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03. Februar 2009, 10:30 Uhr

Krimi-Star Jack Klugman

"Das macht mich böse"

In der US-Serie "Quincy" ermittelte Jack Klugman als Gerichtsmediziner - und herrschte am Set wie ein kleiner Diktator. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Heulsusen, miese Gagen und seine Befürchtung, von der Branche abgezockt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klugman, kürzlich waren Sie in einer deutschen TV-Show zu Gast und wurden vom Publikum frenetisch gefeiert. Hat Sie das bewegt?

Jack Klugman: Das war wundervoll. Die Zuschauer sind für mich aufgestanden und haben applaudiert. In Amerika würde ich niemals Standing Ovations bekommen. Ich habe fast geweint. Und ich bin wirklich keine Heulsuse!

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr erster Besuch in Deutschland?

Klugman: Nein, ich war schon viermal hier. "Quincy" wurde so oft in Deutschland wiederholt, dass ich immer wieder Anfragen bekam. Einmal war ich in einer Sendung zu Gast... Ich habe den Namen vergessen. Das war so ein großer Blonder.

SPIEGEL ONLINE: Thomas Gottschalk?

Klugman: Ja. Richtig. Und ein paar andere Shows.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Hauptdarsteller die TV-Serie "Quincy" geprägt - und umgekehrt wahrscheinlich genauso. Sind Sie es manchmal leid, immer über "Quincy" reden zu müssen?

Klugman: Nein. Ich bin sehr stolz auf diese Serie. Ich habe im Vorfeld viel dafür getan, dass das meine Serie wird - ich ließ zum Beispiel einen der Produzenten feuern. Ich wollte, dass es keine beliebige Fernsehshow ist, sondern dass sie soziale und politische Themen aufgreift. Jedes Wort, das ein Schauspieler in "Quincy" sagte, war vorher von mir abgesegnet. Wenn mir ein Autor sagte: "So könnte es sein", habe ich es nicht in der Show haben wollen. Ich wollte immer nur ein "So war es wirklich."

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu modernen Fernsehserien über Gerichtsmediziner sah man Quincy nie an Leichen herumschnippeln.

Klugman: Dadurch wurde es aber nicht schlechter, oder? Ich hatte vor einigen Jahren einen Gastauftritt in "Crossing Jordan". Am Set haben sie die Leiche blau angemalt! Und sie haben ganz genau gezeigt, wie die künstliche Haut aufgeschnitten wird und das Blut rausschießt! Warum? Das muss man nicht zeigen, wenn man ein gutes Drehbuch hat.

SPIEGEL ONLINE: Verlangt das Publikum nicht mittlerweile danach?

Klugman: Ich glaube nicht, dass die Zuschauer die Detailaufnahmen der Leichen vermissen würden, wenn das Fernsehen sie ihnen nicht mehr bieten würde. Als das Fernsehen aufkam, hatten wir sehr gute Serien. Und die Leute haben gern zugeschaut. Bei uns ging es damals nicht vorrangig um die Toten. Wir haben uns mehr um die Lebenden gekümmert. Aber dann setzten sich immer mehr die Extravaganzen von Hollywood durch.

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie gern CSI?

Klugman: Nein. Ich mag die Serie nicht. Ich habe sie vielleicht zweimal gesehen. Das sind alles gute Schauspieler. Aber die Serie entspricht nicht meiner Vorstellung von Gerichtsmedizin im Fernsehen.

SPIEGEL ONLINE: Verglichen mit den Gagen heutiger Fernsehstars dürften Sie damals sehr bescheiden verdient haben.

Klugman: Ich bekam anfangs 35.000 Dollar pro Folge. Wir hatten ja überhaupt keine Ahnung, wie viel Geld die Studios und die Sender mit uns machten. Jahrzehnte später wusste eine Jennifer Aniston natürlich, wie viel Geld "Friends" einbrachte. Deshalb verlangte sie gegen Ende eine Million Dollar pro Folge - und bekam die auch. Das muss man sich mal vorstellen: Die machen mehr als 20 Millionen Dollar pro Jahr durch eine einzige Serie.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ungerecht?

Klugman: Ja, das macht mich böse. Denn die Serienschauspieler von heute müssen nicht so hart arbeiten wie wir damals. Ich habe inzwischen den Sender NBC verklagt, weil ich rückwirkend an den Gewinnen beteiligt werden will, die meine Serien durch Wiederholungen und DVD-Auswertungen eingefahren haben. Aber ich befürchte, dass ich keine Aussicht auf Erfolg habe. Studios und Sender wissen immer besser, was sie tun, als die Schauspieler.

"Ich wusste, es ist vorbei"

SPIEGEL ONLINE: 1984 wurde bei Ihnen Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Bangten Sie um das Ende Ihrer Karriere oder gar um das Ende Ihres Lebens?

Klugman: Beides. Denn die Schauspielerei war mein Leben. Ich fühlte mich nach der Diagnose sehr allein. Eine Krebs-Interessengemeinschaft bat mich damals, nach Atlanta zu reisen und eine Rede zu halten. Ich wollte das nicht, sagte am Ende aber doch zu. Dort sollte ich 250 Lebensbäume einweihen. Jeder davon symbolisierte einen Krebskranken, der seine Krankheit überlebt hatte. Nach der Rede kamen die Menschen von allen Seiten auf mich zu und sagten: Wir lieben Dich! Du siehst großartig aus! Auch Du wirst Deine Krankheit meistern! Ich wollte diese Art von Liebe nicht! Ich fühlte mich wie ein Wrack, wie ein Krüppel. Aber dann schritt ich diese Reihe von Bäumen ab und musste plötzlich lächeln. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben und im Umgang mit der Krankheit.

SPIEGEL ONLINE: 1989 wurden Sie an den Stimmbändern operiert und ein Teil Ihres Kehlkopfs entfernt. Was geht in einem Schauspieler vor, der sein wichtigstes Arbeitsinstrument, die Stimme, einbüßt?

Klugman: Es war schrecklich und ich wollte niemanden mehr sehen. Ich wusste: Es ist vorbei. Dann rief irgendwann mein wundervoller Freund Tony Randall an, mit dem ich seit 1970 die Serie "Ein seltsames Paar" gedreht hatte. Er sagte: Wir können eine Million Dollar pro Woche verdienen, wenn wir die Fortsetzung "Sunshine Boys" machen, als Theaterstück! Tony zu Liebe ließ ich einen Sprechlehrer zu mir kommen. Der war zuversichtlich, mich innerhalb von sechs Monaten bühnenreif zum Sprechen bringen zu können. Also rief ich Tony an und sagte: In sechs Monaten könnte es klappen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie hielten Wort.

Klugman: Ja, aber als ich bei der Probe den ersten Satz sagen sollte, kam kein Ton heraus. Es war totenstill und für alle im Theater war es eine sehr seltsame Situation. Ich wusste: Ich werde die kommenden zwei Stunden nicht überstehen. Ich hasste meinen Freund Tony dafür, dass er mich überredet hatte und ich jetzt zum Scheitern verdammt war.

SPIEGEL ONLINE: Oh je, das Ganze war ein Desaster?

Klugman: Nein, im zweiten Anlauf klappte es dann, zumal das Mikrofon meine Stimme auch künstlich verstärkte. Und die Vorführung war ein voller Erfolg. Meine Kinder sagten mir hinterher: Das war der beste Auftritt, den wir jemals von Dir gesehen haben. Da merkte ich, dass an dem alten Sprichwort etwas dran ist: Wenn Du einen Arm verlierst, wird der andere umso stärker.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der letzte Überlebende von den zwölf Schauspielern aus "Die zwölf Geschworenen". Macht Sie das traurig?

Klugman: Sehr traurig. Ich kannte all diese Leute, sie waren großartige Schauspieler und viele von ihnen gute Freunde. Als 2006 auch noch Jack Warden starb, war ich drauf und dran zu rufen: Gott, jetzt kannst Du mich auch holen!

Das Interview führte Michael Scholten.

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