Meghan und Harry Das Märchen vom royalen Märchen

Schön war's, zu schön, um wahr zu sein. Der britische Prinz Harry fand seine amerikanische Braut Meghan, Hochzeit, Jubel, Baby. Doch nun macht das Paar deutlich: Das Happy End ist vorerst vertagt.

Meghan und Harry auf ihrer jüngsten Reise in Johannesburg, Südafrika: "Es reicht nicht nur zu überleben"
Dominic Lipinski / Getty Images

Meghan und Harry auf ihrer jüngsten Reise in Johannesburg, Südafrika: "Es reicht nicht nur zu überleben"

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Ob die Queen fernsieht dieser Tage? Beim Zappen durch die Programme - wir vermuten mal, dass Ihre Majestät nicht streamt - hatte sie am Sonntag die Wahl zwischen Brexit, Brexit, Brexit oder einer Dokumentation des Senders ITV, dem ein Coup gelang.

Harry - Enkel der Königin, Nummer sechs in der Thronfolge - und seine Frau Meghan packten in einer 60-minütigen TV-Dokumentation, in der es vorgeblich um ihre gerade absolvierte Afrikareise ging ("Harry and Meghan: An African Journey"), ihr Beef auf den Tisch.

Mit einer Offenheit, wie man sie in royalen Kreisen seit dem Tod Dianas nicht mehr kennt, erzählten der Herzog und die Herzogin von Sussex, welche Belastungen es mit sich bringt, ein britischer Royal zu sein. Und das ist natürlich untertrieben.

Tatsächlich geht es um medialen Psychoterror. Um die ständigen Angriffe einer Boulevardpresse, die mit allen, auch illegalen Mitteln in die Privatsphäre der Windsors eindringt. Je mehr sich ein Protagonist dem zu entziehen versucht, desto furioser werden die Attacken.

Und es geht um die grundsätzliche Frage, was es kostet, sich im 21. Jahrhundert einen Anachronismus wie die Monarchie zu leisten - und wer den Preis am Ende zahlen muss.

Ihre Freunde hatten sie gewarnt

Die Kamera ist auf Meghan gerichtet, sie und der Journalist Tom Bradby stehen im Grünen, sie antwortet auf seine Fragen und ist dabei den Tränen nah.

"Als ich meinen Mann kennenlernte, waren meine Freunde wirklich happy für mich, weil ich so glücklich war. Aber meine britischen Freunde sagten: 'Er ist bestimmt ganz toll - aber du solltest ihn nicht heiraten, die Boulevardpresse wird dein Leben zerstören.'"

"Sehr naiv" habe sie geantwortet: "Wovon redet ihr? Das ist doch Quatsch." Sie habe "einfach nicht kapiert", welchem Druck man in dieser Rolle ausgesetzt sei. Und daraus hätten sich "Komplikationen ergeben".

Auch Harry, der, wie der "Guardian" berichtet, mit Filmemacher Bradby seit mehr als 20 Jahren befreundet ist, offenbarte sich: Seit er Ehemann und Vater sei, spüre er, was seine Mutter Diana habe ertragen müssen: "Ich habe jetzt eine Familie, die ich beschützen muss, alles, was sie (seine Mutter - d. Red.) durchmachen musste, wird wieder schmerzlich lebendig, jeden Tag. Und ich bin nicht etwa paranoid, ich will nur nicht, dass sich die Vergangenheit wiederholt."

Charles und Diana 1989 mit ihren Kindern Harry (l.) und William: Die Prinzessin starb 1997 in Paris bei einem Autounfall
DPA

Charles und Diana 1989 mit ihren Kindern Harry (l.) und William: Die Prinzessin starb 1997 in Paris bei einem Autounfall

"Die Vergangenheit" kulminierte am 30. August 1997, als Diana von einer Pressemeute in Paris buchstäblich zu Tode gehetzt wurde: Paparazzi verfolgten die Limousine, in der die Prinzessin saß, der Wagen krachte in einem Autotunnel gegen einen Pfeiler, kurz darauf erlag Diana ihren inneren Verletzungen. Harry war zwölf Jahre alt.

Die Presse habe "Blut an den Händen", sagte Dianas Bruder Charles Spencer wenig später, seine Schwester sei die "meistgejagte Persönlichkeit" der Moderne gewesen.

Die Welt war entsetzt und verfiel - größtenteils - in einen massenpsychotischen Trauerzustand. Nie mehr, hieß es damals, sollte sich eine Geschichte wie die Dianas, dieser armen, zu Tode fotografierten Frau, wiederholen. Die britische Presse verpflichtete sich, Williams und Harrys Privatsphäre zu respektieren, ein "Gentlemen's Agreement" mit dem Königshaus, rechtlich nicht bindend und offensichtlich nicht für die Ewigkeit gemacht.

Angeblicher Zickenalarm statt kitschig-royaler Romanze

William, der ältere von Dianas zwei Söhnen und künftiger König, und seine Frau Catherine scheinen sich mit den Medien arrangiert zu haben: Es gibt sorgfältig inszenierte Termine für die Presse, bei denen man wohldosiert Zugang auch zu den drei Kindern gewährt, die Berichterstattung ist weitestgehend wohlwollend.

Im Fall von Harry und Meghan jedoch ist die Story einer kitschig-royalen Romanze hurtig verkehrt worden in ein nickeliges Familiendrama mitsamt Zickenalarm und Bruderzwist. Drehbuch und Regie: die Klatschpresse.

Im Herbst 2017 hatte die Ankündigung, Harry werde die amerikanische Schauspielerin Meghan Markle heiraten, wie ein Komet in die dümpelnde Royal-Berichterstattung eingeschlagen. Alles an dieser Frau war erfrischend anders, als man es von Windsor-Bräuten gewohnt war: Sie ist älter als Harry, geschieden, hat einen Beruf, ihre Mutter ist Afroamerikanerin.

Eine Ergänzung wie Meghan im konformistischen britischen Königshaus versprach Chancen für die Monarchie. Mit ihr konnten die Windsors eine neue Identifikationsfigur bieten. Wenn es eine nützliche Rolle für eine moderne Monarchie geben kann, dann als positive Projektionsfläche, als integrative Kraft. Dafür taugte Meghan - eigenständig, ethnisch divers, Feministin - auf ideale Weise.

Es kam dann alles etwas schlichter: Meghan gegen Kate.

Schwägerinnen, keine Freundinnen - und das ist okay, oder nicht? Catherine und Meghan 2018 in Wimbledon
Clive Mason/ Getty Images

Schwägerinnen, keine Freundinnen - und das ist okay, oder nicht? Catherine und Meghan 2018 in Wimbledon

Mit verlässlicher Vorhersehbarkeit stürzte sich der Boulevard auf die imaginären oder erst herbeigeschriebenen Differenzen zwischen den beiden Frauen, eine "Story" ward geboren - Battle of the Bitches, Kampf ums Rampenlicht, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Tatsächlich unterscheidet die beiden Frauen vor allem, dass Catherine in einem jahrelangen Verfahren für ihre Rolle als künftige Königin gestählt wurde, während Meghan - ähnlich wie Diana Spencer Anfang der Achtzigerjahre - quasi über Nacht in ihre neue Position katapultiert wurde. Sie allerdings, im Gegensatz zu Diana, als erwachsene, reflektierte Frau.

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Prinzen Harry und William: Die Entfremdung

Und Meghan, so scheint es, hat keine Lust auf dieses Spiel, den herbeifabulierten Zickenkrieg, in dem man ihr zunehmend die Rolle der anstrengenden Fremden zugedachte. Seitenweise wurde LeserInnen einschlägiger Magazine aufgeführt, wie peinlich Meghan sich wieder verhalten habe: Sie schlägt eigenhändig eine Autotür zu (dafür hat man schließlich Personal), sie bringt amerikanische Freunde zum Tennisgucken nach Wimbledon mit (mag sie keine Engländer?), sie entfremdet ihren Ehemann seinem Bruder-Kumpel William. Auch mit dem neuen Familiendomizil der Sussexes in Windsor wurde abgerechnet: zu teuer, zu abgehoben (war das ihre Idee?).

Wer will so leben, diesen Preis bezahlen? Meghan wehrt sich.

Auf die Frage, ob man die Dauerbeachtung durch die Presse nicht in Kauf nehmen könne angesichts des Reichtums und der Privilegien, die man als Royal genieße, sagt sie im ITV-Interview: "Wenn es fair zugeht, ja. Aber wenn Leute Dinge sagen, die einfach nicht wahr sind, und man sagt es ihnen und sie dürfen diese Dinge trotzdem weiter behaupten - ich kenne keinen Menschen, der in dieser Situation sagen würde, das sei okay."

Anfang Oktober verklagte die Herzogin die Boulevardzeitung "Mail on Sunday", weil die einen handschriftlichen Brief Meghans an ihren Vater veröffentlich hatte.

Harry verklagte die beiden anderen britischen Boulevard-Dickschiffe, die "Sun" und den "Mirror", wegen angeblich abgehörter Telefonate. Dass sich in Großbritannien gewisse Medien dieser illegalen Mittel bedienen, wurde unter anderem im Skandal um die "News of the World" offenbar. Das Blatt wurde 2011 eingestellt. Ob das auch für die hanebüchenen Praktiken mancher "Reporter" gilt, darf bezweifelt werden.

Umstritten ist unter Beobachtern, wie diese Schlacht enden wird. Was können Harry und Meghan erreichen - und warum das Ganze? Zumal es bei der Klage gegen "Mirror" und "Sun" um Vorwürfe gehen dürfte, die womöglich schon verjährt sind.

Es gibt dümmlichste Ausdeutungen

Der Journalist Roy Greenslade warnte in einem Gespräch mit der BBC, die Klage könnte sich als kontraproduktiv erweisen und sei eigentlich nicht nötig, die Presse sei nicht mehr so mächtig wie zu Dianas Zeiten: "Nimmt Harry also einen Vorschlaghammer, um eine Nuss zu knacken?".

Auch die Unterschiede zwischen den Brüdern im Umgang mit der Presse treten nun deutlich zutage: Harry räumte ein getrübtes Verhältnis zu William ein, und der zeige sich "besorgt", so der BBC-Reporter Jonny Dymond, da Meghan und Harry offensichtlich auf eigene Faust versuchen, gegen die Presse vorzugehen.

Das Gedröhn nach der ITV-Sendung ist immens, es gibt dümmlichste Ausdeutungen. Es sei "Dianas Vermächtnis" gewesen, dass ihre Söhne zusammenhalten sollten, barmt die "Daily Mail", und jetzt dieses Zerwürfnis unter Brüdern! Und der "Telegraph", dieser Tage eher auf Pro-Brexit-Propaganda festgelegt, will sauertöpfisch wissen, was eigentlich "die Queen" zu diesen Bekenntnissen im Fernsehen sage?

Eine gute Antwort gab Meghan selbst, in dem Interview am Sonntag: Es reiche nicht, eine Situation wie ihre nur zu "überleben". Man müsse vielmehr leben, sich entfalten, glücklich sein.

Nein, das klingt nicht so, als sei sie bereit, den Preis für ein Dasein als britische Royal bedingungslos zu zahlen.

insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
carlitom 22.10.2019
1.
Meine Güte. Im Text wird zurecht daraufhingewiesen, dass Harrys Frau eine Erwachsene war, als sie ihn traf. Sie wurde gewarnt, konnte selbst denken, erfassen, wie das laufen wird, beobachten, wie es bei den anderen beiden läuft. Warum hat sie daraus nicht ihre Schlüsse gezogen und sich dafür hinterher gewundert, wie alles wurde? Das ist doch albern. Und jetzt auf trotziges Kind machen und "alle sind so gemein" schreien. Unreif wie Diana damals auch. Nur Ego und keinerlei Kompromissbereitschaft. Prinzen und Status gibts nun mal nur im Komplettpaket. Das weiß jeder. Wer nicht mitspielen will, soll es lassen und nicht hinterher jammern.
HansHuckebein 22.10.2019
2. Fair Play?
Ich bin weit entfernt davon, ein Liebhaber von Klatsch-Tratsch-Hofgeschichten zu sein, aber: Darf sich die Presse in UK eigentlich alles erlauben? Im Sport haben die Engländer ja angeblich das Fair Play erfunden. In der Yellow Press scheint eher das Gegenteil Usus zu sein.
DJ Doena 22.10.2019
3.
Zitat von carlitomMeine Güte. Im Text wird zurecht daraufhingewiesen, dass Harrys Frau eine Erwachsene war, als sie ihn traf. Sie wurde gewarnt, konnte selbst denken, erfassen, wie das laufen wird, beobachten, wie es bei den anderen beiden läuft. Warum hat sie daraus nicht ihre Schlüsse gezogen und sich dafür hinterher gewundert, wie alles wurde? Das ist doch albern. Und jetzt auf trotziges Kind machen und "alle sind so gemein" schreien. Unreif wie Diana damals auch. Nur Ego und keinerlei Kompromissbereitschaft. Prinzen und Status gibts nun mal nur im Komplettpaket. Das weiß jeder. Wer nicht mitspielen will, soll es lassen und nicht hinterher jammern.
Sie war ja vorher eine Schauspielerin und damit bereits eine Person der Öffentlichkeit. Sie hat ihre Begegnungen mit der Presse gehabt und es waren da bestimmt auch nicht alle positiv. Das bedeutet trotzdem nicht, dass man auf den Sh!tstorm vorbereitet ist, den den englische Yellow Press darstellt.
itsnotokay 22.10.2019
4.
Mann kann sich nicht Duchess of Sussex schimpfen und dann auf Privatsphäre pochen. Ihr ganzes Leben wird von der Öffentlichkeit bezahlt und die möchte daran teilhaben.
der_rookie 22.10.2019
5. Hm
In einem Rechtsstaat gilt das Recht auch für die königliche Familie: Es verbietet ihnen illegale Handlungen zu begehen, schützt sie aber auch vor illegalen Handlungen anderer. Was die Boulevardpresse dort macht geht gar nicht. Und jeder Kommentator der sagt "Selber schuld" meint wohl auch, dass Sportler, Politiker oder Filmschauspieler keine Menschenrechte haben. Wer kann nur anderen Menschen elementare Menschenrechte absprechen?
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