Justin Biebers Beichte Zwischen Absturz und Alterswerk

Justin Bieber, 25, geht öffentlich in Therapie - zusammen mit Gattin Hailey, in einer Homestory der "Vogue". Das ist kein Pop mehr, sondern Konservatismus im Retro-Instagram-Filter.

Justin und Hailey Bieber
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Justin und Hailey Bieber

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Justin Bieber starb einen entsetzlichen Tod. Er stand auf der Bühne, piepste in einer lächerlich hohen Stimme und rieb sich den Schritt, als plötzlich das Dach der Arena aufklappte wie der Deckel eines Eimers. Mit zwei Fingern packte ihn der turmhohe und tentakelige Cthulhu, ein Geschöpf des Schauerschriftstellers H.P. Lovecraft, hob ihn hoch in den Nachthimmel - und zerquetschte den Sänger wie eine Laus.

2010 war das, und für den damals Sechzehnjährigen dürfte das keine angenehme Erfahrung gewesen sein. Auch wenn der Vorfall sich nur in der satirischen Zeichentrickserie "South Park" zutrug. So sehr er geliebt wurde von seiner vorwiegend weiblichen Anhängerschaft, den "Beliebers", so heftig schlug ihm die Verachtung auch des popkulturellen Establishment entgegen.

Vielleicht sogar noch heftiger, schließlich war der Junge aus Ontario - ursprünglich - kein Geschöpf der üblichen Verwertungsketten. Kein geklonter Jungstar aus dem Imperium von Disney (wie Britney Spears oder Biebers langjährige Freundin Selena Gomez), kein Wunderkind auf der Gehaltsliste einer großen Plattenfirma (wie praktisch alle Boybands). Seine Mutter hatte Videos des Knaben, wie er Co-Versionen bekannter Hits trällerte, auf YouTube geteilt.

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Justin Bieber und Hailey Baldwin: "Ich war einsam"

Dort sah ihn der Manager Scooter Braun (unter anderem zuständig für die Karriere von Kanye West) und nahm das Kind unter seine Fittiche, angeblich auf Anweisung von Gott: "Ich brachte Justin von 60.000 auf 66 Millionen Views. Ein unabhängiger Künstler, der weltweit nur Nummer 2 auf Youtube war, wäre von niemandem unter Vertrag genommen worden."

Bieber wurde Nummer 1 nicht nur im Netz, sondern auch in den Kinderzimmern weltweit, in den Herzen seiner Fans, in den Charts - und zur Blaupause eines Stars vollkommen neuen Zuschnitts. Ein popkulturelles Start-Up sozusagen, der Posterboy der sozialen Netzwerke und damit der ersten Generation, die ihre Vorbilder nicht mehr aus der "Bravo" oder dem Fernsehen bezieht.

Pubertät im Livestream

In einem Segment, das erwachendes Begehren mit Objekten der Hingabe versorgt, spielte künstlerische Qualität noch nie eine Rolle. Es war ganz gleich, ob "My World" nun guter Pop war und noch viel gleichgültiger, ob Bieber sich später Expertise bei Skrillex oder Ed Sheeran einkaufte. Was zählte (und noch immer zählt) in dieser Sphäre, das ist die reine Präsenz in absoluter Gegenwart.

Ein Phänomen, das bei stabilem WLAN unter Umgehung herkömmlicher Kanäle den Weg über das Smartphone ins Herz der Endverbraucherin findet. Scooter Braun war es, der seinem Schützling einschärfte, die direkte Kommunikation mit seinen Fans zu suchen. Was brauche ich einen Starschnitt, wenn Justin Bieber mir persönlich zum Geburtstag gratuliert? Bieber, das war die erste vulkanische Insel dessen, was inzwischen als neuer Kontinent an Internet-, Youtube- oder Instagram-Stars die Tektonik der Unterhaltungslandschaft verändert.

Heute hat bei aktuell gut 104 Millionen Followern allein auf Instagram jeder Tweet von Justin Bieber den Marktwert eines Einfamilienhauses, mindestens. Schließlich gab es auch seine Pubertät mit all ihren Begleiterscheinungen quasi im Stream.

Und alles, alles wurde kolportiert. Der erste Flaum auf der Oberlippe. Der schwellende Bizeps. Die wuchernden Tattoos. Die Fahrten unter Alkoholeinfluss im Lamborghini. Die Beschlagnahmung seines Kapuzineräffchens durch den deutschen Zoll. Die Sucht nach Sex und Drogen. Der ganze Quatsch.

Erfolgreich die finale Hürde im Leben jedes Popstars genommen

Der ganze Quatsch, über den er jetzt mit der "Vogue" spricht. Nicht allein, sondern im Doppelpack mit seiner Ehefrau Hailey Baldwin, der Nichte des Schauspielers Alec Baldwin. Das Hochglanzgespräch (mit Hochglanzfotos von Annie Leibovitz) ist eine Win-Win-Situation für beide, das Paar wie das Magazin.

Während sich die "Vogue" hier die Enkel ihrer angestammten Leserinnen erschließt, bietet Bieber eine Geschichte, die sich über die sozialen Medien nicht erzählen lässt. Er habe, so geht die Erzählung, erfolgreich die finale Hürde im Leben jedes Popstars genommen: das Erwachsenwerden.

Bemerkenswert ist, dass Bieber - bis auf selbst entworfene Puschelpantoffeln, wie man sie in Hotels bereitgestellt bekommt - vordergründig nichts zu verkaufen hat. Tatsächlich ist das Interview deshalb bemerkenswert, weil es im "Jetzt-mal-im-Ernst"-Modus daherkommt und die nächste Stufe dieser Karriere markieren könnte. Zum Ritual der Wiedergeburt gehört das bekenntnisreiche Authentizitätsgeklingel.

Es geht um Depressionen auf Tour, um Tätowierungen und Kapuzineräffchen ("Wenn man so viel Geld hat wie ich damals, warum sollte man dann keinen Affen kaufen? Du würdest dir auch einen Affen kaufen!"). Es geht um die übliche Heldengeschichte dessen, der allzu früh hinauszog in die Welt und darin beinahe ums Leben kam: "Die Leute lieben mich, ich bin der Größte - das dachte ich wirklich. Ich wurde sehr arrogant und dreist", sagt er: "Ich trug auch drinnen eine Sonnenbrille" Und Hailey ergänzt: "Drinnen und nachts."

Keinen Sex vor der Ehe

Die Sonnenbrille nimmt er nun ab. Der Grund könnte traditioneller nicht sein. Die Liebe ist's, zur Frau und zum Herrgott, die ihn in den Unterschlupf einer neuen Ernsthaftigkeit geführt haben soll. Deshalb gab es für den weiland Sexsüchtigen "keinen Sex vor der Ehe", deshalb befinden sich die befindlichkeitsversessenen Beteiligten im dauertherapeutischen Gesprächsmodus miteinander: "Wir arbeiten hart daran!"

Klar wird irgendwann, dass Bieber durchaus etwas zu verkaufen hat. Und zwar sich selbst im gleichsam gehäuteten und geläuterten Zustand neuer Reife. Beglaubigt wird der Wandel des Hallodris durch eine ernsthafte Hailey Bieber, gemeinsam präsentieren sie sich als Yin und Yang der Generation Y.

Natürlich ist dieses "Wir haben uns, wir haben's geschafft" kein Rock'n'Roll, es ist nicht einmal mehr Pop. Sondern Konservatismus im Retro-Instagram-Filter, wie er unter luxurierenden Mittzwanzigern inzwischen offenbar üblich ist.

Schön, wenn es glückt. Dann könnte es so etwas ähnliches wie Biebers Alterswerk vorbereiten. Und wenn es scheitert? Dann war dieses Interview ein perfekter Anlauf für den nächsten Absturz. Denn, wie schon H.P. Lovecraft warnte: "In seinem Haus in R'lyeh wartet träumend der tote Cthulhu", blättert in der "Vogue" und reibt sich schon die Tentakeln.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Justin Bieber sei viele Jahre mit Ariana Grande liiert gewesen. Richtig ist, dass Selena Gomez Biebers langjährige Partnerin war. Wir haben dies korrigiert.



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dieter77 08.02.2019
1. Journalisten Besserwisserei
'Konservatismus wie er unter luxurierenden Mitzwanzigern offenbar mittlerweile ueblich ist.' Ja, und damit sind die alt-68er Mief Journalisten, die sich immer noch fuer Revoluzzer halten, und deren armseligen Juso Groupies Lichtjahre voraus.
nora.b 08.02.2019
2. Fehler!
Justin Bieber war lange Jahre mit Selena Gomez zusammen, NICHT mit Ariana Grande.
Clemens Maria Haas 09.02.2019
3. Warum so negativ, warum so zynisch?
Justin Bieber und seine Verlobte tun etwas Gutes und Sinnvolles, wenn sie versuchen die offensichtlichen Regeln einer Wegwerfgesellschaft zu ändern. Man kann es sogar bewundern. Egal wie jung oder schon alt, egal ob hip oder konservativ, eine Gesellschaft, in der die Menschen beliebig auswechselt werden, sobald es unbequem wird und sagt: "...dann hole ich mir halt einen besseren Lebensabschnittspartner." hat versagt, da unmenschlich. Wenn ein junges Paar da raus will und etwas im Verhalten ändert, ist das doch gut und zu respektieren.
MDen 09.02.2019
4. Lichtjahre, ganz bestimmt ... nicht!
Zitat von dieter77'Konservatismus wie er unter luxurierenden Mitzwanzigern offenbar mittlerweile ueblich ist.' Ja, und damit sind die alt-68er Mief Journalisten, die sich immer noch fuer Revoluzzer halten, und deren armseligen Juso Groupies Lichtjahre voraus.
Wirklich? Der Fortschritt, die Avantgarde besteht einzig und allein darin, die Vorzeichen umzudrehen? Konservatismus statt Liberalismus, totale Regelmäßigkeit statt Regellosigkeit? Das kann auch nur gut finden, wer entweder nie erlebt hat, was es heißt, wenn man zu allererst den vorgegebenen Regeln und Anforderungen zu entsprechen hat, oder ein unsicherer Charakter ist, dem die vorgegebene Ordnung Orientierung gibt, die er selbst nicht findet.
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