Interview mit Jan Fedders Biograf "Ich hatte das Gefühl, dass er seinem Tod ins Auge sieht"

Ende Dezember starb der Schauspieler Jan Fedder, nun erscheint seine Biografie. Autor Tim Pröse verrät, wie es in Fedders Hamburger Wohnung aussah und warum dessen letztes Lebensjahr so beschwerlich war.
Ein Interview von Ansgar Siemens
Jan Fedder bei Dreharbeiten in Hamburg 2012

Jan Fedder bei Dreharbeiten in Hamburg 2012

Foto:

Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Es war eine Szenerie wie bei einem Staatsakt: Am 14. Januar verabschiedeten sich die Hamburger von Schauspieler Jan Fedder. Nach einer Trauerfeier im Michel säumten Tausende die Straßen, als der Korso mit dem Sarg über die Reeperbahn fuhr. Einen Tag vor Silvester war Fedder im Alter von 64 Jahren in seiner Wohnung im Stadtteil St. Pauli gestorben.

Als Schauspieler ("Das Boot", "Großstadtrevier", "Neues aus Büttenwarder") hatte Fedder es weit gebracht, galt als Inbegriff des Norddeutschen, war bekannt für sein ausschweifendes Leben. In den vergangenen Jahren baute er körperlich mehr und mehr ab, war von schwerer Krankheit gezeichnet.

Seit Anfang 2019 hatte er mit dem Autor Tim Pröse an seiner Biografie gearbeitet. Das Buch erscheint nun posthum. Im Interview schildert Pröse seine zahlreichen persönlichen Begegnungen mit Fedder - und erzählt, warum er sich schon länger um den Schauspieler sorgte.

SPIEGEL: Herr Pröse, Sie haben für Jan Fedder dessen Lebensgeschichte aufgeschrieben. Er starb zehn Tage, nachdem er das fertige Manuskript bekommen hatte. Warum heißt das Buch, das nun herauskommt, ausgerechnet "Unsterblich"?

Pröse: Weil vieles von Jan unsterblich bleiben wird. Bei unserem letzten Gespräch Anfang Dezember haben wir uns verschiedene Titelvorschläge überlegt. Ihm gefiel die Idee "Was soll’s? Ich lebe". Doch dann starb Jan. In der Trauer fiel mir das Wort von der unsterblichen Legende ein. Ich sprach mit seiner Witwe Marion Fedder darüber, und auch sie war sofort einverstanden. Das Buch ist ja ein Denkmal aus Zeilen für Jan Fedder. Und ich glaube, dass er für viele Fans noch nicht richtig gestorben ist.

SPIEGEL: Das Buch liest sich in weiten Teilen wirklich so, als lebe Jan Fedder noch. Das wirkt mitunter irritierend.

Pröse: Das Buch ist wie ein Film, in dem man ihn noch einmal lebendig sieht. Ich hatte ja das große Glück, ihn über fast ein Jahr immer wieder zu begleiten. Warum sollte ich diese kostbaren Augenblicke zu einem Nachruf verarbeiten? Ich bin mir sicher, das hätte ihm nicht gefallen.

SPIEGEL: Hat Jan Fedder das Manuskript noch vor seinem Tod autorisiert?

Pröse: Ich hatte ihm die meisten Passagen vorgelesen, und er hatte mir sein Einverständnis gegeben. Das komplette Manuskript hatte ich ihm dann wie versprochen zu Weihnachten geschickt. Er konnte es also noch lesen. Natürlich hat seine Witwe das Manuskript nach seinem Tod auch noch einmal begutachtet.

Die letzte Runde ging über den Kiez: Sargträger verneigen sich vor dem Leichenwagen, der Jan Fedders Sarg transportiert

Die letzte Runde ging über den Kiez: Sargträger verneigen sich vor dem Leichenwagen, der Jan Fedders Sarg transportiert

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

SPIEGEL: Die Biografie war eine Auftragsarbeit. Wie kamen Sie beide in Kontakt?

Pröse: Wir haben uns 2004 kennengelernt. Damals hatte ich als Journalist ein Treffen arrangiert mit den Schauspielern des Kriegsfilms "Das Boot", in dem Jan Fedder den Maat Pilgrim spielte. Danach haben wir uns zwei Mal zufällig getroffen, das war‘s. In der Weihnachtszeit 2018 rief er mich überraschend an. "Hier ist Jan, geht es dir gut?", brummte er ganz tief ins Telefon. Er hatte ein Buch von mir gelesen. Und fragte mich, ob es nicht Zeit sei für seine Biografie.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie ihn dann getroffen?

Pröse: Seit Februar 2019 etwa ein Dutzend Mal, bis kurz vor seinem Tod hatten wir engen Kontakt. Wir waren gemeinsam am Hamburger Hafen, wo er aufgewachsen ist, seine Eltern hatten dort eine Kneipe. Wir trafen uns auf seinem Bauernhof in Schleswig-Holstein, wo er immer wieder Ruhe fand. Am häufigsten waren wir in seiner Wohnung im Stadtteil St. Pauli, ganz nah an der Reeperbahn. Insgesamt habe ich 25 Stunden Gespräche aufgenommen.

SPIEGEL: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an den Austausch mit ihm denken?

Pröse: Sein Gemüt und seine Zugewandtheit, die ja so viele Menschen liebten. Ich habe ihm bei unserem ersten Treffen für unser Buch ein T-Shirt mitgebracht, auf dem ein Sägefisch gedruckt war, das Wappen vom "Boot". Das Shirt hat er auch danach meist getragen. Er hatte immer wunderbar optisch abgerüstet, wenn wir uns sahen. Er trug auch mal eine kurze Hose, war nicht extra frisiert oder zurechtgemacht. Sehr lässig, wie bei guten Kumpels. "Hauptberuflich bin ich Mensch", das hat er ja immer gesagt. Und so war er auch. Wenn ich klingelte, dauerte es immer ein bisschen, bis er die Tür öffnete. Dann war es so innig und spannend mit ihm, als setzte die Zeit aus. Er saß ja in seinem letzten Lebensjahr im Rollstuhl. Aber mit seiner Aura erhob er die Menschen.

Jan Fedder als Kind

Jan Fedder als Kind

Foto: Marion Fedder

SPIEGEL: Im Jahr 2010 erhielt Jan Fedder die Diagnose Mundhöhlenkrebs, später stürzte er mehrfach schwer. Die Krankheiten werden im Buch allerdings nur ganz am Rande erwähnt. Warum?

Pröse: Als der Krebs kam, hat er Unglaubliches mitgemacht. Aber es wäre ihm zuwider gewesen, dass wir das nach seinem Tod noch einmal aufwärmen. Er selbst hat es tapfer und schweigsam mit sich selbst ausgemacht. Das Buch geht in diesem Punkt bewusst nicht ins Detail, das war sein Wunsch. Ich erwähne, dass er in den vergangenen Jahren mehrmals zu Hause aus dem Rollstuhl gefallen ist. Einmal wäre er fast gestorben, weil er sich nicht mehr bewegen konnte und auch nicht mehr ans Telefon herankam. Zum Glück hat seine Frau ihn damals gefunden.

SPIEGEL: Wie sah es zu Hause bei Jan Fedder aus?

Pröse: Behaglich, wie in einer gepflegten Kneipe. Die ganze Wohnung auf St. Pauli und auch der Bauernhof waren voll mit Souvenirs aus seinem Leben. Eine Mütze von Helmut Schmidt gab es da etwa, Matrosen-Skurrilitäten, die sein Urgroßvater aus der Südsee mitgebracht hatte, auf dem Bauernhof einen Schuppen mit ausrangierten Oldtimern. Er wohnte gewissermaßen in seinem eigenen Jan-Fedder-Museum. Ich hatte den Eindruck, je älter er wurde, desto mehr wurde das Sammeln für ihn ein liebevoller Ersatz für all die Dinge, die er nicht mehr tun konnte. Platzhalter für seine Träume.

SPIEGEL: Wie stand es eigentlich um seine Ehe? Er war mit seiner Frau seit dem Jahr 2000 verheiratet - aber die beiden wohnten nie dauerhaft zusammen.

Pröse: Er sagte mir, dass er nie mit einer Frau hätte zusammenleben können. Es war in seiner Beziehung zu Marion von Anfang an klar, dass beide alleine leben würden. Sie hat sich immer mehr damit anfreunden können. Jan mochte das Gefühl, dass man sich aufeinander freut, dass man sich trifft, gemeinsam eine schöne Zeit hat. Und dann wieder auseinander geht und nichts mit der dreckigen Wäsche und dem schmutzigen Geschirr des Partners zu schaffen hat. Ein paar Jahre wohnten beide am Wochenende zusammen, aber auch das änderten die beiden, obwohl sie sich aufrichtig liebten.

Fedder mit Ehefrau Marion 2013

Fedder mit Ehefrau Marion 2013

Foto: Georg Wendt/ dpa

SPIEGEL: Nach seinem Tod gab es Berichte, wonach seine Frau längst einen anderen Partner hatte. Was ist da dran?

Pröse: Bei der Feier nach der Beerdigung richtete Jans bester Freund in Jans Namen eine Rede an Marion - letzte Worte von ihm, die er ihr ausrichten sollte. Darin hieß es: "Genieße das Leben in vollen Zügen, so wie ich es getan habe, so wie wir es getan haben und wie ich es mir von dir wünsche. Süße, scheiß auf die Presse. Verstecke dich nicht. Lebe dein Leben". Das ist mein Kommentar zu den Gerüchten.

SPIEGEL: Was sagt der Drang, allein zu sein, unabhängig zu sein, über den Menschen Jan Fedder aus?

Pröse: Er hat seine Ressourcen komplett für sein Leben im Scheinwerferlicht gebraucht. Natürlich war er in diesem Punkt auch ein Egozentriker. Mich hat das an einen katholischen Priester erinnert, der nicht verheiratet ist, weil er nur für die Gemeinde da sein soll. Er brannte für seinen Beruf. Es war wie bei einer Kerze, die Licht und Wärme gibt. Sie leuchtet besonders dann hell und schön, wenn sie weniger wird. Das war Jan bewusst: Dass er weniger wird. Er hat viel getrunken, aß auch ungesund, am liebsten nur Käsebrote und Nudeln mit Maggi. Ihm war bewusst, dass er sich ein Stück weit ruiniert mit seiner Art zu leben.

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Pröse, Tim

Jan Fedder – Unsterblich: Die autorisierte Biografie

Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 256
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SPIEGEL: Jetzt klingen Sie wie ein Fedder-Fan. Warum glauben Sie, hat ihn das Publikum so geliebt?

Pröse: Jeder, der Jan ein Jahr lang so erlebt hätte, hätte ihn einmal mehr bewundert für seine Tapferkeit und Gradlinigkeit. Ich glaube, viele Menschen spürten seinen Stolz, ein Volksschauspieler zu sein. Willy Millowitsch war der Kölner Dom, Ottfried Fischer ist das niederbayerische Dorf, Götz George spielte das Ruhrgebiet. Jan Fedder war Hamburg und der Hafen. Er war das, was viele sein wollen und was so wenige wirklich sind: ein freier Mensch. Einer, der sich nicht anpasste. Ein Original.

SPIEGEL: Fast 30 Jahre spielte Fedder im "Großstadtrevier" den kantigen Hamburger Streifenpolizisten Dirk Matthies. Beruhte sein Erfolg auch darauf, dass er schlicht sich selbst spielte?

Pröse: Das ist eine häufige Fehleinschätzung. Diese Authentizität zu schaffen, dass die Zuschauer glaubten, sie sähen den wahren Jan Fedder vor sich - genau das zeigte sein Können. Die Menschen dachten: Er spielt nicht. Und er tat dabei genau das. In Perfektion.

SPIEGEL: War er nicht am Ende komplett auf diese Rolle festgelegt?

Pröse: Einspruch. Wahrscheinlich verbinden ihn die meisten Menschen mit dem "Großstadtrevier". Aber er war auch bekannt für den trockenen Humor der Norddeutschen in der Serie "Neues aus Büttenwarder". Seit 2006 reüssierte er als Charakterdarsteller in mehreren Verfilmungen von Erzählungen des Schriftstellers Siegfried Lenz. Und Rollen, um die manche sich gerissen hätten, hat er einfach abgelehnt. Er sollte zum Beispiel Kapitän in der Serie "Das Traumschiff" werden, es gab ein konkretes Angebot vom ZDF. Aber er wollte nicht.

SPIEGEL: Haben Sie während der Arbeit an dem Buch befürchtet, dass Jan Fedder noch vor dem Erscheinungstermin sterben könnte?

Pröse: Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er seinem baldigen Tod ins Auge sieht. Das ganze Jahr über hatte ich deshalb große Sorgen um ihn, besonders wenn er mich nicht zurückrief. Das dauerte ohnehin manchmal Tage. Er besaß nur Telefon und Anrufbeantworter, keine E-Mail, kein Handy. Kurz vor Weihnachten habe ich ihm das Manuskript geschickt, dann hörte ich nichts mehr.

SPIEGEL: Da wurden Sie nervös.

Pröse: Schon etwas, ja. Mit dem Manuskript wollte ich ihm eine Freude machen. Ich weiß heute von seiner Witwe, dass er mit ihr darüber sprach. Ich rief ihn dann mehrfach an, am ersten Weihnachtsfeiertag, am zweiten Weihnachtsfeiertag - aber er ging nicht ran. Dann las ich im Netz die schockierende Nachricht von seinem Tod. In den Tagen davor hatte ich Angst um ihn. Aber dann dachte ich daran, wie sehr er sich nach Ruhe sehnte. Und wie er mir von seiner neuen Lieblingsbeschäftigung erzählt hatte: dem Träumen. Er sagte: "Nichts tue ich in den letzten Monaten lieber als zu schlafen, weil ich so bunt und schön träume." In seinen Träumen spielte er immer noch die Hauptrolle.

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