Reaktion auf "Leaving Neverland"-Doku "All die Wut - ihr werdet sie abbekommen"

Zwei Männer erheben in einem Film Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson, im TV-Studio von Oprah Winfrey bekräftigen sie diese, Radiosender ziehen Konsequenzen. Nun wird auch die Moderatorin angegriffen.

Jackson-Fans bei der Premiere der Doku im Rahmen des Sundance-Filmfestivals
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Jackson-Fans bei der Premiere der Doku im Rahmen des Sundance-Filmfestivals


Eine Reihe großer Radiosender in Kanada will angesichts der Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson vorerst keine Lieder des Musikers mehr spielen. Das gab das Medienunternehmen Cogeco bekannt. Man habe sich nach der Ausstrahlung der Dokumentation "Leaving Neverland" zu dem Schritt entschlossen, sagte eine Sprecherin. Cogeco gehören 22 Radiosender im Bundesstaat Quebec und einer in Ontario.

"Wir achten auf die Kommentare unserer Hörer", sagte Cogeco-Sprecherin Christine Dicaire. Nach der Ausstrahlung der Dokumentation habe es Reaktionen gegeben. "Bis auf Weiteres" habe man Jacksons Musik daher aus dem Programm genommen.

Der US-Fernsehsender HBO hatte die zweiteilige Dokumentation "Leaving Neverland" am Sonntag und am Montag ausgestrahlt. Darin werfen zwei Männer Jackson vor, sie in den Neunzigerjahren missbraucht zu haben. Die beiden waren damals sieben und zehn Jahre alt.

Im Anschluss an die TV-Ausstrahlung vom Montag waren die beiden Männer - Wade Robson und James Safechuck - bei Moderatorin Oprah Winfrey zu Gast. Sie ist eigenen Angaben zufolge selbst als Kind missbraucht worden und interviewte nun die beiden Protagonisten der "Leaving Neverland"-Dokumentation im TV-Studio.

Robson und Safechuck bekräftigten dabei ihre Vorwürfe gegen Jackson. Und Winfrey war offenbar bewusst, dass es Kritik geben würde. "All die Wut - ihr werdet sie abbekommen", sagte Winfrey. "Ihr werdet sie abbekommen. Ich werde sie abbekommen. Wir alle werden sie abbekommen." Robson gab an, er habe bereits Todesdrohungen erhalten.

Robson (l.) und Safechuck (r.) mit dem Regisseur der Doku, Dan Reed
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Robson (l.) und Safechuck (r.) mit dem Regisseur der Doku, Dan Reed

Auch Winfrey wurde im Anschluss an ihre Sendung mit Hassnachrichten bombardiert. "Leute vergessen schnell", schrieben beispielsweise Jackson-Fans online und zeigten dazu alte Fotos, auf denen Winfrey und Mitglieder der Jackson-Familie gemeinsam zu sehen sind. Unter den Fans hat sich der Hashtag #MJInnocent etabliert. Manche von ihnen spendeten für Poster mit der Aufschrift "Fakten lügen nicht. Menschen lügen. MJInnocent", die an Londoner Busse angebracht werden sollen.

Jacksons Nachlassverwalter hatten den Sender HBO vor der Ausstrahlung der Dokumentation wegen Verunglimpfung des Musikers auf 100 Millionen Dollar verklagt. Jacksons Familie nennt den Film und die Nachrichtenberichterstattung darüber einen "öffentlichen Lynchmord".

"So viele in der Medienbranche, inklusive Oprah, nehmen 'Leaving Neverland' für bare Münze und formen ein Narrativ, ohne sich für Fakten, Beweise, Glaubwürdigkeit zu interessieren", schrieb Jacksons Bruder Jermaine auf Twitter.

Neben den kanadischen Radiosendern will übrigens auch der niederländische Sender NH Radio die Ausstrahlung von Jacksons Musik für einige Wochen aussetzen. "Ich denke nicht, dass Menschen diese Lieder noch genauso hören können wie zuvor", sagte NH-Redakteur Arjan Snijders. "Sie sollen glücklich machen, singen und tanzen lassen."

Norwegischer Rundfunk rudert zurück - und will doch Jackson-Songs spielen

Anders bewertet das der norwegische Rundfunk NRK: Jacksons Lieder werden doch nicht wie geplant für zwei Wochen aus den Wiedergabelisten dreier Radiosender entfernt, wie Rundfunkchef Thor Gjermund Eriksen mitteilte. Damit reagiere man auf Kritik, die den NRK erreicht habe.

"Der Entschluss war falsch. Wir müssen zwischen Kunst und Künstler unterscheiden", sagte Gjermund Eriksen. Die Entscheidung sei zwar gut gemeint gewesen. Mittlerweile habe der NRK aber erkannt, dass es ein Fehler gewesen sei. Es solle nicht der Eindruck entstehen, dass man eine Position dazu beziehe, ob Jackson schuldig sei oder nicht.

Der NRK hatte am Montag angekündigt, Songs von Jackson ab diesem Freitag für zwei Wochen aus den Sendern P1, P13 und P1+ zu verbannen. Als Grund gab er die in "Leaving Neverland" erhobenen Missbrauchsvorwürfe an.

Jackson war im Juni 2009 an einer Überdosis des Narkosemittels Propofol gestorben. Der Musiker sah sich bereits zu Lebzeiten immer wieder dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs ausgesetzt. 2005 wurde er in einem spektakulären Gerichtsverfahren freigesprochen.

sth/Reuters/AFP/dpa



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