Hentschel-Beerdigung Die letzte Party des Bordellkönigs

St. Pauli nimmt Abschied von Stefan Hentschel: Nach dem Selbstmord des Kiez-Paten kamen mehr als 300 Kumpels auf dem Ohlsdorfer Friedhof zusammen. Ein Schaulaufen der Eitelkeiten.

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Hamburg - Sein Sarg ist in ein Meer von mehr als hundert flackernden Kerzen und 20 wuchtigen Blumengebinden gebettet. Davor lehnt ein Porträt von ihm, lachend, die Augen sind nur noch kleine Schlitze. Ein anderes Foto, umrahmt von dunkelroten und weißen Rosen, zeigt ihn ernst, geschäftig, welterfahren. Ein letztes Mal steht Stefan Hentschel im Mittelpunkt - und mehr als 300 Kiezgestalten erweisen ihm in der Trauerhalle B des Ohlsdorfer Friedhofes die letzte Ehre.

Es hätte Stefan Hentschel gefallen, wie sie alle seinetwegen aufmarschieren. Das Schaulaufen beginnt schon eine Stunde vor der Trauerfeier: Sonnenbebrillte und muskelbepackte Männer in teuren Anzügen und Ledermänteln klopfen sich kräftig auf die Schultern. Großes Hallo. Sie sind sonnenstudiobraun, haben ihre Haare mit Pomade zurückgekämmt, die Glatzen blank poliert. Die wenigen Damen sind leuchtend geschminkt und gefärbt, in Pelz- oder Teddymäntel gehüllt. Einige haben ihr letztes gutes Paar Schuhe, die einzige schwarze Stoffhose ausgegraben, Hochwasser nimmt man in Kauf. Den meisten mag man nicht nachts alleine begegnen.

Vor dem Krematorium parken sie ihre Coupés, Cabrios und Rolls-Royces. Dezenz ist nichts fürs Milieu. Entsprechend riesig fällt auch der letzte Gruß der Zuhälter-Kumpels an den einstigen Bordellkönig aus: So groß wie ein Traktorrad ist ihr Kranz und voller blutroter Rosen und Weihnachtssterne. "Ein lieber letzter Gruß - von den Jungs" steht auf der Schleife. Auch "die Crew aus der Ritze", Kalle, Schneo, die Jungs vom Stammtisch haben nicht mit Extravaganz und aufwendigen Kränzen gespart.

Das Milieu ist sprachlos nach Hentschels Tod

Zum Beginn der Trauerfeier erklingt laut Jennifer Rushs Achtziger-Jahre-Hit "The Power of Love" - wie passend. Denn auch für Hentschel waren vor allem die Achtziger die goldenen Zeiten. Viele St.-Pauli-Größen aus jener Zeit hat Hentschels Tod zusammengeführt. Viele haben den Absprung geschafft, es ist ein Wiedersehen nach Jahren. "Ich bin vor 20 Jahren ausgestiegen", erzählt einer. Und doch klingelte noch in der Nacht, in der sich Hentschel das Leben nahm, sein Telefon.

Nichts spricht sich so schnell auf St. Pauli herum wie der Tod. "'Der Stefan ist tot!' - Wie oft hat man das in den letzten Tagen gehört", sagt Trauerrednerin Heidrun Baginski. Sie war schon oft Sprachrohr für die sonst großmäuligen Kiezgrößen. Wenn es um den Tod geht, verschlägt es ihnen meist die Sprache. "Keiner war in der Lage, an Stefans Grab zu sprechen", sagt einer der Boxer, mit denen Hentschel im Keller der Kiez-Kneipe "Ritze" fast täglich trainierte.

Selbstmord als letzter Ausweg

"Selbst bestimmt leben wollte er immer, das war nicht immer möglich. Aber selbst bestimmt sterben schon", sagt die Trauerrednerin. Sie spricht über Hentschels Kindheit, die ihn prägte, weil er beim Einkaufen oft anschreiben lassen musste. Damals habe er sich geschworen "Das will ich nicht" Umso bitterer muss es für ihn gewesen sein, am Ende das Ruder nicht mehr herumreißen zu können - Selbstmord als letzter Ausweg.

"Er hatte eine raue Schale, aber einen weichen Kern", sagt Trauerrednerin Baginski. Den weichen Kern allerdings hätten nicht viele gekannt. "Stimmt nicht", sagt ein ehemaliger Weggefährte. "Der Stefan ist einem so begegnet, wie man auf ihn zuging." Oft habe er stundenlang an der Elbe gesessen. "Dort lud er seine Akkus auf."

Zwei Seelen ruhten in seiner Brust. "Er rastete oft aus, hatte oft das Gefühl, sich wehren zu müssen", sagt die Rednerin. Doch ebenso oft versank er in Melancholie und Nachdenklichkeit, gerade am Schluss trat diese Seite immer mehr in den Vordergrund. Und doch waren alle überrascht, als in jener Nacht die Handys klingelten. "Das hätte keiner geahnt, dass sich der Stefan was antut", sagt "Ritze"-Chef Hanne Kleine sichtlich betroffen.

Hentschel wird auf eigenen Wunsch eingeäschert

"Er hat geliebt und gehasst, gestreichelt und geschlagen, gewonnen und verloren", sagt die Rednerin - und viele nicken zustimmend, als sie nachschiebt: "Verlierer wollte er nicht sein. Zuerst wollte er 'Tschüß' sagen - erst sich selbst und heute Ihnen." Weinend nimmt seine Tochter Nicole, dem Vater sehr ähnlich, Abschied vom Vater an dessen Sarg, der wenige Stunden nach der Trauerfeier auf Wunsch des Toten eingeäschert wird. Die Urne soll im Grab seiner Eltern beigesetzt werden.

"Er war ein Verrückter, aber ein Lieber", sagt eine alte Bekannte, deren Make-up unter den Tränen der Trauerfeier gelitten hat. "Vielleicht ist es besser, dass er den Zeitpunkt selbst gewählt hat. Er konnte wirklich nur schlecht verlieren, wer weiß, wie es für ihn ausgegangen wäre - mit all den Geldsorgen und seiner Drogensucht."

Er habe nicht zufällig die "Ritze" für seinen letzten Auftritt gewählt, sagt einer, der mit Hentschel noch Anfang Dezember lange gesprochen hat. "Das war sein Leben, wir waren sein Leben. Schlimm, dass er niemanden mehr um Hilfe bitten wollte." Ein anderer Kumpel mischt sich ein: "Sein Leben war 'ne Party und er hat sie so beendet, wie wenn jemand die Musik abstellt. Ihm blieb auf jeden Fall ein jämmerliches Ende erspart, das wollte er so. Vielleicht hat er einfach zu viele jämmerliche Enden miterlebt."

Stefan Hentschel wollte nicht zur Last fallen - oder gar enden wie Ex-Boxweltmeister Eckhard Dagge ("Viele Weltmeister sind Alkoholiker geworden, aber ich bin der erste Alkoholiker, der Weltmeister wurde"). Hentschel hatte den gleichaltrigen, an Krebs erkrankten Freund bis zu seinem Tod am 4. April am Sterbebett begleitet.

Auch seinen jüngeren Bruder Bernd - das völlige Gegenteil des extrovertierten Stefan Hentschel - belastete die Kiezgröße nicht mit seinen Problemen. Eine intensive Kindheit verband die beiden bis zum Schluss. Trotz des unterschiedlichen Lebensstils hielten die beiden zusammen. "Wir haben uns zuletzt seltener gesehen als zuvor. Wir haben noch einmal telefoniert", sagt Bernd Hentschel. "Ein Wiedersehen wäre schön gewesen." Traurig blickt er ins Leere und schiebt nach: "Naja, das gibt es ja vielleicht doch noch irgendwann."



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