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28. April 2019, 15:43 Uhr

Sohn des "Herr der Ringe"-Schöpfers

John Tolkien als Kind offenbar selbst sexuell missbraucht

Der  katholische Priester John Tolkien stand unter Verdacht, Minderjährige missbraucht zu haben. Jetzt offenbart ein Gesprächsmitschnitt, dass der Sohn des "Herr der Ringe"-Autors in seiner Kindheit wohl selbst zum Opfer wurde.

Mit seinem Roman "Herr der Ringe" schuf der Schriftsteller und Philologe John Ronald Reuel Tolkien eines der bedeutendsten Werke der Fantasy-Literatur. In Kürze kommt seine Filmbiographie "Tolkien" in die Kinos - ein Anlass für verschiedene britische Medien, sich der dunklen Seite der Familiengeschichte des Schriftstellers zu widmen.

Denn: Auch 45 Jahre nach dem Tod des Autors gibt es immer wieder neue Details zu mutmaßlichen Missbrauchstaten, die sich im Umfeld der Tolkiens ereignet haben sollen.

J. R. R. Tolkien hatte vier Kinder. Sein erstgeborener Sohn John Francis Reuel, ein Priester der katholischen Kirche, musste sich wiederholt gegen Vorwürfe zur Wehr setzen, er habe Minderjährige sexuell missbraucht. Erste Anzeigen waren Anfang der Neunzigerjahre bei der britischen Polizei eingegangen.

Unter anderem erklärte ein ehemaliger Ministrant, er sei im Alter von elf Jahren mehrmals von John Tolkien vergewaltigt worden. Der Geistliche hatte die Vorwürfe stets bestritten, bei den nachfolgenden Ermittlungen konnten ihm die Taten nicht nachgewiesen werden.

Die Unabhängige Kommission zur Aufklärung von Kindesmissbrauch (IICSA) in Großbritannien hat Berichte mutmaßlicher Opfer gesammelt, die Tolkien vorwarfen, sie während seiner Amtszeit in Birmingham und Stoke-on-Trent sexuell missbraucht zu haben.

Wie der britische "Guardian" berichtet, wurde jetzt bekannt, dass der Sohn des Schriftstellers als Kind mutmaßlich selbst missbraucht wurde - angeblich von Freunden seines berühmten Vaters. Die Übergriffe sollen sich in den Zwanzigerjahren ereignet haben, als J. R. R. Tolkien einen Lehrstuhl für Angelsächsisch am Pembroke College in Oxford innehatte.

In einer dem "Observer" vorliegenden Audio-Aufnahme eines Gesprächs zwischen Tolkien und einem seiner mutmaßlichen Opfer sagt der Priester demnach: "Als Junge war ich ständig von meinem Vater und seinen Kollegen umgeben. Seine Kollegen waren fast ohne Ausnahme Akademiker, und, wissen Sie, einige von Ihnen waren ziemlich seltsame Typen."

Häufig hätten die Gäste im Haus übernachtet. "Ich bin oft morgens wachgeworden und habe jemanden entdeckt, der das Bett mit mir geteilt hatte", so die Stimme auf dem Band. In der Nacht hätten sich "Dinge" ereignet. "Ich wusste das. Wenn Du ohne Pyjama aufwachst, obwohl du beim Zubettgehen einen anhattest, wunderst du dich doch, oder?"

Ein mutmaßliches Missbrauchsopfer aus Birmingham soll das Gespräch mit dem Priester im Juni 1994 aufgenommen haben, im vergangenen Jahr wurde es der unabhängigen Ermittlungskommission IICSA übergeben. Den Angaben zufolge soll John Tolkien den damals Minderjährigen 1956 zweimal missbraucht haben. Das mutmaßliche Opfer hatte 2001 bei der Polizei Angaben gemacht, sich dann aber gegen eine Anzeige entschieden, schreibt der "Guardian".

John Tolkien starb 2003 im Alter von 85 Jahren, sein mutmaßliches Opfer 2018. Die Aufnahme war danach im Besitz der Hinterbliebenen.

Trotz der ungeklärten Vorwürfe, die im Raum stehen, ist das Interesse am literarischen Erbe des Vaters ungebrochen. Amazon Prime plant für 2021 den Start einer Serie, die auf Tolkiens "Herr der Ringe" basiert. Ein Rekordbudget von angeblich einer Milliarde Dollar soll dafür zur Verfügung gestellt werden, allein die Rechte an den Büchern sollen mehr als 220 Millionen Euro gekostet haben.

Während die "Der Herr der Ringe"-Trilogie und die "Hobbit"-Filme des Regisseurs Peter Jackson in Neuseeland gedreht wurden, soll Amazon in Schottland passende Locations ausgemacht haben. Zum Inhalt und den Figuren im Zentrum der Serie ist noch nicht viel bekannt, auch die Zahl der geplanten Staffeln wurde noch nicht genannt.

Der Erfolgsautor J. R. R. Tolkien starb am 2. September 1973 im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit. Sein ältester Sohn John las zur Beerdigung die Messe.

ala

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