Katja Riemann über Hilfsprojekte "Den Verrückten hören die Leute zu"

Die Schauspielerin Katja Riemann engagiert sich seit Jahren als Botschafterin für Menschenrechte. Nun hat sie ein Buch über ihre Erlebnisse in den weltweiten Krisengebieten geschrieben. Alles andere als leichter Stoff.
Ein Interview von Annette Langer
Schauspielerin Riemann: "Ich bin demütiger und sanfter geworden"

Schauspielerin Riemann: "Ich bin demütiger und sanfter geworden"

Foto: Mirjam Knickriem/ photoselection

DER SPIEGEL: Frau Riemann, Sie sind seit vielen Jahren Unicef-Botschafterin und reisen mit verschiedenen Hilfsorganisationen in Krisengebiete. Jetzt haben Sie über Ihre Erlebnisse ein Buch geschrieben. Für wen?

Riemann: Für jeden, der neugierig ist und wissen will, wie humanitäre Arbeit jenseits der internationalen Zahlen funktioniert. Wie päpple ich ein chronisch unterernährtes Kind hoch? Wie erzeuge ich mitten im Dschungel Strom? Wie funktionieren Mikrokredite? Mir ist es wichtig, auf Augenhöhe und mit Humor von Menschen zu erzählen, die unter schwersten Bedingungen Außergewöhnliches leisten.

Zur Person

Katja Riemann, geboren 1963 im niedersächsischen Kirchweyhe, wurde in den neunziger Jahren mit Filmen wie "Der bewegte Mann" zu Deutschlands berühmtester Komödien-Darstellerin. Mittlerweile ist sie kaum mehr auf ein Genre festgelegt und verkörpert sowohl im Kino ("Fack ju Göhte") als auch im TV ("Die Fahnderin") die unterschiedlichsten Charaktere.

DER SPIEGEL: Keine Angst, als menschenrechtelnde Schauspielerin abgetan zu werden?

Riemann: Es geht dabei doch gar nicht um mich oder darum, eine Betroffenheits- und Erregungskultur zu bedienen. Ich habe einfach festgestellt, dass, wenn ich von meinen Reisen erzähle, die Leute zuhören, lachen und mitfühlen. Also lag es nah, meine Erfahrungen als Geschichten aufzuschreiben, um sie zu teilen.

DER SPIEGEL: Sie berichten von Hilfsprojekten in Afrika, Asien und Europa - auch über die Katholikin Marguerite Barankitse, die in Burundi ein Kinderheim für Angehörige der verfeindeten Tutsi und Hutu aufgebaut hat. Anlass war ein Überfall von 600 Tutsi-Männern auf die Gemeinde, in der Barankitse arbeitete. Sie schreiben: 

"Dann begann das Massaker. 72 Menschen wurden vor Marguerites Augen mit Macheten ermordet und in Stücke zerhackt. Vor ihr lagen Arme und Beine, Hände und Füße. Nach dem Schreien und Flehen, dem Schlagen der Macheten und dem Geräusch, das sie machen, wenn sie Körper zerschneiden, nach den Schmerzenslauten und Schreien, den Gebeten und dem Flehen, den Todesschreien der Menschen, war das Schlachten irgendwann zu Ende. Alle waren tot. Da war es auf einmal ganz still. Die Männer gingen. Maggy saß nackt auf ihrem Stuhl zwischen all den toten Menschen, von denen sie jeden Einzelnen gekannt hatte. 25 Kinder, sowohl Tutsis als auch Hutus, hatte sie in einer Kammer versteckt. Sie hatten überlebt. In diesem Moment wusste sie, was zu tun sei. Sie musste ein Haus für die Kinder bauen, damit sie gemeinsam leben würden, damit der Hass und das Töten ein Ende nähmen." 

Riemann: Marguerite ist eine unfassbar beeindruckende Frau. Als sie gerade 23 war, adoptierte sie sieben Kinder, vier Hutus und drei Tutsis. "Du bist verrückt", sagten die Leute im Ort. Und Marguerite antwortete: "Ja ich bin verrückt, aber den Verrückten hören die Leute zu." Es sind diese starken, positiven Momente, die mir im Gedächtnis bleiben, nicht das Grauen. Marguerite hat diesen heiteren Ansatz, jeder Unfreundlichkeit mit Freundlichkeit und jeder Drohung mit einem Angebot zu begegnen. Als sie einmal einen Attentäter enttarnte, der sie töten sollte, bot sie ihm einen Job an. Heute ist er ihr Chauffeur.

Fotostrecke

Katja Riemanns Projektreisen: "Der Hass und das Töten müssen ein Ende nehmen"

Foto: Mirjam Knickriem/ photoselection

DER SPIEGEL: Welche Begegnung hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Riemann: Sicherlich die mit Molly Melching, einer US-Amerikanerin, die im Senegal gegen Genitalbeschneidung und für Frauenrechte kämpft. Sie ist eine Institution, eine echte Heldin, ein Vorbild.

DER SPIEGEL: Genitalbeschneidung hat keine religiösen, sondern tiefe kulturelle Wurzeln, es ist eine Tradition. Wie schafft man es, den Mythos der "Reinheit" zu demontieren, um Mädchen und Frauen vor der gefährlichen Praxis zu schützen?

Riemann: Eine Frau, die nicht beschnitten ist, gilt in vielen Ländern dieser Welt als unrein. Das ist für uns Europäer schon schwer zu verstehen. Dass die angebliche Reinheit dann mit so viel Blut, Schweiß, Urin und Exkrementen einhergeht, noch weniger. Es braucht Zeit, eine solche Vorstellung zu ändern. Aber Bewusstmachung und Aufklärung helfen. Melching und ihre Mitstreiter konnten mehr als 8000 Dörfer in sechs afrikanischen Ländern davon überzeugen, offiziell auf die Praxis zu verzichten. Durch Gespräche mit Imamen, Beschneiderinnen, Müttern, aber auch Männern in den Gemeinden. Jetzt wachsen vielerorts Mädchen heran, die, nachdem die Communities eine Deklaration etabliert haben, nicht mehr beschnitten werden.

DER SPIEGEL: Sie waren auch in der Demokratischen Republik Kongo, wo es seit vielen Jahren immer wieder zu unfassbar bestialischen Sexualdelikten gegen Frauen kommt. Welchen Ursprung hat diese extreme Form der Gewalt?

Riemann: Das habe ich mich selbst oft gefragt: Woher stammt dieser Hass – und ist es überhaupt Hass? Vergewaltigungen sind im Kongo ein Kriegsinstrument, es geht um Macht. Oft haben die Verbrechen gar keine sexuelle Komponente, es ist Folter. Mir kommt es so vor, als würden die Täter sich an dem Teil des Körpers rächen, aus dem sie in die Welt gekommen sind. Als würden sie den Weg hinter sich abfackeln. 

DER SPIEGEL: Sie sehen und hören auf Ihren Reisen viele belastende Dinge – wie kommen Sie damit klar? Haben Sie einen Schutzmechanismus?

Riemann: Nein, ich muss mich nicht schützen. Als Schauspielerin übe ich doch im Gegenteil, mich zu öffnen, einen direkten Bezug zu Emotionen zu bekommen. Diese Sensibilisierung ist ganz wesentlich. Deshalb ist man als Künstler auch so schnell verletzt.

DER SPIEGEL: Wie wichtig ist Provokation, wenn man aufrütteln will?

Riemann: Wer provoziert, muss auch die Reaktionen aushalten. Ich kann das nicht so gut, weil ich oft so erschüttert bin. In Krisengebieten sind ja die schrecklichen Lebensbedingungen der Menschen selbst eine Provokation. Ich habe von den Helfern vor Ort vor allem eines gelernt: Sei freundlich und dankbar für jede Unterstützung und verliere nie die Augenhöhe – egal, ob du es mit einem Banker oder einem Obdachlosen zu tun hast.

DER SPIEGEL: Nicht immer machen Hilfsorganisationen in Krisengebieten eine gute Figur. Es kommt zu Missmanagement, Missbrauch und manchmal sogar schädlichem Wettkampf untereinander. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Riemann: Ich erinnere mich an den Fall Oxfam, wo Mitarbeiter in Haiti minderjährige Prostituierte ausgebeutet haben. Für die Hilfsorganisation war das ein Albtraum, da vergiften einige wenige das Wasser, aber der ganze Laden fällt in Ungnade. Auch Unicef hatte ein Transparenzproblem, 2008 wurde dem Hilfswerk das Spendensiegel aberkannt. Das war eine riesige Krise. Aber es war auch gut, dass es so weit kam, weil seitdem vieles neu und besser aufgestellt wurde.

DER SPIEGEL: Bei Ihren Reisen geht es immer auch um Frauenrechte. Wie wichtig ist die #MeToo-Bewegung für Sie als Feministin?

Riemann: #MeToo hat Frauen hörbar gemacht, das Schweigen wurde aufgebrochen, das ist eine Riesenerrungenschaft. Ich singe nicht mit im Chor der Empörten, ich betreibe auch kein Männer-Bashing, weil das zu einem Geschlechterkrieg führt, der niemandem weiterhilft. Aber ich traue mich jetzt als Frau, etwas zu sagen – mit aller Angst und allen Konsequenzen. Die Männer müssen es sich anhören und sich damit auseinandersetzen.

DER SPIEGEL: Haben Sie selbst Übergriffe erlebt?

Riemann: Ich habe das alles erlebt, ja. Einmal konnte ich noch wegrennen, ein anderes Mal habe ich mich gerettet, indem ich geschrien habe. Ich wurde aber zum Glück nie vergewaltigt. Als #MeToo gerade aufkam, haben drei Kolleginnen und ich uns gegenseitig von unseren Erlebnissen geschrieben - nur eine konnte nichts berichten. Alle anderen hatten schlechte Erfahrungen mit Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen gemacht.

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Riemann, Katja

Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 400
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Preisabfragezeitpunkt

30.11.2022 15.16 Uhr

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DER SPIEGEL: Sie kommen aus dem Showbiz, wo traditionell viel Kokain konsumiert wird. In ihrem Buch heißt es: "Jeder der kokst, befeuert den Krieg."

Riemann: Ja, das ist ein Zitat eines Freundes von mir. Wenn man sich vor Augen führt, wie brutal der Krieg der Drogenkartelle abläuft, und wie viele Menschen dabei schon getötet wurden, kann man nur an die Endverbraucher appellieren und ihnen raten, das irre gestreckte Zeug, das in Europa anlandet, nicht zu kaufen. Langfristig hilft nur, Drogen zu legalisieren, um den Kartellen das Geschäft zu verderben.

DER SPIEGEL: Ihr Ex-Partner Peter Sattmann hat dem SPIEGEL unlängst gesagt: "Katja und ich sind befreundet, sogar noch verliebt." Stimmt das?

Riemann: Ob wir verliebt sind, weiß ich jetzt nicht. Aber wir lieben uns. Wir sind Eltern - und das ist für immer.

DER SPIEGEL: Was haben Sie durch Ihr humanitäres Engagement über die Menschen gelernt?

Riemann: Ich habe das Gefühl, der Mensch hat nicht besonders viel Talent zum Leben. Warum macht man es sich so schwer mit der Rechthaberei aus religiösen oder politischen Gründen, aus Profitgier und Machtgeilheit? Das sind disruptive Elemente – und nach der Zerstörung kommt erstmal lange Zeit nichts. 

DER SPIEGEL: Und was über sich selbst?

Riemann: Ich bin sicher demütiger und sanfter geworden. Ich bin dankbar für alles, was ich bisher sehen und erleben durfte. Und die Arbeit geht weiter.

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