Michelle Obama und die Stilfrage "Schluss mit ärmellos!"

Michelle Obama, darin schienen sich US-Medien weitgehend einig, ist das Beste, was der gesetzten Washingtoner Gesellschaft seit Jackie Kennedy passiert ist. Doch jetzt regt sich erstmals auch Kritik an ihrer Kleiderwahl: Zeigt die First Lady zu viel bloße Haut?

Washington - Eigentlich war alles wie immer: Barack Obama hielt eine mitreißende Rede, die Zuschauerschar hing an seinen Lippen, und in der Menge stand seine Frau Michelle und applaudierte so verzückt wie kämpferisch, mit dieser "Yeah, we can!"-Attitüde, die für ihren Mann im Wahlkampf von beachtlichem Wert war.

Michelle Obama, so schien es sich wieder einmal zu beweisen, ist die perfekte Mischung aus moderner Politik-Botschafterin und eleganter Mode-Muse.

Doch seit jener ersten Rede des Präsidenten vor dem Kongress am Dienstagabend regt sich nun erstmals Kritik an Michelle Obama: Hat die neue First Lady die "Wiege der amerikanischen Demokratie" entweiht - durch ihre Kleiderwahl?

Unter Konservativen in Washington zeige sich deutliches Unbehagen angesichts des lockeren Führungsstils des Ehepaares Obama, berichtet der US-Sender ABC auf seiner Website. Insbesondere der Auftritt des Paares im Kongress habe für hochgezogene Augenbrauen gesorgt: Obama, der umjubelt wie ein Popstar in den Kongress einzog, habe "angeberisch und albern" gewirkt, twitterte demnach der frühere republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses und heutige Kongressabgeordnete Newt Gingrich.

Ähnlich gehässig äußerten sich laut ABC Beobachter über die Kleiderwahl von Michelle Obama, die in einem ärmellosen, dunkel lilafarbenen Kleid auf der Kongressgalerie Platz genommen hatte: "Einige Anwesende waren der Meinung, die First Lady habe unter der Kuppel dieses Schreins der amerikanischen Demokratie nicht nur bloße Arme, sondern einen unstatthaften Mangel an Reverenz gezeigt."

Die Autorin Cokie Roberts, Herausgeberin eines Buches über die First Ladys der Vereinigten Staaten, kommentierte: "Dieser Kleidungsstil sorgt natürlich dafür, dass sich bei einigen Leuten die Nackenhaare aufstellen. Ich glaube, das Gefühl, dass bloße Arme unstatthaft seien, hat man genauso in einer Kirche. Als lege es der Anstand nahe, die Arme besser zu bedecken." Roberts will Michelle Obama dies offenbar nicht ankreiden, doch auch sie sagt: "Schluss mit den ärmellosen Kleidern".

Andy Card, einst Stabschef des Weißen Hauses unter George W. Bush, übte mittlerweile Kritik am "hemdsärmeligen Stil" der neuen Obama-Regierung. Bush hatte während seiner Amtszeit darauf bestanden, dass sich im Oval Office niemand ohne Jackett sehen ließ - Obama und seine männlichen Berater sitzen dagegen bei Besprechungen leger im Oberhemd, ohne Krawatte, da. "Es sollte einen Dresscode geben, der Respekt ausdrückt", empörte sich Card, "das Oval Office symbolisiert schließlich die Verfassung und die Demokratie".

Dass Kritik dieser Art die Obamas nicht anfechten dürfte, wurde bereits wenige Stunden nach dem Auftritt im Kongress deutlich. Bei einer Galaveranstaltung im Weißen Haus zu Ehren des Musikers Stevie Wonder präsentierte sich Michelle Obama in einem grünen Empire-Seidenkleid. Es ließ die Arme frei.

pad
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