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Interview mit Micaela Schäfer: "Also ob ich mich dafür rechtfertigen müsste"

Foto: Florian Ebener/ Getty Images

Interview mit Micaela Schäfer "Na klar kann jede ihre Brüste zeigen. Es macht halt keine."

Micaela Schäfer ist beruflich nackt. Im Interview spricht die Trash-TV-Expertin über Promis von A bis C, ihr Image und ihre Immobilien-Millionen.
Von Robert Hofmann und Patrick Wagner
Zur Person

Micaela Schäfer, geboren 1983, hat sich als Erotikmodel und im Trash-TV einen Namen gemacht. Die gebürtige Leipzigerin hat nach der zehnten Klasse das Gymnasium verlassen und eine Ausbildung zur pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten absolviert.

DER SPIEGEL: Frau Schäfer, wissen Sie, wer Claudia Hein ist?

Schäfer: Wer?

DER SPIEGEL: Claudia Hein.

Schäfer: Ach, die war mal "Miss Germany", kann das sein? Ich weiß aber gar nicht mehr in welchem Jahr.

DER SPIEGEL: Das war 2004, als Sie bei der "Miss-Germany"-Wahl antraten. Wenige Tage vor der Entscheidung sind Sie rausgeflogen.

Schäfer: Stimmt, wegen meines ersten Nackt-Shootings.

DER SPIEGEL: Wir fragen uns, was Claudia Hein jetzt macht. Wissen Sie es?

Schäfer: Ist die nicht Schauspielerin? Macht die bei "Unter Uns" mit? Ich habe keine Ahnung. Wieso?

DER SPIEGEL: Ich weiß es auch nicht.

Schäfer: Ist das deine Ex oder was?

DER SPIEGEL: Nein. Aber warum, meinen Sie, dass man sich an Sie erinnert, obwohl Sie damals rausgeflogen sind, und nicht an die Gewinnerin Hein?

Schäfer: Naja, Skandale: Darüber berichtet die Presse einfach größer.

DER SPIEGEL: War das der Moment, an dem Sie gemerkt haben, dass Ihr Business über Skandale funktioniert?

Schäfer: Nein, ich wollte wirklich "Miss Germany" werden. Ich habe bestimmt bei 18 Miss-Wahlen teilgenommen. Ich war ehrgeizig. Ich habe es immer weiter versucht, bis ich erst "Miss Tempelhof" und später "Miss Ostdeutschland" wurde. Dann durfte ich zur Miss-Germany-Wahl. Aber selbst wenn ich "Miss Germany" geworden wäre, wäre das mit den Fotos eine Woche später rausgekommen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass man da keine Nacktfotos machen darf. Die kamen bei "Germany's Next Topmodel" wieder auf. Und das, obwohl man mich ja schon nackt kannte. Heidi Klum hat wohl einfach einen Skandal gebraucht. Später habe ich mich bei "Das Supertalent" ausgezogen. Da habe ich gemerkt, dass man sich enorm lange mit mir beschäftigt hat. Und dann kam das "Dschungelcamp". Danach war klar: Nacktheit funktioniert. Und mir fiel auf, dass das sonst keiner macht. Und ich dachte: Ich finde das geil und es macht mir Spaß, das probiere ich jetzt aus.

DER SPIEGEL: Wollten Sie schon immer berühmt werden?

Schäfer: Ja, ich wusste aber auch, dass es bei mir nicht mit etwas Normalem klappt. Ich wusste, ich werde keine Schauspielerin, keine Sängerin, keine Moderatorin. Und für ein Model bin ich zu klein und kurvig. Also habe ich überall mitgemacht - irgendetwas würde sich schon ergeben.

DER SPIEGEL: In Ihrem Wikipedia-Artikel steht, Sie sind Nacktmodel, DJane, Moderatorin. Was ist denn nun Ihr Job?

Schäfer: Die Frage stelle ich mir auch manchmal. Früher gab es Sängerinnen, Schauspielerinnen, Models, da konnte man Frauen noch in diese Kategorien stecken. Ich würde mich am ehesten als Erotikmodel bezeichnen, aber eigentlich ist das so ein neumodischer Berühmt-Werde-Beruf.

DER SPIEGEL: Sind Sie auch Influencerin?

Schäfer: Nein, ich verdiene mein Geld nicht mit Postings. Ich komme aus dem TV. Wenn Instagram morgen pleitegeht, wäre mir das scheißegal.

DER SPIEGEL: Lieber im Fernsehen blankziehen?

Schäfer: Ja, das macht mir einfach Spaß. Aber, ich bin wirklich kein Social-Media-Typ, da bin ich ganz ehrlich.

DER SPIEGEL: Gibt es auch Medienanfragen, die Sie ablehnen?

Schäfer: Talkshows mag ich nicht so gern. Ich war jetzt schon öfter bei "Markus Lanz". Da sitzen acht Leute in einer Runde. Wie soll das denn funktionieren? Da kommst du ja gar nicht zu Wort.

DER SPIEGEL: Nimmt man Sie da ernst?

Schäfer: Ich war letztens in einer Talkrunde in Wien, zusammen mit einem Politiker und einem Immobilien-Typ. Es ging um Geld. Da habe ich nebenbei rausgehauen, dass ich Immobilien-Millionärin bin. Dann war kurz Ruhe und die Leute dachten: "Wow krass - ich bin kein Immobilien-Millionär!" Mit meiner Handtasche laufe ich schon seit sieben Jahren herum, ich investiere mein Geld lieber sinnvoll.

DER SPIEGEL: Hier kommt eine Markus-Lanz-Frage: "Was bereust Du in deinem Leben?"

Schäfer: Was bereust du in deinem Leben… - warum fragt ihr mich das immer? Mir geht es doch super! Ich nehme keine Drogen, ich trinke keinen Alkohol, ich habe keine Eskapaden. Eigentlich bin ich ein Vorzeige-Promi, behandelt werde ich wie eine Aussätzige.

DER SPIEGEL: Skandale haben auch Sie groß gemacht.

Schäfer: Ja, wir Trash-Sternchen leben von Skandalen. Aber meine sind clean. Ich stolpere nie besoffen aus dem Club, pöble rum oder hinterziehe Steuern.

DER SPIEGEL: Und wenn Sie etwas anderes machen würden, als beruflich nackt zu sein?

Schäfer: Wenn ich keine Lust mehr habe, Nackt-DJane zu sein, denke ich mir was Neues aus - eine Modekollektion zum Beispiel. Oder ich würde ein Magazin machen, da habe ich schon eine Idee.

DER SPIEGEL: Sie arbeiten an einem Magazin?

Schäfer: Noch nicht, aber ich möchte gern.

DER SPIEGEL: Was ist denn das Thema?

Schäfer: Natürlich Erotik. Da kenne ich mich am besten aus.

DER SPIEGEL: Frau Schäfer, vor Ihnen sitzen Medienmacher. Pitchen Sie uns doch mal Ihre Idee.

Schäfer: Ein Erotikmagazin für Sie und Ihn. Denn für Männer gibt es bereits Erotikmagazine, nur wir Frauen kommen nicht auf unsere Kosten. Wir können was über Lippenstift lesen oder darüber, welche Adeligen sich gerade scheiden lassen. Aber wenn ich auch mal etwas über Sex lesen möchte, wird es trostlos. Das fehlt!

DER SPIEGEL: Wird das dann so wie Barbara oder BOA?

Schäfer: Ich will die Themen vorgeben. Schreiben muss ich nicht. Das Magazin soll ja auch gut werden.

DER SPIEGEL: Wer käme aufs erste Cover?

Schäfer: Ich!

DER SPIEGEL: Und auf das zweite?

Schäfer: Ich, ich, ich! Aber ich plane da erstmal nur eine Ausgabe. Das kostet ja Geld. Und ich habe keine Ahnung, wie man ein Magazin in die Läden bekommt. Anzeigen und Werbekunden - um Gottes Willen.

DER SPIEGEL: Ehrlich gesagt überrascht Ihre positive Einstellung zu Printmedien.

Schäfer: Zu Beginn meiner Karriere wurde viel Schlechtes geschrieben, weil die Leute sich damit gar nicht anfreunden konnten. "Da ist eine, die zeigt Brüste. Die ist doch bekloppt im Kopf." Mittlerweile werde ich eher gefragt: "Warum sind Sie heute so angezogen?" Als ob ich mich dafür rechtfertigen müsste.

DER SPIEGEL: Wieso brauchen wir überhaupt Trash-Sternchen und Trash-TV?

Schäfer: Wir sind alle voyeuristisch veranlagt. Wir wollen glauben, dass wir das Leben von Menschen in der Öffentlichkeit kennen. Dabei ahnen wir, dass vor der Kamera jeder eine Rolle spielt. Trotzdem bin ich überzeugte Trash-Tante.

DER SPIEGEL: Wenn Sie im Fernsehen auftreten, sind das dann wirklich Sie oder spielen Sie nur eine Rolle?

Schäfer: Natürlich verstelle ich mich. Ich ziehe mich immer aus. Das verlangt zwar kein Produzent von mir, aber er wäre enttäuscht, wenn ich mich nicht nackt machen würde. Montagmorgens im Café mache ich das nicht.

DER SPIEGEL: Ist der Ruf erst etabliert, lebt sich's gänzlich ungeniert.

Schäfer: Bei mir passt der Spruch ganz gut. Ein A-Promi wie Helene Fischer muss aufpassen, was sie sagt, sonst verliert sie einen ihrer hochdotierten Werbeverträge mit irgendeiner Schwachsinns-Firma. Wenn ich etwas Falsches sage, heißt es nur: "Ahh, die dumme Nuss wieder." Aber das ist nicht schlimm, ich fühle mich wohl.

DER SPIEGEL: Wenn Helene Fischer A-Promi ist, welchen Buchstaben haben Sie?

Schäfer: C.

DER SPIEGEL: Kann man als C-Promi zum A-Promi aufsteigen?

Schäfer: Zum A-Promi könnte ich nur werden, wenn ich mir einen Nationalspieler angele oder Til Schweiger sich in mich verliebt. Aber mich nimmt kein A-Promi. Das verbietet ihnen schon das Management. So tickt diese arrogante Medienbranche. Früher gab es sowas wie A-, B-, C-Promis nicht.

DER SPIEGEL: Wo liegt denn der Unterschied?

Schäfer: Bambi, Deutscher Filmpreis. Sowas kannst du als C-Promi knicken. Wir halten keine Laudatio und große Designer statten uns nicht aus. Wir kriegen kein Cover in Bunte oder Gala, wir kommen auf die InTouch. Wir laufen im Dschungelcamp rum, aber kriegen keine Stunde bei Lanz, wie Lagerfeld. Wir C-Promis haben bestimmte Privilegien einfach nicht.

DER SPIEGEL: Stört Sie das?

Schäfer: An sich ist das okay für mich. Aber manchmal ist die Art und Weise, wie wir C-Promis behandelt werden, schon grenzwertig. Wirklich wie der letzte Dreck. Entschuldigung, wir füllen 50 Prozent eurer Formate. Wenn wir nicht wären, wann soll dann der Schokoriegelhersteller seine Werbung bei euch schalten?

DER SPIEGEL: Wenn jetzt Til Schweiger käme, sagen würde: "Hey Micaela, willst du meine Freundin sein? Du müsstest nur aufhören, dich auszuziehen." Würden Sie "Ja" sagen?

Schäfer: Oh Gott, ich würde auf keinen Fall aufhören zu arbeiten, nur weil ein Mann das sagt! Was ist das für ein Frauenbild? Leben wir im Mittelalter? Auf keinen Fall. Und aufhören mich auszuziehen? Womit sollte ich denn dann mein Geld verdienen?

DER SPIEGEL: Mit Immobilien?

Schäfer: Um mir die zu kaufen, muss ich mich ja ausziehen. Nein, da würde ich Til Schweiger sagen, sorry, das klappt nicht.

DER SPIEGEL: Sie meinten mal, Sie hätten etwas mit Angela Merkel gemeinsam.

Schäfer: Oh Gott, sowas habe ich gesagt?

DER SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie.

Schäfer: Also optisch auf keinen Fall.

DER SPIEGEL: Aber was eint Sie dann?

Schäfer: Merkel ist es egal, was andere über sie sagen. Sie zieht einfach ihr Ding durch. Ich liebe Frau Merkel, ich bin ja bekennende CDU-Wählerin.

DER SPIEGEL: Treten Sie als politischer Mensch auch in die Öffentlichkeit?

Schäfer: Nein, eigentlich nicht. Ich rufe auf Facebook dazu auf, nicht die AfD zu wählen, aber ich starte keine Grundsatzdiskussion. Das bringt ja nichts. Vielleicht sollte ich etwas zu Altersarmut sagen, denn das berührt mich. Da denke ich an meine Oma. Aber als C-Promi ist Politik nicht meine Aufgabe.

DER SPIEGEL: Was müssen Sie als C-Promi tun, um erfolgreich zu bleiben?

Schäfer: Ich kenne viele, die denken, sie kommen in den neuen Til-Schweiger-Film, nachdem sie im "Dschungelcamp" waren. Das ist doch Bullshit! Ihr könnt nichts und werdet weiter nichts können. Zeigt lieber, warum ihr ins "Dschungelcamp" gekommen seid, und wenn es nur eure Brüste sind. Wenn ihr das zu 100 Prozent tut, dann bleibt ihr auch erfolgreich.

DER SPIEGEL: Sie behaupten, Sie genießen es, älter zu werden. Aber mit den ganzen Schönheitsoperationen halten sie ja genau diesen Prozess auf.

Schäfer: Ja, das will ich auch.

DER SPIEGEL: Also älter werden, aber nicht altern?

Schäfer: Ne! Also klar werde ich älter, aber ich will nicht so aussehen. Ich will mich in meinem Körper wohlfühlen und das tue ich nicht, wenn ich Falten habe und es überall hängt. Klar irgendwann kann ich das eh nicht mehr aufhalten, aber im Moment möchte ich in den Spiegel gucken und mich einfach schön fühlen.

DER SPIEGEL: Wieviel Operationen sind es denn eigentlich?

Schäfer: Zwei Mal der Hintern, einmal das Kinn, drei Mal die Nase und dann noch die Schlupflider. Und die Brüste habe ich ein, zwei, drei, vier… fünf Mal gemacht. Ach, und Bauch, Lippen und Wangen, das habe ich beinahe vergessen

DER SPIEGEL: Warum muss man das so oft machen?

Schäfer: Ach, weil ich verrückt nach Schönheits-OPs bin.

DER SPIEGEL: Gibt es auch Operationen, die sie heute so nicht mehr machen würden?

Schäfer: Das mit dem Botox habe ich jetzt eingeschränkt. Bei einigen Jobs habe ich gemerkt, da sollte ich halt irgendwie "anders" gucken und das funktionierte einfach nicht. Und so ein bisschen Mimik im Gesicht wäre ja schon schön. Ich spritze immer noch aber nicht mehr so, dass da alles wie festgetackert ist.

DER SPIEGEL: Braucht man das alles überhaupt?

Schäfer: Mittlerweile denken Frauen, ich brauche größere Brüste und einen dickeren Hintern. Ich sage: Macht das, aber Probleme löst das nicht! Du musst trotzdem ackern, ehrgeizig und diszipliniert sein, so etwas kann man nicht einfach beim Doktor kaufen. Aber größere Brüste: Sorry Schatz, die bekommst du auch auf Raten.

DER SPIEGEL: Was würden Sie einem 14-jährigen Mädchen sagen, dass Sie vergöttert und Ihnen nacheifert?

Schäfer: Mach das nicht. Ich stehe zu dem Produkt Micaela Schäfer. Dazu, dass ich meine Brüste zeige. Das wird aber nicht deins sein. Du wirst die Shitstorms nicht ertragen, das macht dich nicht glücklich.

DER SPIEGEL: Die Süddeutsche Zeitung nannte Sie mal "moderne Helena" und "die personifizierte sexuelle Provokation".

Schäfer: Die Süddeutsche hat mal über mich geschrieben? Toll!

DER SPIEGEL: Ja, damals zum "Dschungelcamp".

Schäfer: Ach scheiße, so lang ist das schon her?

DER SPIEGEL: Reicht Provokation für Erfolg?

Schäfer: Also anfangs haben alle gesagt: "Nach einem halben Jahr ist die weg. Brüste zeigen kann doch jede." Na klar kann das jede, aber es macht halt keine.

DER SPIEGEL: Wenn morgen RTL auf Sie zukommt und Ihnen eine Show anbietet, zur besten Sendezeit. Sie bestimmen das Konzept und laden Gäste ein. Wie reagieren Sie?

Schäfer: Ha, da habe ich mir schon oft Gedanken gemacht. Ich erwarte auch, dass das irgendwann passieren wird. Ich hab mir das schon alles genau überlegt.

DER SPIEGEL: Wie soll Ihr Format aussehen?

Schäfer: Das wird natürlich eine Show, in der nur C-Promis eine Bühne bekommen. Die haben so geile Geschichten zu erzählen, bekommen aber nie die Chance dazu. Dafür sollte es Zeit geben im Fernsehen. Oder ich caste den nächsten C-Promi. Der Gewinner kriegt eine Green Card ins "Dschungelcamp". Das ist alles ausgearbeitet, ich warte nur, dass RTL sich bei mir meldet.

Dieses Interview ist zuerst erschienen in "Klartext 48: Wertstoff", dem Abschlussmagazin der Lehrredaktion 57A der Deutschen Journalistenschule vom 13.9.2019.

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