Abschied von einem Todkranken Das letzte Spiel

Seit Jahrzehnten spielen vier Freunde Skat, immer gab es ein nächstes Spiel, nur dieses Mal nicht. Einer ist todkrank, zum letzten Mal mischen sie die Karten. Über einen Abschied im Hospiz.

Skatspiel im Hospiz: "Man muss wissen, wann's gut ist"
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Skatspiel im Hospiz: "Man muss wissen, wann's gut ist"


Hamburg - Vier Freunde sitzen in gemütlichen Sesseln, Sonnenstrahlen fallen auf die cremeweißen Wände des kleinen Raumes, in einem Aquarium ziehen Fische ihre Kreise. Paul, Helmut, Jürgen und Rainer trinken Kaffee und stilles Wasser, essen Blaubeerkuchen.

Früher kamen sie erst bei Dämmerlicht zusammen, sie fluchten und flachsten, über die Arbeit, die Frauen, das Leben. Zu Frikadellen oder Jägerschnitzel tranken sie Bier, später Schnaps. Der Raum füllte sich mit Rauch.

So spielten sie früher, als Rainer noch gesund war. Nun sitzen sie im Hospiz Leuchtfeuer, Paul greift nach den Skatkarten, mischt und teilt aus. Sie spielen ihr letztes Spiel.

Rainer, 63, hat Lymphdrüsenkrebs im Endstadium, seit Juni lebt er im Hamburger Hospiz. Noch ein letztes Mal mit den alten Freunden Skat spielen, das war ihm wichtig.

Als Uwe Seeler 1960 mit dem HSV Deutscher Fußballmeister wurde, haben die Jungs auf der Straße Lederbälle gegen Hauswände gedonnert. Seit Mitte der siebziger Jahre dreht sich ihre Freundschaft nicht mehr nur um Strafstöße und Tore, sondern auch um Stiche und Trümpfe. So lange treffen sich die Männer bereits regelmäßig, mal monatlich, mal auch nur alle sechs Wochen, um am Küchentisch oder in der Stammkneipe um Kleingeld zu spielen.

"Es gibt nichts Wichtigeres als Skat"

Die erste Runde ist noch nicht entschieden, da kommt eine Ärztin in den Aufenthaltsraum, um sich von ihrem Patienten zu verabschieden. In einer Woche, sagt sie, sei sie wieder im Hospiz, und nun wolle sie nicht weiter stören. "Ich habe ihr erklärt, dass es nichts Wichtigeres gibt als Skat. Alles weitere können wir auch am Telefon klären", sagt Rainer und lacht. Paul unkt: "Wie kann es sein, dass jemand diese Weisheit anzweifelt?" Rainer prustet.

Auf jeden wartet irgendwann das letzte Spiel, das letzte Treffen mit Freunden. Die meisten erfahren es nicht. Rainer weiß es.

Die Männer lachen ausgelassen, sie unterhalten sich nach jeder Runde darüber, wer wie viele Könige und Asse hatte, und sie diskutieren, warum Jürgen schon so früh nicht mehr einzuholen ist. Sie fachsimpeln, dass man Karo immer spielen könne. Fast drei Stunden lang kreisen die Gespräche um das Wetter ("zu heiß"), um Pauls Ruhestand ("zu entspannt") und den Sturm des FC St. Pauli ("zu kreativlos"). Beim Skat bekommt man nichts geschenkt - daran erinnern sich die Freunde gegenseitig; wenn einer die Karten mischt, fordern die anderen einander auf, etwas aus ihrem Blatt zu machen.

Es ist wie früher, als spiele der Tod keine Rolle.

Rainer sitzt in einen roten Ledersessel versunken, die hageren Beine überschlagen. Bei einer Größe von 1,94 Metern wiegt er nur noch 59 Kilogramm: Die Haut spannt über seinen Rippen, das Shirt schlackert um die dürren Oberarme. Den Weg von seinem Zimmer im dritten Stock in den Aufenthaltsraum eine Etage tiefer hat er nur unter Keuchen geschafft.

Wie bei Guns N'Roses

Als er Mitte April die Diagnose Lymphdrüsenkrebs erhielt, waren die Metastasen an seinem Hals faustgroß. Nach 25 kräftezehrenden Bestrahlungen verweigerte der 63-Jährige eine Chemotherapie und die meisten Medikamente. Die Ärzte versprachen ihm noch einige Wochen Lebenszeit, auf Monate wollte sich niemand festlegen. "Heute würde ich früher ins Krankenhaus gehen", sagt er, "dann würde ich jetzt vielleicht nicht hier sitzen."

Der Ton in der Herrenrunde ist flapsig, Sentimentalitäten weichen Diskussionen über das Spiel. Die Freunde wissen seit einigen Wochen, dass Rainer sterben wird. Sie hätten sich mit dem Gedanken abgefunden, sagen sie.

Skatrunde in Hamburger Hospiz: Was gibt es Wichtigeres?
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Rainer sagt, er habe keine Angst vor dem Sterben, er werde einfach einschlafen. Er sagt es so oft, dass man das Gefühl bekommt, er will es sich einreden. "Es wird wie bei Guns N'Roses", sagt er. "Erst 'Knockin on Heaven's Door', dann 'Paradise City'."

Eigentlich wollte er 2015 in Rente gehen, seinen Job in der Buchhaltung einer Hamburger Reederei aufgeben. Ein Jahr später, so der Plan, wollte er auf die Philippinen auswandern, wo seine Freundin mit dem gemeinsamen Sohn lebt. Mitte der neunziger Jahre haben die beiden sich kennengelernt, seither führt das Paar eine Fernbeziehung. Einmal im Jahr ist Rainer nach Manila geflogen. Jetzt bleibt nur das tägliche Skypen, für den stundenlangen Flug ist er zu schwach. Er möchte aber auch nicht, dass seine Freundin ihn besucht, er will keine Last sein.

Rainer nippt an einem Glas Wasser, sein Blick schweift aus dem Fenster. Der Hafen ist nur einige hundert Meter entfernt, letzte Woche war er noch einmal dort, beobachtete die Möwen und die Schiffe. Immer sei er jemand gewesen, der anpackt. Nun schafft er den Weg ans Wasser nur, wenn ein Pfleger ihn im Rollstuhl schiebt. Erdbeeren und Bananen schmecken für ihn gleich, Wärme empfindet er kaum noch, jeder Satz strengt ihn an.

22 Jahre lebte er in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Hamm. Ende August endete der Mietvertrag. Seine Freunde verpackten sein Hab und Gut in Kartons und schickten es dem fünfzehnjährigen Sohn nach Manila: den kleinen Fernseher, den Laptop mit dem gebrochenen Scharnier, seinen Scanner, Konservendosen. Der Rest wurde entsorgt. Seine Eltern sind gestorben, zu der Zwillingsschwester besteht kein Kontakt. Die Skatfreunde sind in Rainers letzten Wochen seine engsten Begleiter.

"Man muss wissen, wann's gut ist"

Nach sieben Runden sind Rainers Kräfte geschwunden, das Spiel endet. Einzeln werden Helmut, Jürgen und Paul ihn noch besuchen, aber häufig wird das nicht mehr sein. Jürgen hat gewonnen, wie so oft: "Ich habe gut gespielt und bin doch nur Zweiter - so läuft's manchmal", sagt Rainer.

Seine Skatbrüder versichern beim Gehen, Rainers Zustand habe sich verbessert in den vergangenen Tagen. Sie schlagen vor, noch einmal zusammen die Karten zu dreschen. Vielleicht muss es heute doch nicht das letzte Spiel gewesen sein?

Rainer sagt "ja, ja" und lässt sich von jedem der drei aufmunternd auf die Schulter klopfen. "Man muss wissen, wann's gut ist", sagt er und schüttelt den Kopf. Er falle zwar aus, aber Helmut, Jürgen und Paul könnten auch alleine reizen und ramschen. "Genau genommen spielt man Skat ja auch nur zu dritt."

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