Jacksons letzte Botschaften "Der Schöpfer geht, sein Werk überlebt"

In seinen letzten Interviews sprach Michael Jackson oft über die Schattenseiten seines Weltruhms: Opfer, Schmerz, Entbehrungen. "Ich kann nie alleine auf die Straße gehen", klagte er - und offenbarte eine überraschende Vorliebe für klassische Musik.

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Hamburg - Die Stimme des "King of Pop" schwindet, wird übertönt vom Knacken in der Telefonleitung und anderen Nebengeräuschen. Sie geht unter in einem seltsamen Pochen. Eines seiner letzten Interviews gab Michael Jackson per Telefon. Es wurde vom US-Sender ABC ausgestrahlt, als Jackson im August 2008 50 Jahre alt wurde. Doch selbst Reporter Chris Connelly hatte Mühe, die Worte zu verstehen, die der Superstar am anderen Ende der Leitung in den Hörer hauchte.

"Es war ein bisschen surreal", berichtete Connelly später. Im Gespräch offenbarte ihm der Sänger noch optimistisch seine Pläne für die Zukunft (Jackson: "Ich denke, das Beste kommt noch"). Doch nach dem plötzlichen Tod des Musikers ist Connelly einer der letzten Journalisten, die mit dem "King of Pop" sprechen konnten.

Denn Jackson hatte sich rar gemacht. Er zeigte sich in den vergangenen Jahren kaum mehr in der Öffentlichkeit. Vor allem der direkten Begegnung mit Reportern wich er aus, tief getroffen von Berichten und Vorwürfen, er habe sich an minderjährigen Jungen vergangen. Jackson bestritt die Anschuldigungen vehement, 2005 wurde er frei gesprochen.

Zu dem Fall äußerte er sich auch nicht im ABC-Interview. Jackson sprach stattdessen über seine Geburtstagsfeier im engsten Familienkreis: "Ich werde einfach einen kleinen Kuchen essen und mit meinen Kindern Cartoons anschauen." Er sei auch noch längst nicht am Ende seiner Schaffensperiode angelangt: "Ich freue mich noch immer darauf, viele großartige Dinge zu tun."

Und doch zog er auch eine Bilanz nach 50 Lebensjahren und rund vier Jahrzehnten im Musikgeschäft. Der schönste Abschnitt seines Lebens sei die Zeit der Aufnahmen zu seinen Alben "Off the Wall" und "Thriller" gewesen. "Das hat mir sehr viel bedeutet." Ihn habe tief bewegt, wie positiv die Platten vom Publikum aufgenommen wurden. "Ich habe das sehr bewundert."

Doch er verschwieg auch nicht die Opfer, die er für seine Weltkarriere hatte bringen müssen: Jackson war noch keine zehn Jahre alt, als er als Sänger der Familien-Combo "The Jackson Five" auftreten musste. Jetzt, selbst mehrfacher Vater, wolle er deshalb sicherstellen, dass seine eigenen Kinder "jene Dinge tun können, die ich nie tun konnte. Ich lasse sie ihre Kindheit genießen, so gut es eben geht", wisperte er am Telefon.

Dass er selbst nie eine unbeschwerte Kindheit genießen konnte, versuchte Jackson stets zu kompensieren. Mit seiner "Neverland-Ranch" in Kalifornien schuf er sich einen privaten Freizeitpark. "Ich kann nie selbst nach Disneyland. Ich kann nicht einfach raus auf die Straße. Da sind dann Menschenmengen und Autos stehen Stoßstange an Stoßstange. Deshalb habe ich meine Welt hinter meinen eigenen Toren geschaffen", erklärte Jackson im Jahr 2003 dem US-Sender CBS.

2007 dann erschien Jacksons letztes ausführliches Print-Interview. Das US-amerikanische Magazin "Ebony" druckte ein seitenlanges Gespräch mit dem Superstar. Es war der vermutlich tiefste Einblick, den "Jacko" in den letzten Jahren in sein Seelenleben gewährte: "Ich bin ein schüchterner Mensch", gestand er. Am Anfang seiner Karriere habe er seine Gesprächspartner gar nicht einmal anzuschauen gewagt.

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

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Jackson, mit mehr als 700 Millionen verkauften Tonträgern der kommerziell erfolgreichste Popmusiker aller Zeiten, gestand dem Magazin auch ein überraschendes Faible für klassische Musik. "Es war Tschaikowsky, der mich am meisten beeinflusst hat", schwärmte er. Bei dem Werk "Der Nussknacker" des russischen Komponisten sei "jeder Song ein Killer". Auch er habe danach gestrebt, dass auf seinen Alben jedes Lied ein Hit werde.

Obwohl es um den Musiker Jackson in den vergangenen Jahren ruhig geworden war, sagte Jackson "Ebony", er arbeite täglich und komponiere. Der kreative Prozess gleiche dabei einer Reifung, "fast wie eine Schwangerschaft oder so. Du wirst emotional, und du spürst etwas reifen und - Zauberei - da ist es!"

Es sei ihm bewusst, dass er mit seinem Erfolg Geschichte geschrieben habe. "Ich bin sehr stolz, dass wir Türen geöffnet haben. Wenn du um die ganze Welt reist, Tourneen veranstaltest, in Stadien, siehst du den Einfluss der Musik. Wenn du von der Bühne aus blickst, so weit das bloße Auge reicht, siehst du Menschen." Solch ein Kontakt mit den Fans sei ein wundervolles Gefühl - "aber es ging einher mit sehr viel Schmerz".

Diesen Sommer hatte Jackson wieder den Kontakt mit seinen Millionen Fans suchen wollen. Im März noch hatte er in London vor 20.000 begeisterten Fans den Beginn einer neuen Tournee für diesen Sommer angekündigt. "Wir sehen uns im Juli", schloss der King of Pop, reckte die Faust in die Höhe - und trat ab. Die Konzerte hätten seine letzten Auftritte in Europa sein sollen. Doch Michael Jackson hat sein Comeback nicht mehr erlebt.

Seine Musik aber bleibt fest im Gedächtnis einer ganzen Generation verankert, ganz so, wie er es sich gewünscht hatte. Im "Ebony"-Interview hatte Jackson betont, er wolle "immer Musik machen, die eine andere Generation inspiriert und beeinflusst". Und voller Weitblick fügte er hinzu: "Ich weiß, der Schöpfer wird gehen, aber sein Werk überlebt."

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