Hassnachrichten an italienische Senatorin Holocaustüberlebende erhält Polizeischutz

Liliana Segre überlebte als KZ-Häftling in Auschwitz, heute erhält die 89-Jährige täglich antisemitischen Beleidigungen und Drohungen. Nun ziehen die Behörden in Italien Konsequenzen.

Liliana Segre: Holocaustüberlebende und Senatorin
Luca Bruno/AP/DPA

Liliana Segre: Holocaustüberlebende und Senatorin


Die italienische Holocaustüberlebende und Senatorin Liliana Segre hat nach zahllosen antisemitischen Schmähungen Polizeischutz bekommen. Dies berichten mehrere italienische Medien unter Berufung auf die Mailänder Behörden. Die 89-Jährige war Anfang 2018 von Staatspräsident Sergio Mattarella zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt worden.

Der Zeitung "Corriere della sera" zufolge erhält Segre etwa 200 Hassnachrichten allein online - und zwar täglich. Zwei Beamte der Kriminalpolizei seien fortan ständig für die Sicherheit der hochbetagten Politikerin abgestellt, berichtet "La Repubblica".

Segre wurde 1930 in einer jüdischen Familie in Mailand geboren. Nach einer gescheiterten Flucht mit ihrem Vater in die Schweiz wurde sie Ende 1943 verhaftet und im Januar 1944 ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie überlebte dort als Arbeiterin in einem Rüstungsbetrieb.

Im Oktober war bekannt geworden, dass Segre über soziale Medien täglich von Holocaust-Leugnern und anderen Rechtsextremisten bedroht und beleidigt wird. Der Senat richtete daraufhin einen Sonderausschuss gegen Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus ein. Die Mitte-rechts-Parteien enthielten sich bei der Abstimmung darüber, was in Italien heftige Kontroversen auslöste.

Segre selbst hat angesichts des erstarkenden Rechtsextremismus in Italien immer wieder ihre Stimme erhoben. Im Juni vergangenen Jahres setzte sie im Oberhaus ein Zeichen, als sie an die Mitschuld italienischer Faschisten bei den Verbrechen der Nationalsozialisten erinnerte und "Wachsamkeit" anmahnte (mehr über den Aufschwung des Neofaschismus in Italien erfahren Sie hier).

Der sozialdemokratische Abgeordnete Emanuele Fiano, Sohn eines Holocaustüberlebenden, zeigte sich bestürzt. "Es ist ein fürchterliches Signal, es ist eine Welt im Rückwärtsgang. Jemanden zu verteidigen, der die Hölle durchgemacht hat, ist eine Pflicht, aber auch eine Niederlage", sagte er.

mxw/dpa



insgesamt 21 Beiträge
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spaceagency 07.11.2019
1. Polizeischutz
immerhin bekommt Sie in Italien Polizeischutz und das Problem.wird ernst genommen. Auch werden Synagogen in Italien seit Jahrzehnten rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Schade dass es das braucht aber dort wird wenigstens etwas getan
charlybird 07.11.2019
2. Ich möchte
in dem Zusammenhang nur daran erinnern, dass es hier eine Partei gibt, die sich in der konservativen Mitte sieht und dessen Vorsitzender einen ''Spitzenkandidaten'' eben dieser Partei, als bürgerlichen Nationalromantiker ansieht, der zur Solidarität mit einer verurteilten und im Gefängnis sitzenden Holocaustleugnerin aufgerufen hat. Und diese ist keine andere als die unbelehrbare Nazioma Ursula Haverbeck und der Spitzenkandidat ist kein anderer als Björn Höcke.
kuac 07.11.2019
3.
Was sind das für Menschen, die eine 89 jährige Holocaust-Überlebende drohen und beleidigen?
unky 07.11.2019
4. Es ist eine Schande,...
... dass überall in Europa die Nazis erstarken und sich in aller Öffentlichkeit artikulieren und auch agieren. Die Demokratie zeigt sich weitesgehend hilfs- und wehrlos. Und Teile der demokratischen Parteien fabulieren immer noch lieber von einer Gefahr von links - und übersehen den alltäglichen Faschismus in den Gesellschaften. Ganz zu scheigen von den erzkonservativen europäischen Regierungen in Polen oder Ungarn, die Rassismus und Chauvinismus als Regierungsprogramm etabliert haben.
FK-1234 07.11.2019
5. Erbärmlich und widerliches
...Verhalten der ewig Gestrigen...deren braune Vorfahren vor noch nicht einmal 80 Jahren mit Hitlers Barbaren geholfen haben, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Für die Mord schon immer "legitimes" Mittel zum Zweck war. Dies wird noch gesteigert durch das Agieren der Mitte-Rechts Parteien mit Salvini. Niedertracht als Merkmal politischen Handelns.
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