Matthias Matschke "Sehe ich aus wie Bastian Pastewka?"

Matthias Matschke ist Anke Engelkes Partner in "Ladykracher", spielt den Bruder in "Pastewka" und macht Stand-up-Comedy in Berlin. Im Interview erzählt der ehemalige Theologiestudent, warum er genauso gut hätte Lehrer werden können - und was Zuschauer mit Schülern gemein haben.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Matschke, Sie machen Stand-up-Comedy in der Berliner Bar jeder Vernunft. Ein Mann, ein Mikro, sonst nichts. Keine Angst, dass keiner lacht?

Matthias Matschke: Klar habe ich davor am meisten Angst. Schlimmer ist nur die Angst vor meiner Angst. Und noch schlimmer ist nur, wenn man vor dem Publikum unerwartet verstirbt. Aber ich freue mich auch auf das Programm, obwohl man schon mal paranoid wird und denkt: "Das ist alles gar nicht lustig!" Aber wenn ich dann wirklich auf der Bühne stehe, ist es mir dann irgendwann egal.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es in Ihrer One-Man-Show?

Matschke: Es geht um die Sorgen eines Mannes in Berlin, der nicht im Prenzlauer Berg wohnt. Genauer gesagt: Es geht um mich und mein Leben. Ich könnte mir nie ein Programm nur ausdenken, ich muss es erlebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Es ist auch viel Improvisationstalent gefragt bei einer Stand-up-Comedy. Kann man das trainieren?

Matschke: Das kann man sicher, aber mir wäre das zu institutionalisiert. Jeden Abend kommt andere Kundschaft. Man hat zwar ein Programm vorbereitet, aber manchmal passt es auch nicht zu den Leuten, die gekommen sind. Dann muss man improvisieren, wie ein guter Versicherungsvertreter, und das Publikum davon überzeugen, dass sie zum Weiterleben genau dieses Programm unbedingt brauchen. Man muss sich auf die Zuschauer einlassen, das ist das Wichtigste.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen den ungleichen Bruder von Bastian Pastewka in der Sitcom "Pastewka". Wer kam auf diese Idee?

Matschke: Der Chefautor Chris Geletneky, der mich bei "Ladykracher" kennenlernte. Ich selbst kannte Bastian Pastewka damals kaum und dachte nur: "Sehe ich so aus wie Bastian Pastewka? Ist es wirklich so weit gekommen?" Inzwischen ist es tatsächlich so, dass wir zu einer Mischpoke geworden sind.

SPIEGEL ONLINE: Pastewka spielt sich selbst. Was haben Sie der Figur Hagen von sich mitgegeben?

Matschke: In Hagen steckt viel von Matthias Matschke, ich setze mich dem gern aus. Aber Hagen ist ganz klar eine Figur, nicht ich selbst. Außerdem: Pastewka spielt nicht sich selbst, sondern er spielt, dass er sich selbst spielt. Das Spannende liegt in der Unschärfe. Was ich als ein Mann mit plus 3 Dioptrien durchaus als Parabel auf unser aller Leben verstanden wissen will.

SPIEGEL ONLINE: In der Sitcom persiflieren sich viele Stars wie Hugo Egon Balder, Anke Engelke und Til Schweiger ...

Matschke: ... und sie machen sich mit Chuzpe zum Horst. Hugo Egon Balder zum Beispiel setzt sich dem aus wie kein anderer, das ist so wunderbar! In Deutschland haben erst wenige den Mut dazu, sich mit Würde selbst zu diskreditieren. Bei der BBC läuft "Extras", da trifft Autor und Hauptdarsteller Ricky Gervais ständig Stars, die sich selbst spielen. Kate Winslet beispielsweise gibt Tipps zum Telefonsex oder verrät, wie man einen Oscar bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte von den deutschen Stars bei "Pastewka" noch in den Ring steigen?

Matschke: Na, so viele Frauen vom Checkpoint Charlie, wie nur möglich ...

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten - wenn auch spät - unbedingt Schauspieler werden und bewarben sich an der Otto Falckenberg Schule in München, wurden jedoch nicht genommen. Fluch oder Segen?

Matschke: Das Schicksal oder Gott meinten es mit der Absage gut mit mir: Ich war zwar sehr enttäuscht, dass ich dort in der dritten Runde rausflog. Dann ist Zeit verstrichen, ich habe es später an der Hochschule der Künste in Berlin probiert und wurde aufgenommen: Zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Stadt, an der richtigen Schule. Dort hat man sich zur Aufgabe gemacht, Schauspieler als eigenständige Künstler auszubilden. Das hat viel in mir befreit und prägt mich bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nach München ernsthaft überlegt, in die Fußstapfen Ihrer Mutter, einer Lehrerin, zu treten und Religion zu unterrichten?

Matschke: Absolut. Schauspieler und Lehrer stellen sich vor Leute und versuchen Inhalt zu vermitteln. Zuschauer und Schüler wollen aber auch eine gute Show sehen. Sie wollen was wissen und sich nicht langweilen. Für mich ist es kein Unterschied: Ich könnte heute auch als Lehrer in der Provinz arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen Geige, Gitarre und Kontrabass. Warum sind viele Comedians so musikalisch?

Matschke: Musiker sind oft sehr lustig. Weiß auch nicht warum. Da wird Gott wieder seine Hände im Spiel gehabt haben. Musik ist ja irgendwie abstrakt und wunderbar sinnbefreit - erreicht aber jeden. Vielleicht ist das die Verbindung zur Komik.

Das Interview führte Julia Jüttner



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.