin Sachse
Geliebte Freundin: Meine geheimen Jahre mit Helmut Kohl

Verlag:
Europa Verlag
Seiten:
192
Preis:
EUR 18,00

SPIEGEL: Nun sprechen Sie über Ihre Erinnerungen ausgerechnet mit Journalisten eines Magazins, das Kohl nur "Schweineblatt" nannte. Das würde ihm wohl nicht gefallen.

Herbold: Er wusste natürlich trotzdem genau, was in Ihrem Magazin geschrieben wurde. Er hat immer gesagt, er liest den SPIEGEL nicht, hat sich ihn aber vorlesen lassen, unter anderem von mir. Genau deshalb gebe ich Ihnen nun ein Interview, damit Ihre Leser den privaten Helmut Kohl kennenlernen.

SPIEGEL: Kohl zuliebe haben Sie ihren Wunsch, eine Familie zu gründen, aufgegeben. Was faszinierte Sie so an ihm?

Herbold: Das war einfach Liebe. Vom ersten Moment an, als wir uns in der Sauna kennengelernt haben. Es war im Hotel in Bad Hofgastein, wo Helmut Kohl immer zur Fastenkur war. Er ließ in der Sauna alle zusammenrücken, damit ich mich dazusetzen konnte. Aber in die Augen geschaut haben wir uns erst am nächsten Tag, als wir uns in der Lobby trafen. Das war wirklich magisch, er hatte ja so warme Augen, so Teddybär-Augen. Da war sofort diese Chemie, eine Seelenverwandtschaft. Er hat mir später gesagt, dass es ihm genauso ergangen sei.

Kohl, Herbold (ganz rechts) im Urlaub
privat

Kohl, Herbold (ganz rechts) im Urlaub

SPIEGEL: Um ehrlich zu sein, klingt das wie in einem Roman über den "Bergdoktor". Ihr Buch rutscht ins Kitschige, wenn Sie zum Beispiel über die "Glücksschauer" schreiben, die Sie ergriffen haben.

Herbold: Pures Glück mögen Unbeteiligte als Kitsch empfinden. Ich kann es nur so wiedergeben, wie ich es erlebt habe. Sie müssen verstehen, wie glücklich ich mit ihm in dieser Zeit war.

SPIEGEL: Als Beleg ihrer langjährigen Liebesbeziehung zum Kanzler der Bundesrepublik führen Sie nur ein gemeinsames Foto an. Es ziert nun auch den Titel Ihres Buches. Haben Sie Tagebucheinträge, Bilder, Kalender, die Ihre Schilderungen belegen?

Herbold: Beim Umzug von Frankfurt nach Berlin ist die wichtigste Kiste meines Lebens verloren gegangen, mit allen Fotos und persönlichen Unterlagen. Aber außer diesem einen Bild gibt es ohnehin keines, das mich mit Kohl alleine zeigt. Ich habe ihn auch in der Öffentlichkeit gesiezt. Mir war wichtig, dass die Beziehung nicht bekannt wurde. Ich habe 2016 gegenüber der "Bunten" eine eidesstattliche Versicherung über die Wahrhaftigkeit meiner Schilderungen abgegeben. Und nach diesem ersten Interview haben weder Kohl noch seine Familie etwas dementiert.

SPIEGEL: Sie zitieren ganze Dialoge mit Kohl wörtlich, und beschreiben im Detail, welche Kleidung er wann trug. Wie können Sie sich ganz ohne Aufzeichnungen so genau daran erinnern?

Herbold: Wenn er gegangen ist, das ist das Los einer Geliebten, bin ich alleine zurückgeblieben. Dann setzte ich mich hin und ließ alles Revue passieren: Das hat er angehabt, das hat er mir mitgebracht, das habe ich gekocht, das haben wir besprochen. Als ich mit dem Buch anfing, strömten zuerst nur die Dialoge aus mir heraus. Die hatte ich alle noch im Kopf. Die Daten konnte ich in meinen damaligen Bürokalendern nachsehen. Da habe ich seine Besuche immer eingetragen - mit seinen Initialen.

SPIEGEL: Ihr Buch offenbart ein widersprüchliches Frauenbild des Altkanzlers. Einerseits verstand er demnach früher als seine CDU-Kollegen, dass Frauen für denselben Erfolg viel mehr leisten müssen als Männer. Andererseits lästert Kohl bei Ihnen über schlecht gekleidete Frauen und Emanzen mit Doppelnamen.

Herbold: Er hat talentierte Frauen gefördert, mochte es aber auch, wenn sie fraulich waren. Er sagte immer: Ihr habt doch einen Vorteil, ihr könnt viel mehr glänzen als Männer. Mir gab er immer das Gefühl, dass ich etwas kann und auch etwas bewegen kann. Da hat er mich wirklich unterstützt.

SPIEGEL: Zugleich hat er seine Ehefrau mit Ihnen betrogen.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Frau Hannelore am 6. März 1983 in der CDU-Zentrale in Bonn. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP hatte bei der Bundestagswahl 55,8 Prozent der Stimmen erreicht.
Heinrich Sanden/DPA

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Frau Hannelore am 6. März 1983 in der CDU-Zentrale in Bonn. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP hatte bei der Bundestagswahl 55,8 Prozent der Stimmen erreicht.

Herbold: Er hat immer sehr liebevoll über seine Frau gesprochen, aber beide hatten wohl ein Agreement. Er sagte mir immer: Mach dir keine Sorgen, es ist alles geregelt. Sie hat auch jemanden. Ich wusste auch, dass beide getrennte Schlafzimmer hatten.

SPIEGEL: Sie schreiben auch über das größte Drama des Kanzlers, die CDU-Spendenaffäre. Wie haben Sie davon erfahren?

Herbold: Als er Ostern 1997 in einem Fernsehinterview sagte, er werde zur Bundestagswahl 1998 wieder antreten, war ich sprachlos, denn bis dahin hatte er mir immer das Gegenteil erzählt. Er hatte sogar Pläne für uns gemacht, beispielsweise zum Great Barrier Reef nach Australien zu reisen. Er hatte aber mehrfach angedeutet, dass eine Verschwörung gegen ihn im Gange sei, ohne mir zu sagen, worum es ging. Und plötzlich änderte er auch seine Meinung, dass Wolfgang Schäuble sein Nachfolger werden sollte.

SPIEGEL: Wie hat er Ihnen das begründet?

Herbold: Als ich ihn fragte, wurde er richtig brummig und wollte erst nicht darüber reden. Ich habe nachgebohrt und dann sagte er plötzlich: "Ich kann Schäuble nicht als Nachfolger zulassen." Es sei etwas vorgefallen. Es ging um den Waffenhändler Karlheinz Schreiber, der Schäuble Geld gegeben habe.

SPIEGEL: Kohl hat zugegeben, selbst ein Vielfaches dieser Summe angenommen zu haben, bis zu zwei Millionen Mark. Wie kann er da über Schäuble sagen, dass der nicht sein Nachfolger werden könne?

Herbold: Dafür müssen Sie folgende Geschichte kennen: Als sein Bruder Walter Kohl in den Krieg zog, hat Helmut ihn zur Straßenbahn gebracht. Der Bruder drehte sich am Treppenabsatz der Bahn um und sagte zu Helmut: "Pass auf dich auf, ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama." Helmut konnte nichts mehr sagen, die Türen gingen zu, aber er spürte Angst in dem Moment. Sein Bruder fiel im Krieg. Seit diesem Erlebnis galt sein ganzes Bestreben, Krieg zu vermeiden und dazu gehörten auch Waffenlieferungen. Das war Helmut Kohls sentimentaler Grund. Die Fakten, die er mir damals vertraulich erzählt hat, sind ein weiterer.

SPIEGEL: Bevor die Spendenaffäre bekannt wurde, hat Kohl die Bundestagswahl 1998 verloren.

Herbold: Schon die Wahlniederlage war ein schwerer Schlag, aber während der Spendenaffäre habe ich ihn nicht wiedererkannt. Er war ausgelaugt, ein gebrochener Mann. Er saß zusammengekauert an meinem Tisch, die Schultern nach vorn gebeugt. Ich habe ihm auf den Kopf zugesagt: Aus der Nummer mit den Spendern kommst du nicht mehr raus.

SPIEGEL: Haben Sie ihn gefragt, woher die Spendengelder kamen?

Herbold: Ich habe ihm drei Namen genannt, wen ich für die Spender hielt. Und ich wollte gerade einen vierten nennen, da fiel ihm plötzlich das alte Silberbesteck von meiner Großmutter auf den Porzellanteller. Helmut guckte mich sprachlos an, und es stand auf seiner Stirn: Wenn sie diese Namen schon kombiniert, dann werden die Journalisten das auch tun.

Helmut Kohl neben Wolfgang Schäuble, am 3. Februar 1998 vor Beginn der Fraktionssitzung im Bonner Bundeshaus. Mit den Worten: "Solche Bilder hängen einem jahrelang nach" zieht Schäuble seinen Kopf weg.
DPA

Helmut Kohl neben Wolfgang Schäuble, am 3. Februar 1998 vor Beginn der Fraktionssitzung im Bonner Bundeshaus. Mit den Worten: "Solche Bilder hängen einem jahrelang nach" zieht Schäuble seinen Kopf weg.

SPIEGEL: Als wahrscheinlicher gilt ja heute, dass es gar keine anonymen Spender gab, sondern die schwarzen Kassen noch aus Zeiten der Flick-Affäre stammten.

Herbold: Daran glaube ich nicht. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, ob meine drei Namen die richtigen waren, aber ich habe Kohls Reaktion gesehen, und die war ehrliche Angst.

SPIEGEL: Hat Kohl mit Ihnen auch darüber gesprochen, wie seine Partei mit der Spendenaffäre umging?

Herbold: Er war sehr enttäuscht und verletzt darüber, wie sich Wolfgang Schäuble und auch Angela Merkel verhalten haben - das hatte er anders erwartet. Vor allem für Merkel hatte er einfach nur noch tiefe Enttäuschung übrig, weil sie so über ihn gerichtet hat.

SPIEGEL: Die Spendenaffäre stürzte die CDU in eine tiefe Krise, Kohls Nachfolger mussten die Scherben aufkehren. Was hat er da anderes erwartet?

Herbold: Er hatte wohl mehr Anstand erwartet, vor allem von Angela Merkel, die er gefördert und zur Umweltministerin gemacht hatte. Und am Ende ließ sie ihren Mentor fallen. Ich tröstete Helmut: Sieh, es ist wie bei Bismarck. Der hat ja auch viel für Deutschland getan und musste dann einfach gehen.

Die damalige Frauenministerin Angela Merkel während des Parteitags der CDU am 16. Dezember 1991 im Kulturpalast in Dresden neben Kohl
Michael Jung/DPA

Die damalige Frauenministerin Angela Merkel während des Parteitags der CDU am 16. Dezember 1991 im Kulturpalast in Dresden neben Kohl

SPIEGEL: Wenn wir schon bei Spenden sind, Sie haben ja angeblich auch mal eine Spende von ihm bekommen.

Herbold: Er hat mir geholfen, meine sehr teure Scheidung zu bezahlen. Die Anwälte, einen davon hatte Kohl mir empfohlen, schickten mir Rechnungen über fast 30.000 Mark. Ich war in dieser Phase sehr mitgenommen und richtig depressiv. Da schob er mir eines Tages einen Umschlag mit 50.000 Mark zu. Ich wollte das Geld erst nicht annehmen, aber er bestand darauf. Er sagte, er wolle, dass es mir gut geht.

SPIEGEL: Stammten die 50.000 Mark auch aus Parteispenden?

Herbold: Nein, es kam definitiv von ihm privat.

SPIEGEL: Kohl hat Ihnen auch ein Staatsgeschenk des französischen Präsidenten Jacques Chirac überlassen.

Herbold: Ja, einen teuren Kristallapfel. Er wusste, dass ich Kristall gern mag und wollte mir eine Freude machen, indem er sein Geschenk des französischen Präsidenten mir schenkt.

SPIEGEL: War Helmut Kohl fähig, Fehler einzugestehen?

Herbold: Erinnern Sie sich an diese Szene in Halle, wo er mit Eiern beworfen wurde? Helmut war so wütend und ist auf den Werfer losgegangen. Später habe ich zu ihm gesagt: Du musst die Leute verstehen. Du erzählst ihnen von blühenden Landschaften, dabei wissen wir, es wird noch Jahrzehnte dauern, bis sich der Osten dem Westen angeglichen hat. Das Wort blühend hätte er damals vermeiden sollen, finde ich.

SPIEGEL: Sah er das auch als Fehler?

Der Eierwurf von Halle: Nachdem Kohl am 10. Mai 1991 vor dem Stadthaus in Halle von einem Demonstranten mit Eiern beworfen worden ist, versucht er sich in Rage einen Weg durch die Menge zu bahnen, um den Täter ausfindig zu machen.
Peter Kneffel/DPA

Der Eierwurf von Halle: Nachdem Kohl am 10. Mai 1991 vor dem Stadthaus in Halle von einem Demonstranten mit Eiern beworfen worden ist, versucht er sich in Rage einen Weg durch die Menge zu bahnen, um den Täter ausfindig zu machen.

Herbold: Das sah er sicherlich auch als Fehler. Aber er wollte den Menschen Hoffnung machen und nicht sagen: Richtet euch bitte drauf ein, dass es euch allen erst mal schlecht geht.

SPIEGEL: Kohl hat über Kollegen aus der eigenen oder manch anderen Partei gerne barsch gesprochen und nie ein Blatt vor dem Mund genommen. Wie erklären Sie sich das?

Herbold: Ich hatte sehr stark das Gefühl, dass er misstrauisch war und den Menschen nicht bedingungslos traute. Und so entstand eine große Einsamkeit. Auf der einen Seite stand er im Licht und wenn es dann ausgeknipst wurde, war er alleine da.

SPIEGEL: Wie würde Kohl wohl die Lage der CDU heute beurteilen?

Herbold: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich weiß noch, dass ich ihm damals gesagt habe: Ich finde eigentlich die Kombination Schwarz-Grün ganz interessant.

SPIEGEL: Was hat er dazu gesagt?

Herbold: Er sagte, Mädchen, so weit sind wir noch lange nicht.



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