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27. Februar 2009, 13:05 Uhr

Komiker Piet Klocke

"Wir können nur noch über Sex punkten"

Als Bühnenfigur Professor Schmitt-Hindemith bringt er keinen Satz zu Ende. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE entpuppt sich Piet Klocke als eloquenter Alltagsphilosoph - und Fußballfanatiker. Er redet offen über nackte Haut, wilde Zeiten und sein vergebliches Buhlen um Karl Lagerfeld.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klocke, warum zeigen Sie auf dem aktuellen Tournee-Plakat so viel nackte Haut? Muss jetzt schon Comedy über Sex verkauft werden?

Piet Klocke: Richtig. Comedy ist am Ende. Wir können nur noch über Sex punkten.

SPIEGEL ONLINE: Das Quasi-Nacktfoto gibt ein Geheimnis preis: Ihre Arme sind braun, Ihr Körper ganz blass. Sind Sie zu schüchtern, um ins Freibad zu gehen?

Klocke: Absolut. Ich zeige ungern was von mir. Die Arme sind deshalb so braun, weil ich dienstags und samstags in zwei Hobby-Mannschaften Fußball spiele. Als größenwahnsinniger Fan trage ich dann zum Beispiel Trikots von Zinedine Zidane.

SPIEGEL ONLINE: Piet Klocke im Trikot von Zinedine Zidane: Ist das Comedy?

Klocke: Das ist einfach nur Verehrung. Zidane ist einer der besten Spieler der letzten Jahre. Er ist kein Egomane. Der sieht sich als Teil der Mannschaft und stellt das schöne Spiel in den Mittelpunkt. Ich bin total fußballverrückt, ein großer BVB-Fan. Auch im Fernsehen gucke ich mir jeden Scheiß an. Sogar die Spiele der U 17 in Afrika, wenn ich Zeit habe. Meine Trikots sind übrigens eine ganz eigene Geschichte. Die gehört gar nicht hierhin.

SPIEGEL ONLINE: Doch, doch.

Klocke: Ich frage manchmal Leute mit guten Kontakten, ob sie mir von Top-Spielern ein Trikot mit Unterschrift besorgen. Da war zum Beispiel ein junger Mann von 1860 München, den habe ich auf Zinedine Zidane angesetzt. Der Briefträger hatte mir gerade das Paket gebracht, da wechselte Zidane den Verein. Genau so war es bei D'Alessandro. Als der bei Wolfsburg spielte, habe ich um ein Trikot gebeten. Kaum hatte ich das, ging der Argentinier nach England. Mittlerweile will mir keiner mehr ein Trikot schicken, aus Angst, der Klocke holt denen die besten Leute aus dem Verein.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Jugend haben Sie überraschenderweise zudem Handball gespielt.

Klocke: Zweiter deutscher Schülermeister! Gummersbach, letzter Siebenmeter! Dankeschön. Werde ich nie vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Litten Ihre schulischen Leistungen unter dem Sport?

Klocke: Ja. Ich konnte mich nie konzentrieren. Außerdem war unser Erdkundelehrer derjenige, der die auswärtigen Turniere organisierte. In Doetinchem. Richtig tolle Sachen, mit Mannschaften aus Schweden und überall her. Die Halle in Doetinchem war eigentlich eine Markthalle für den Viehhandel. Mit Betonboden. Für die Turniere wurden ein paar Linien auf den Boden gemalt. Dann hieß es: Jungs, fangt an! Hier ist die Flöte! Wenn du auf Beton einen Fallwurf machst, prägt das die Knochen für das ganze Leben. Deswegen lache ich mich immer über Fußball kaputt. Auf Rasen zu fallen ist super easy.

SPIEGEL ONLINE: Wurde Ihre Abiturnote den späteren Auftritten als Professor gerecht?

Klocke: Schrecklich! Drei Komma irgendwas. Das war unter aller Kanone. Dabei wollte ich doch Psychologie studieren. Dann hat man mir einen Studienplatz in Gießen angeboten. Ich bin runter gefahren, um mir das mal anzuschauen. Als ich hörte, wie die da sprechen, bin ich gleich wieder nach Hause gefahren. Bald darauf habe ich mich in Bonn für Germanistik und Philosophie eingeschrieben. Einfach nur, damit ich krankenversicherungstechnisch meine Ruhe hatte. Auch die Mensa war lecker, weil da so viele Diplomatentöchterchen herumliefen. Ach ja, das sind alles so Geschichten. Die hat ja jeder auf Lager.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Homepage sieht man Sie mit langen, lockigen Haaren. Wem trauern Sie mehr hinterher: den Locken oder der guten alten Zeit?

Klocke: Da bin ich gar nicht nachtrauernd. Ich erinnere mich nur gern an die sogenannte wilde Zeit, in der man sich die Hörner abstößt und Erfahrungen fürs Leben macht. Geblieben ist die Erkenntnis, dass mir nicht viel passieren kann. Ich habe damals wie heute den Humor und die Musik als Arzneimittel gegen die Unbill des Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Das neue Bühnenprogramm heißt "Das Leben ist schön - gefälligst!" Warum dieser Befehlston?

Klocke: Seien wir ehrlich: Verglichen mit früheren Programmen wie "HipHop für Angestellte" habe ich diesmal beim Titel versagt. Das können Sie gern schreiben: Gehen Sie nicht hin! Der Titel ist schlecht!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich gar nicht bemüht?

Klocke: Und wie! Ausgehend von den Fotos in der Häkelwäsche hatte Simone Sonnenschein die geniale Idee, das Programm "SMS to Lagerfeld" zu nennen. Dann sagte mir aber jemand: Du musst den Lagerfeld fragen, ob Du seinen Namen verwenden darfst.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihn getroffen?

Klocke: Ich kann ja schlecht ins Telefonbuch gucken: Karl Lagerfeld, Rüttger-Schmittke-Weg 5, Paris. Das läuft alles über sein Büro. Eine Freundin konnte die Nummer organisieren. Mein Anruf in Lagerfelds Büro war wieder was zum Verfilmen. Ich musste Englisch sprechen, habe mir einen abgebrochen und gesagt: Ich bin ein Komödiant aus Deutschland. Ist denn der Meister da?

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durchgestellt worden?

Klocke: Ich hörte nur Gebrabbel, dann kam dieselbe Dame wieder ans Telefon und sagte: Der Meister ist in China. Ich sagte: Haben Sie mein Fax bekommen? Da fing sie an zu meckern: Was ist denn das für Kleidung? Ich sagte: Ja, Komödiant aus Deutschland! Wie sehen Sie denn die Chancen, dass wir das Programm "SMS to Lagerfeld" nennen dürfen? Näh, sagte sie, ich glaube nicht, dass der Meister da zustimmt.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kam "Das Leben ist schön - gefälligst!"?

Klocke: Entweder fällt dir ein guter Titel sofort ein oder gar nicht. Länger als zehn Minuten lohnt sich das Überlegen nicht. Das ist ja immer so: Wenn man irgendwas unbedingt will, wird das nix. Wenn ich mir vornehme, heute ganz besonders gut Fußball zu spielen, steht es schon 2:0 für den Gegner.

"Scheitern macht Spaß - denn so ist ja das Leben"

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Meister der Halbsätze. Woher stammt diese Kunst?

Klocke: Die ist mir schon von meinen Lehrern mitgegeben worden. Vor allem die Lateinlehrer beherrschen das: "Obwohl die Germanen, nachdem die Römer, während..." Das steckt alles dermaßen in mir drin, da brauche ich noch Zeit, um alles zu verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr hat Loriot Sie in einem Interview lobend erwähnt. Ging das runter wie Öl?

Klocke: Da habe ich direkt einen roten Kopf bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind Sie ihm aufgefallen?

Klocke: Er hatte mich bei "RTL Samstag Nacht" oder bei "7 Tage - 7 Köpfe" gesehen und als eine Figur liebgewonnen, die ich in seinen Sketchen hätte sein können. Dann haben wir zusammen beim Tee gesessen. Er war fassungslos, als ich ihm erzählte, dass ich viele Sachen nicht aufschreibe, sondern das meiste einfach so kommt. Oder auch nicht. Das Risiko, scheitern zu können, macht mir Spaß. Denn so ist ja das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Beschäftigen Sie trotzdem ein Autorenteam?

Klocke: Niemals. In diesem heutigen Becken der Witzbolde, in dem jeder 800 Autoren im Rücken hat, bin ich völlig altmodisch. Ich würde sofort mit meiner Arbeit aufhören, wenn ich Autoren hätte. Das ist bei mir eine Frage der Ehre. Ich kann mich nicht hinsetzen und fragen: Hat noch irgendjemand einen Witz für mich? Ich funktioniere eh nicht nach Pointe. Bei mir sind die Wege das Interessante.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nicht mal bei der RTL-Sendung "7 Tage - 7 Köpfe" die obligatorischen Autoren?

Klocke: Nein. Ich habe am Mittwoch Stichworte bekommen, die am Donnerstag aktualisiert wurden. Anfangs habe ich mich in der Sendung auch nicht unwohl gefühlt. Irgendwann wurde das aber immer stammtischmäßiger. Außerdem merkte ich, dass alle Anderen vier bis fünf Autoren hatten und nur von ihren Zetteln ablasen.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es im Fernsehen keine Piet-Klocke-Show? Sat.1 hat doch schon vor Jahren eine Testsendung mit Ihnen produziert.

Klocke: Um Gottes Willen! Ich erinnere mich. Ich seh' mich noch in Paris auf dem Hundefriedhof herumlaufen. Und keiner wusste, was genau wir da eigentlich machen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fernseh-Idee würden Sie denn gern realisieren?

Klocke: Ich habe keine konkreten Ideen in der Schublade liegen. Andernfalls hätte ich die bestimmt schon gemacht. Wenn mich aber jemand in den Presseclub oder in das Philosophische Quartett einladen möchte: Das würde ich sofort machen. Die Frage ist nur, ob das Fernsehen überhaupt einen Typen wie Herrn Klocke braucht, der die Welt erklärt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihre Antwort?

Klocke: Heute wissen wir doch schon alles. Wir müssen eigentlich gar nicht mehr zur Schule gehen. Wir können googeln und erfahren durch die Medien jede Kleinigkeit, sobald sie irgendwo in der Welt passiert. Das ist alles dermaßen wahnsinnig geworden. Manchmal glaube ich, unsere Großeltern hatten es besser: Die wussten von nix.

Das Interview führte Michael Scholten.

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