Hugo Egon Balder "Ich mach einfach nur Quatsch"

Genial, wenn auch daneben: Nach diesem Motto macht Hugo Egon Balder Fernsehen. Der Moderator, Produzent und Musiker tritt jetzt im "Tatort" auf. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, wieso er Schauspielen liebt - und trotzdem weiter Quatsch mit Hella von Sinnen machen will.

SPIEGEL ONLINE: Herr Balder, auch 17 Jahre nach Ende der Sendung "Tutti Frutti" werden Sie noch "Herr der Möpse" genannt. Nervt das oder sind Sie stolz, etwas Dauerhaftes geschaffen zu haben?

Hugo Egon Balder: Mir war damals schon klar, dass ich das so schnell nicht loswerde - aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, da habe ich was Dauerhaftes geschaffen. Die Jüngeren, die 20-Jährigen, wissen gar nicht mehr, was "Tutti Frutti" ist, die kennen mich nur von dem, was ich heute mache, wie "Genial daneben". Die haben ein anderes Bild von mir, und das ist auch schön so.

SPIEGEL ONLINE: Also hoffen Sie, dass sich irgendwann niemand mehr an Ihre frühen Fernsehtage erinnert?

Balder: "Tutti Frutti" war im Gegensatz zu vielem, was heute passiert, ganz harmlos. Ich muss mich dafür nicht schämen. Die Sendung hat das Privatfernsehen geprägt und Riesenspaß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Den Absprung vom Ramsch-TV haben Sie aber nie geschafft. In letzter Zeit haben zum Beispiel "Peng. Die Westernshow" und "Jetzt geht's auf den Rummel!" moderiert. Was treibt Sie zu solchen Sendungen?

Balder: Die Geschichte mit dem Rummel hat mir und Hella von Sinnen einfach Spaß gemacht. Da war ja auch nichts Ernsthaftes dahinter - so wie "Alles nichts oder?!" auch nur Quatsch war. Bei den ganzen Wow-Shows wie "Peng. Die Westernshow" hatten wir eigentlich gedacht, es mal wieder zu schaffen, so etwas wie eine Familienshow zu machen - aber das funktioniert einfach nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Medien urteilen oft, Ihre Sendungen seien trashig, infantil, sinnbefreit.

Balder: Dann sind die Sendungen trashig, dann sind sie infantil, dann sind sie sinnbefreit. Aber ich mach mich über keinen lustig, ich führe auch keinen vor - und die Leute, die dabei sind, haben alle Spaß. Ich mach einfach nur Quatsch, ich mach einfach nur Unterhaltung. Wenn Leute den ganzen Tag hart gearbeitet haben, dann wollen sie sich abends auch einfach mal unterhalten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die Quoten sind aber nicht immer die besten.

Balder: Ob den Zuschauern das gefällt, was wir machen, weiß ich vorher nicht. Das muss man einfach mal probieren. Und wenn's nicht klappt, ist das nicht tragisch - weil Flops im Fernsehen die Regel sind. Man hat es aber wenigstens probiert. Und ich habe gemerkt, je ehrlicher man ist, umso besser wird's. Selbst wenn die Leute es Scheiße finden, was man macht, müssen sie wenigstens merken, dass es ehrliche Scheiße ist.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn aus Ihrem Plan einer Promi-Sauf-Talkshow mit dem Titel "Der Klügere kippt nach" geworden?

Balder: Das war ein Witz. Auch wenn sich das Gerücht tapfer hält - solch ein Format macht natürlich keiner. Obwohl man das Thema ansprechen muss.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie und Hella von Sinnen in den ersten Shows von "Alles nichts oder?!" immer ohne Skript gearbeitet haben?

Balder: Ja, und das ist bis heute so geblieben. Wir sprechen uns nicht ab. Bei den Proben für die Shows geht es nur um die Spiele, die werden ausprobiert, der Rest nicht. Wir wissen beide vorher nicht, was wir sagen werden.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie uns doch mal das Geheimnis der guten Chemie zwischen Ihnen beiden.

Balder: Wir sind schon wie ein altes Ehepaar, wir sehen uns ja auch privat. Ich schätze Hella sehr, aus einem ganz einfachen Grund: Sie ist eine ehrliche Haut. Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie's, wenn sie laut werden will, wird sie laut, und wenn sie weinen will, dann weint sie. Wir können uns auch gegenseitig Kritik ins Gesicht schleudern, wir sind immer ehrlich, seit 20 Jahren. Und das ist in dieser Branche nicht üblich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Formate würden Sie niemals machen?

Balder: Ich habe Probleme damit, wenn man Menschen vorführt, die sich nicht wehren können. Wenn lauter Ex-Wenig-Promis im Dschungelcamp mitmachen, sind sie selber schuld, aber in vielen anderen Sendungen werden soziale Schichten beleuchtet, die sich nichts dabei denken und die für dumm verkauft werden, nur damit der Sender seine Quote kriegt. Das finde ich nicht lustig. Das würde ich nicht machen, und das gucke ich mir auch nicht an.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von jüngeren Kollegen wie Stefan Raab und Oliver Pocher?

Balder: Stefan Raab ist sensationell gut - der weiß einfach, was er macht. Und Oliver Pocher ist noch jung, der muss noch ein bisschen lernen. Der ist auch schon gut, aber er findet manchmal die Grenze nicht.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie zugeben, dass Stefan Raab ein besseres Gespür für den Geschmack von jüngeren Fernsehzuschauern hat?

Balder: Natürlich, Stefan ist halt jünger. Er ist viel frecher aufgewachsen. Was er in seinen Anfangstagen bei Viva alles getrieben hat, wie er die Leute teilweise angemacht hat - das war schon toll. Der hat keine Angst, der hat auch keinen Respekt. Aber mittlerweile ist er auch in einem Alter, in dem er genau weiß, was er machen kann und was nicht.

Ich kann nicht das machen, was alle machen

SPIEGEL ONLINE: Sie werden nächstes Jahr 60. Ist es nicht irgendwann mal Zeit, mit den Faxen Schluss zu machen?

Balder: Ja, das ist es. Mit Ausnahme von "Genial daneben" - das ist eine Sache, die ich auch noch in 20 Jahren machen würde, wenn es der Sender macht. Das ist altersunabhängig. Die anderen Sachen muss man natürlich zurückfahren, und da ist die Schauspielerei sehr reizvoll.

SPIEGEL ONLINE: Was viele gar nicht wissen: Sie sind gelernter Schauspieler. Wann und warum sind sie von diesem Weg abgekommen?

Balder: Ich war in Berlin sieben Jahre am Schiller-Theater unter Hans Lietzau, das war eine sehr schöne Zeit, eine sehr intensive Zeit, ich habe viel gelernt, mit großen Leuten auf der Bühne gestanden. 1979 gab es dann einen Intendantenwechsel, Boy Gobert konnte mir keine Zusagen machen und so habe ich entschlossen, dem Theater Ade zu sagen und mal was ganz Neues zu machen. Also bin zu Frank Elstner zu Radio Luxemburg gegangen und habe viele Jahre Radio gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dabei festgestellt, dass Ihnen Spontaneität eher liegt als das Auswendiglernen von Drehbüchern?

Balder: Vielleicht liegt es in meiner Natur, dass es mir langweilig wird, wenn ich Sachen zu lange mache. Schon zu Schiller-Theater-Zeiten habe ich Verschiedenes gemacht, ein bisschen Radio, Musik, Schallplatten. Ich hab schon immer gesagt: Warum kann man nicht einfach mehrere Sachen machen?

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es nun zu dem Engagement im "Tatort"?

Balder: Ich habe auch neben meinen Shows weiter auf der Bühne gestanden. In den achtziger Jahren habe ich mit Harald Schmidt im Düsseldorfer Kom(m)ödchen gespielt, vor zwei Jahren war ich nochmal beim Theater. Auch im "Tatort" habe ich schon zwei kleine Rollen gespielt. Die meisten Leute kommen aber nicht auf mich, weil sie nicht wissen, dass ich das will. Die "Tatort"-Autorin und Regisseurin Angelina Maccerone rief mich einfach an, wir haben uns getroffen und dann war ziemlich schnell klar, dass ich das mache.

SPIEGEL ONLINE: Ist der "Tatort" eine singuläre Veranstaltung oder der Beginn einer neuen Lebensphase?

Balder: Ich habe mit meinem Sender Sat.1 schon vor zwei Jahren besprochen, dass ich mehr ins Schauspielerische möchte. Aber es ist ein bisschen schwierig, weil mich die meisten in Rollen sehen, die ich auch im Leben verkörpere: als Hanswurst, als Kasper, als Clown. Es ist eine sehr mutige Entscheidung, mich in Rollen einzusetzen, die man nicht von mir erwartet. Es ist auch sehr schwierig für die Leute, sich an etwas Neues zu gewöhnen. Aber ich habe gerade mehrere Drehbücher Zuhause liegen und gucke jetzt, was ich mache.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre "Tatort"-Rolle als gealterter Rockstar Bodo Dietrich haben Sie sich Haarteile ankleben lassen. Wär das auch was fürs wahre Leben?

Balder: Das ist überhaupt nichts fürs tägliche Leben. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, dass ich damit jünger aussehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie nicht eitel?

Balder: Nein, überhaupt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Über die Figur Bodo Dietrich sagen sie, der gehe nur auf der Bühne richtig ab, privat sei er sehr leise und sehr introvertiert. Trifft diese Beschreibung auch auf Hugo Egon Balder zu?

Balder: In den vergangenen Jahren schon, ja. Das liegt aber auch am zunehmenden Alter, dass man ruhiger wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen heute also in Pantoffeln vor dem Kamin?

Balder: Nee, nee, nee, nee, nee. Das gar nicht. (lacht) Ich versuche, immer was Neues zu machen, irgendwie, irgendwas. Ich werde im Frühjahr eine CD rausbringen. Da werden die Leute sicher auch sagen: Der hat sie nicht mehr alle. Aber so bin ich halt. Ich kann nicht das machen, was alle machen. Das will ich nicht, das wollte ich noch nie.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Sie und Ihre Musik im Internet sucht, stößt man auf Videos aus den späten siebziger Jahren und Titel wie "Ich bin verliebt in eine Brockenhexe"...

Balder: Die "Brockenhexe" und die anderen Lieder auf der Platte waren Verarsche. Statt "Griechischer Wein" haben wir "Ostfriesischer Tee" gemacht - lauter Blödsinn. Aber es war einfach zu früh. Wenn wir "Samstag Nacht" ein Jahr früher gemacht hätten, hätte es auch nicht funktioniert. Die Zeit muss reif sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Autobiografie, die vor fünf Jahren erschienen ist, sollte zuerst "Ich sag jetzt gar nichts mehr" heißen. Ist dieser Satz jemals von Ihnen zu erwarten?

Balder: Das weiß ich nicht. Das kommt darauf an, wie sich alles entwickelt. Wenn ich irgendwann von allem komplett die Schnauze voll habe, dann könnte es passieren, dass ich mal sage, jetzt sage ich gar nichts mehr. Momentan sieht's aber nicht so aus.

Das Interview führte Simone Utler.