Miley Cyrus im US-Fernsehen Polit-Satire statt Nackt-Akrobatik

Wie man sich von der Skandalnudel zum Darling wandelt? Ganz einfach: Man geht zu "Saturday Night Live" und beweist, dass man über sich selbst lachen kann. Popstar Miley Cyrus bewältigte ihren Auftritt in der populären US-Comedy-Show mit Bravour - und ganz ohne Twerking.

AP

Eine gepfefferte Replik auf Sinéad O'Connors mütterlich-ätzende Kritik vor Millionenpublikum? Nein, so funktioniert amerikanisches Showbiz nicht, zumindest nicht, wenn es gut in Form ist, so wie meistens, wenn die routinierte Truppe der Comedy-Show "Saturday Night Live" ("SNL") am Werk ist.

Die beliebte NBC-Sendung lädt sich regelmäßig prominente Gäste ein, die als "Hosts" durch die Show führen - und sich dabei humorbegabt zeigen dürfen, natürlich aber auch selbst ordentlich durch den Kakao gezogen werden. Am Samstag war Popstar Miley Cyrus dran - und die amerikanische TV-Nation war gespannt, wie sich die 20-Jährige schlagen würde. Oder besser gesagt: Man wollte wissen, ob die momentan etwas unberechenbare Sängerin und Schauspielerin die "SNL"-Bühne für einen neuerlichen Skandal nutzen würde.

Cyrus, bekannt geworden als Disney-Star Hannah Montana, versucht gerade mit aller Macht, sich vom Image der lieblich-keuschen Teenie-Ikone zu befreien und sorgte Ende August bei den MTV Video Music Awards für einen aufsehenerregend geschmacklosen Auftritt, bei dem sie enervierend oft in gespielter Laszivität ihre Zunge heraustreckte und sich offensiv erotisch mit ihrem Hinterteil am Unterleib des Sängers Robin Thicke rieb. "Twerking" nennt sich diese rumpfschüttelnde Tanzbewegung im afroamerikanisch geprägten HipHop-Genre. Wenig später setzte Cyrus noch einen drauf und empörte Tugendwächter mit ihrem neuesten Videoclip "Wrecking Ball", in dem sie splitternackt auf einer Abrisskugel posiert. Ihrem Erfolg schadet die Kontroverse bisher nicht: Sowohl "We can't Stop", die erste Single ihres neuen Album "Bangerz", das am Freitag erschien, als auch "Wrecking Ball" dominierten in den vergangenen Wochen die US-Charts.

Und nun also "Saturday Night Live", quasi als krönender Abschluss dieser Selbstermächtigungs-Promo-Tournee. Glaubt man amerikanischen Medienberichten, dann lief es gut für Miley. Zunächst musste sich die Kalifornierin allerdings noch gefallen lassen, für den Untergang des Abendlandes verantwortlich gemacht zu werden. Zu Beginn der Show trat "SNL"-Mitglied Kenan Thompson laut "CNN" als alter Mann auf, der aus dem Jahr 2045 auf den Beginn der amerikanischen Apokalypse zurückblickt: "Die meisten Leute sagen, es war der Government Shutdown. Andere meinen, es war Obamacare. Aber ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem Amerika unterging: Es waren die Video Music Awards 2013."

Lieber politisch als patzig

Cyrus nahm's sportlich, ließ sich von "old Miley"-Parodistin Vanessa Bayer angemessen karikieren und trat dann zu einem Eröffnungsmonolog an, in dem sie tapfer zu sich selbst und ihren Aktionen stand: "Ich entschuldige mich nicht für meine VMA-Performance", sagte sie. "Ich bin erst 20 Jahre alt, und ich brauche eine gewisse Freiheit, um erwachsen zu werden und Fehler zu machen. Es gibt ein paar Dinge, die ich heute Abend nicht näher erörtern werde. Zum Beispiel werde ich nicht Hannah Montana sein. Aber ich gebe euch ein Update: Sie wurde ermordet."

Zu den Themen, die nicht behandelt wurden, gehörte auch der über Medien und Twitter ausgetragene Streit mit der einst zum Vorbild erklärten Sinéad O'Connor, die einst bei "SNL" spektakulär das Porträt Papst Johannes Pauls II zerrissen hatte. Ob aus Angst vor bereits angedrohten Anwälten oder aus purer Souveränität: Die "Nothing Compares 2 U"-Sängerin wurde weder erwähnt, noch zerriss Miley Cyrus ein Foto von ihr.

Stattdessen punktete Cyrus mit gesanglich starken Darbietungen ihrer beiden aktuellen Hits - und trat in einer ausgesprochen komischen Video-Parodie von "We can't Stop" als Republikaner-Politikerin und Tea-Party-Mitglied Michelle Bachmann auf, mit "SNL"-Komiker Taran Killam als Republikaner-Sprecher John Boehner. Unter dem Titel: "We did stop (The Government)" treiben Boehner (in Leggins) und Bachman wie Miley und ihre Freunde im Original-Clip allerlei Unsinn und singen dabei Zeilen wie "This is our party, we can stop what we want to/ This is our party, we can vote how we want to" oder "This is our house, these are our rules" - alles auf die Blockade der Gesundheitsreform der Republikaner im US-Kongress und den daraus resultierenden Haushalts-Shutdown bezogen.

Die US-Kritiker zeigten sich noch Samstagnacht versöhnt mit dem enfant terrible: "Na, sieh mal einer an: Miley Cyrus spielte einmal nicht eine übertriebene Version von sich selbst - und sie war richtig gut", twitterte "Huffington Post"-Redakteur Mike Ryan, und das Branchenblatt "Hollywood Reporter" fand Mileys "SNL"-Show sogar gelungener als den Auftritt von Comedy-Veteranin Tina Fey in der Vorwoche.

Polit-Satire statt Zungenakrobatik, Striptease und Popo-Gewackel? Hirn statt Hintern sozusagen? Ziemlich smarter Schachzug. Mit dem "Twerking" habe es sich eh erledigt, sagte Cyrus schlagfertig und mit gekonntem Seitenhieb auf ihre Kritiker: "Jetzt, da das auch Weiße machen, kommt's mir ziemlich lahm vor."

bor



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