Madonna bei Oprah Winfrey Mit Mutterstolz durch das David-Desaster

Es war ein perfekt inszenierter Auftritt mit dem Ziel, dem PR-Desaster zu entkommen: Bei US-Talk-Königin Oprah Winfrey hat Madonna die Adoption des afrikanischen Waisenjungen David verteidigt. Doch wie genau das Verfahren abgelaufen ist, konnte selbst die Popqueen nicht wirklich erklären.

Von , New York


New York - Die Orchideen waren ein netter Touch. Die Königin der Blumen, Symbol der Schönheit, Aphrodisiakum, Heilmittel: Eine perfekte Dekoration, dem Anlass gemäß. Und so empfing sie einen also vor ein paar sorgsam gesteckten rosa Orchideen, selbst schmucklos und demütig in ihrer schlichten Bluse, blass geschminkt, das Haar mütterlich dauergewellt - Madonna, die Königin der Schlagzeilen.

Es war ein perfekt inszenierter PR-Auftritt mit dem Ziel, einem perfekten PR-Desaster zu entkommen. Ein Versuch, sich besagten Schlagzeilen diesmal schnellstmöglich wieder zu entziehen, indem man neue, eigene Schlagzeilen machte. "Sie hat mein Baby gestohlen", hatte zum Beispiel die "New York Post", die US-Bibel der Gossip-Geiferer, am Montag noch schrill getitelt.

Oprah Winfrey, die Königin des Schmeichel-Talks und Herrscherin über Abermillionen Popmusik-Konsumenten, führte "das erste Interview" mit der Königin der Popmusik nach dem PR-Debakel. "Wir alle wissen, dass man nicht glauben kann, was man liest", seufzte Winfrey, selbst oft Opfer der Boulevardpresse, über den "verrückten" Wirbel um Madonnas unselige Adoption - und widmete selbst dieser Posse die Hälfte ihrer gestrigen Show. Ein garantierter Quotenrenner. Everybody wins.

Konfessionen im TV-Studio

Aufgezeichnet am Dienstag, gestern Abend in den USA ausgestrahlt und zwischendurch schon per Agentur durch alle Welt-Zeitzonen gebeamt: Madonnas Auftritt bei "Oprah", mit dem sie "die ganze Sache richtigstellen" wollte, war ein internationales Medienereignis. Selbst die Logistik war transkontinental: Madonna saß in London, Winfrey in Chicago, dazwischen der Satellit.

Zur Einstimmung des ohnehin wohlwollenden Studiopublikums wurde Baby David, 13 Monate alt, im neuen Familienkreis bei Mrs. und Mr. Ritchie vorgeführt: Schnappschüsse, Babyfotos, weichgezeichnetes Glück. Idyll am Londoner Connaught Square. "David ist wundervoll", gurrte Madonna voller Mutterstolz. "Es ist wundervoll, was Kinder einen lehren können."

Zum Beispiel, dass selbst ein schwarzes Baby aus Afrika, dem Lieblingskontinent der Pop-Prominenz, einen nicht vor dem Perpetuum Mobile der Presse retten kann. "Ich lese keine Zeitungen und gucke nicht fern", bekannte Madonna - eine brillante Fortsetzung des Konfessionsthemas ihrer letzten CD ("Confessions on a Dance Floor"). Erst in London habe sie gemerkt, dass ihre Adoption Davids nicht allen gefiel. Vor allem wohl nicht dem leiblichem Vater Yohane Banda, der dem Magazin "Time" verraten hatte: "Mir wurde nicht richtig erklärt, dass mir mein Kind auf Dauer genommen würde."

"Das ist ziemlich schockierend!"

Seltener zitiert wurde dagegen der Rest des "Time"-Interviews, in dem Davids Vater Madonna eine "gute Samariterin" nennt und beteuert, er fordere den Jungen keineswegs zurück: "Ich will nicht, dass mein Kind, das bereits weg ist, zurückkommt. Wenn ich das akzeptieren würde, dann würde das seine Zukunft töten." Dies bekräftigte Yohande Banda jetzt noch einmal im Gespräch mit der BBC. Dem Sender sagte er, er wünsche, dass die Bürgerrechtsgruppen Madonna in Ruhe ließen. Er fürchte, dass der Popstar David andernfalls nach Malawi zurückbringe.

"Am Flughafen waren eine Million Film-Crews", berichtete Madonna bebend, in ihrem adoptierten britischen Akzent. "Das ist ziemlich schockierend", sagte die Frau, die die Medien zu manipulieren weiß wie sonst kaum jemand in diesem Geschäft. Auch in Malawi hatte sich Madonna schon von Kameras begleiten lassen, für einen Dokumentarfilm.

Aber der eigentliche Ablauf der Adoption blieb trotz "Oprah"-Auftritt unscharf. Da es in Malawi keine Adoptionsgesetze gebe, sagte Madonna, "haben wir uns die ausdenken müssen". Dann behauptete sie, alles sei über "Stammesgesetze" gelaufen. Davids Vater habe "vor Gericht" über einen Dolmetscher seine "mündliche und schriftliche Zustimmung" gegeben. Er habe sich ohnehin quasi seit dessen Geburt nicht um das Baby gekümmert. "Aus meiner Sicht hat sich niemand um sein Wohlergehen gesorgt", rügte Madonna, die das Baby von einer Kinderfrau durch London tragen lässt.

"Ich kenne Angelina Jolie gar nicht"

Dann, die Schlagzeile des nächsten Tages - Madonnas Medienschelte: Die Presse habe Banda "terrorisiert" und seine Unschuld zur einer "Story gesponnen, die einfach falsch" sei. "Ich bin enttäuscht, weil dies andere Menschen davon abbringt, dasselbe zu tun", schimpfte sie. "Die Medien erweisen allen Waisen in Afrika einen schlechten Dienst." Journalisten als böse Buben: Rauschender Studio-Applaus.

Mit einem hat Madonna allerdings Recht: Bisher nährten sich die Meldungen meist nur vom Hörensagen und holprigen Übersetzungen aus Malawis Landessprache Chichewa. Das Gerücht etwa, Madonna habe sich bei der Adoption von Brad Pitt und Angelina Jolie beraten lassen, über das auch SPIEGEL ONLINE berichtete. "Ich kenne Angelina Jolie gar nicht", widersprach Madonna. Ihr Mann, der Regisseur Guy Ritchie, sei zwar mit Pitt gut befreundet, aber: "Ich habe nie nach ihrem Rat gefragt." Niemand außer ihrer Sozialarbeiterin habe außerhalb der Familie vorab von ihren Adoptionsplänen gewusst.

Zu einer Adoption entschieden habe sie sich bereits vor zwei Jahren: "Ich wollte in ein Dritte-Welt-Land gehen - ich war mir nicht sicher, wohin - und einem Kind ein Leben geben, das sonst keines gehabt hätte." Das soziale Gewissen packt die Reichen eben irgendwann immer - Glockenklang für Winfrey, die selbst jedes Jahr afrikanische Waisenkinder mit Weihnachtsgeschenken beglückt. "Ich war da, ich verstehe", flötete sie und segnete die wohltätige Madonna: "Dafür segne dich Gott."

Madonna sagte, sie sei von Anfang an von David "verzaubert" gewesen. Er habe eine schwere Lungenentzündung gehabt, habe kaum atmen können. "Er ist immer noch etwas krank, aber es geht ihm schon viel besser." Eins könne sie aber versichern: Er habe kein Aids. Sie sagt das, als wäre ihr das zu viel der Last gewesen.

Was sie denen zu sagen habe, die die Geschichte als "Publicity-Stunt" abtäten, wollte Winfrey wissen. "Ich bin nicht sicher, ob ich denen was sagen will", murrte Madonna. Doch dann: "Schämt euch!" Genau das, was Winfrey hören wollte: "Ich muss sagen, Madonna, das ist eine tapfere Sache, die du getan hast."

Das fanden wohl auch viele Studiozuschauer. "Ich fand sie sehr aufrichtig", sprach eine Frau mittleren Alters anschließend. "Sie hat das Publikum schwer beeindruckt, und ich stehe hinter ihr."

Oprah.com, Winfreys populäre Website, verwirtschaftete Madonnas Medienschelte - als gelte die nicht für sie - umgehend zu sieben Online-Meldungen unter dem Schlagwort: "Die Adoptions-Kontroverse." Sogar die BBC veröffentlichte eine wortwörtliche Abschrift, als handele es sich um eine Parlamentsdebatte. Pop-Star Ricky Martin ließ unterdessen mitteilen, auch er wolle nun eines Tages ein Armenkind adoptieren: "Total."



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