Pamela Anderson über Julian Assange "Er sagte zu mir: Rette mein Leben!"

Pamela Anderson ist mit Julian Assange befreundet. Sie hat den WikiLeaks-Gründer im Hochsicherheitsgefängnis besucht und berichtet, wie es weitergeht in seinem Kampf gegen die Auslieferung an die USA.
Pamela Anderson vor dem Belmarsh-Gefängnis, in dem Julian Assange inhaftiert ist

Pamela Anderson vor dem Belmarsh-Gefängnis, in dem Julian Assange inhaftiert ist

Foto: Gareth Fuller/DPA

Wie geht es Julian Assange? Und wie geht es mit ihm weiter? Seit fast einem Jahrzehnt steht der WikiLeaks-Gründer im Fokus der Weltöffentlichkeit. Seit WikiLeaks 2010 Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak veröffentlichte, fürchtet Assange, an die USA ausgeliefert zu werden.

Die schwedische Staatsanwaltschaft leitete zudem 2010 wegen eines "minderschweren Falls" von Vergewaltigung ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Er sprach hingegen von einem politisch motivierten Verfahren und von einvernehmlichem Sex. Das Verfahren wurde 2017 eingestellt, weil die Ermittler keine Möglichkeit sahen, die Ermittlungen weiter voranzubringen.

Assange hatte sich schon Ende 2010 zuvor der Polizei in Großbritannien gestellt. Er kam unter Auflagen wieder frei, beantragte im Juni 2012 Asyl in der Botschaft von Ecuador in London. Dort blieb er bis zum 11. April. Dann hob die Regierung Ecuadors Assanges diplomatisches Asyl mit der Begründung auf, er habe gegen die Auflagen dafür verstoßen.

Die britische Polizei nahm ihn wegen des Vorwurfes fest, sich der Justiz entzogen zu haben. WikiLeaks bezeichnete dies als "politisch motiviert". Später teilte die Polizei mit, dass der 47-Jährige auch im Namen der US-Behörden verhaftet worden sei. Das zeigt: Der Fall ist kompliziert. Mancher Beobachter hält die Begründungen für vorgeschoben. Assange hat eine Reihe prominenter Unterstützer, darunter auch Pamela Anderson.

Die US-Justiz wirft Assange eine Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea Manning (früher: Bradley Manning) vor. Assange soll Manning dabei geholfen haben, ein Passwort eines Computernetzwerks der US-Regierung zu knacken. In den USA könnte Assange zudem wegen Spionage angeklagt werden, worauf maximal die Todesstrafe steht. Assange will sich gegen die Auslieferung wehren.

Anfang Mai wurde Assange wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen zu 50 Wochen Haft verurteilt. Derzeit ist er in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert, wo ihn Anderson vor einigen Tagen besuchte. Sie ist eine der bekanntesten Fürsprecherinnen des 47-jährigen Australiers.

SPIEGEL ONLINE: Frau Anderson, Sie haben am Dienstag in London Julian Assange, den Gründer von WikiLeaks, im Belmarsh Hochsicherheitsgefängnis besucht. Was war Ihre Absicht dabei?

Pamela Anderson: Ich habe ihn besucht, weil er mein Freund ist. Ich wollte ihn unterstützen. Ich wollte ihn umarmen. Ich finde, er und WikiLeaks haben der Welt wichtige Informationen zur Verfügung gestellt; über Kriegsverbrechen der US-Army im Irak und andere Übeltaten von Mächtigen. Es ist einfach nicht richtig, ihn für das Publizieren wichtiger Dokumente in ein Hochsicherheitsgefängnis zu werfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Besuch?

Anderson: Es war schrecklich. Ich begleitete Kristinn Hrafnsson, den Chefredakteur von WikiLeaks. Wir mussten unsere Fingerabdrücke hinterlassen und unsere Schuhe und Socken ausziehen. Schließlich saßen wir in einem kleinen Vernehmungsraum, mit Kameras in jeder Ecke.

Pamela Anderson und WikiLeaks-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson

Pamela Anderson und WikiLeaks-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson

Foto: Gareth Fuller/DPA

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck hatten Sie von Julian Assange?

Anderson: Als er schließlich auftauchte, berührte es mich, dass er viel dünner war als vor rund einem Jahr, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er muss etwa zehn Kilo abgenommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind seine Haftbedingungen?

Anderson: Er sitzt mindestens 23 Stunden am Tag allein in seiner kleinen Zelle. Er kann keine Briefe verschicken, weil er kein Adressbuch dabei hat. Er bekommt bisher keine Bücher aus der Gefängnisbibliothek. Er bekommt keine Akten, um sich auf sein Auslieferungsverfahren vorzubereiten. Er bekommt keine Nachrichten, abgesehen von BBC und Chanel 4 in einem kleinen Fernseher, aber den haben ihm die Wächter wieder weggenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wann und warum haben Sie Julian Assange das erste Mal getroffen?

Anderson: Ich traf ihn auf Vermittlung von Vivienne Westwood, der Londoner Modemacherin. Vivienne sagte mir, ich sollte ihn in der Botschaft besuchen. Ich wollte wissen, wie ich eine bessere, effektivere politische Aktivistin werde. Und wie ich Leuten dabei helfen könnte, die Aktivisten-Laufbahn einzuschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Assange an die 20-mal in der ecuadorianischen Botschaft besucht. Wie haben Sie ihn erlebt?

Anderson: Ich fand, er ist sehr intelligent. Er ist lustig. Ich war eingeschüchtert, als ich ihn das erste Mal traf. Er war schon ein Mythos; die Leute liebten oder hassten ihn. Offensichtlich provoziert er starke Reaktionen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich mit ihm angefreundet?

Anderson: Ja. Er interessierte sich für die Arbeit, die ich für Tierrechte und verschiedene Umweltprojekte mache. Und ich liebe Leute, die notfalls sogar ihr Leben riskieren, um Veränderungen zu erreichen. Die Welt brauchte mehr solche Menschen wie Julian Assange.

Protestplakat gegen Julian Assanges Auslieferung an die USA

Protestplakat gegen Julian Assanges Auslieferung an die USA

Foto: BIANCA DE MARCHI/EPA-EFE/REX

SPIEGEL ONLINE: Sie unterstützen ihn bei seinem Kampf gegen die Auslieferung von Großbritannien in die USA, weil Sie seinen Mut bewundern?

Anderson: Nicht nur. Beim Fall Assange geht es um die Meinungsfreiheit, um die Freiheit der Journalisten und um das Recht zu wissen. Amerika hat etliche Leichen im Keller. Ich bin eine Kanadierin, die in den USA lebt, und ich sehe in den USA so viele Leute gehirngewaschen, obwohl ungeheuer viel zu tun wäre; gegen die Klimakatastrophe und die Zerstörung der Umwelt.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrer Karriere als Schauspielerin und Model haben Sie sich ökologischen Problemen zugewendet, zum Beispiel mit der Tierschutzorganisation Peta oder Sea Shepherd, die gegen den Walfang kämpfen. Das ist etwas anderes als Assanges Aktivitäten in der digitalen Welt.

Anderson: Das stimmt, aber Paul Watson, einer der Gründer von Greenpeace und später von Sea Shepherd, ist Julian Assange sehr ähnlich. Ihr Kampfgeist ist derselbe.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie Assange weiter unterstützen?

Anderson: Ja, es ist eine schreckliche Verleumdungskampagne gegen ihn im Gang. Ich war gerade in Texas, und die Art und Weise, wie dort über Assange berichtet wird, ist so, dass Leute denken: Wir bringen ihn hierher mit dem Kopf auf einen Stock aufgespießt.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie dafür kritisiert, dass Sie Julian Assange unterstützen?

Anderson: Ja. Besonders in Hollywood. Schauspieler, die ja immer ganz genau Bescheid wissen, sagen mir: Wie kannst du es wagen, diese Person zu unterstützen? Ich frage sie zurück: Warum bist du so furchtbar sauer darüber? Das wissen sie dann nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie stehen zu Ihrem Freund Assange und zu WikiLeaks?

Anderson: Das tue ich. Es wird keine Gerechtigkeit geben für Julian Assange ohne öffentlichen Druck. Wir müssen stark und klar sein. Als ich Julian im Gefängnis traf, sagte er zu mir: Rette mein Leben.

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