Miss Germany Leonie von Hase, andere Teilnehmerinnen: "Dieser Mikrokosmos"
Miss Germany Leonie von Hase, andere Teilnehmerinnen: "Dieser Mikrokosmos"
Foto: Patrick Seeger/ dpa

Miss Germany 2020 Miss Mutig

In New York steht Harvey Weinstein vor Gericht, Victoria's-Secret-Models beklagen sexuelle Übergriffe, im Sport gibt es immer wieder Missbrauchsvorwürfe. Warum werden Frauen immer noch zu Objekten gemacht?
Aus Rust berichtet Nike Laurenz

Vier Stunden, bevor Miss Germany zur Miss Germany wird, geschieht ein kleines Wunder. In dem Raum im Europa-Park Rust, in dem sechzehn Frauen für die Show geschminkt werden, in dem alle giggeln und schnattern, in dem es riecht, als hätte jede von ihnen eine Dose Haarlack verbraucht, sitzt Leonie von Hase vor einem Spiegel und sagt etwas Ehrliches. Als sei sie ein Fels und die anderen der Sturm: "Dieser Mikrokosmos ist nicht relevant für mein wahres Leben."

Sie ist 35, Kielerin, Betreiberin eines Vintage-Ladens, Mutter eines Dreijährigen. Sie hat ein paar wenige Falten im Gesicht, was sie zur einzigen Erwachsenen hier macht. Sie sagt ruhig: "Wenn ich gewinn, geht das Leben normal weiter. Ich bring dann wie immer alles unter einen Hut. Unternehmen, Haushalt, Hund, Kind."

Vier Stunden später ist diese Frau, die vieles von sich gibt, das nicht nach schönem Model klingt, die neue Miss Germany.

Alles sollte anders sein in diesem Jahr und bei diesem Wettbewerb, mit dem die Oldenburger Familie Klemmer seit 60 Jahren die schönste Frau Deutschlands sucht. Es sollte nicht mehr nur darum gehen, wie die Teilnehmerinnen aussehen, verkündete man vorab. Dieses Jahr sei die Personality derjenigen entscheidend, die zuvor schon die Miss-Wahl in ihrem jeweiligen Bundesland gewonnen hatten.

Man erhöhte das Mindestalter der Bewerberinnen auf 18, erlaubte auch verheirateten, nicht schlanken, älteren Frauen und Müttern die Teilnahme und sagte ihnen, dass sie sich nicht mehr im Bikini zeigen müssen, wenn sie es nicht möchten.

Dann flog man die Bundesland-Gewinnerinnen in ein drei Wochen dauerndes Personality-Camp nach Ägypten, wo sie lernten, sich auf Social Media (Instagram) und zu Tisch (Knigge) zu benehmen. In Hurghada machten sie Yoga und betrieben Selbstliebe.

Nun sind sie wieder da, sechzehn Missen, auf der Europa-Park-Bühne. Zurück aus Ägypten, angekommen im Februar 2020. Derselbe Monat, in dem Harvey Weinstein der Prozess gemacht wird, in dem einige Victoria’s-Secret-Models von Fällen sexueller Belästigung bei der Marke berichteten und in dem #MeToo im französischen Sport angekommen ist. Was also ist alles anders im Europa-Park Rust?

Was die Moderation betrifft erst mal nicht viel: Thore und Jana Schölermann führen durch den Abend, als hätten sie ihr gesamtes bisheriges Leben dösend verbracht. "Miss Germany ist eine unglaublich schöne Frau", sagt Thore. "Wir wollen aber auch Frauen, die uns inspirieren", sagt Jana. Als Miss Meck-Pomm die Bühne betritt, sagt Thore: "Studiert Wirtschaftsrecht, sieht man ihr gar nicht an." An anderer Stelle sagt Thore: "Ihr habt alle so unglaublich schöne Frisuren".

Was das Konzept betrifft - ein bisschen Marketingsprech: Es sollte Personality-lastiger werden, der Wettbewerb bekam ein Motto: "Empowering Authentic Women". Weg vom alten Frauenbild, weg von Bademoden, weg vom männlichen Blick, hin zum neuen Feminismus. Aber hier, in Rust, haben die Frauen kaum etwas anderes zu tun, als zu laufen, zu stehen und zu lächeln. Keine ist über 35. Eine ist schwarz, eine ist schwanger, aber alle sind richtig schlank. Zweimal bekommen sie die Gelegenheit, sich in 60 oder 90 Sekunden Fragen der Jury zu stellen.

Was die Jury betrifft - schon etwas mehr: Sie besteht nur aus Frauen, immerhin. Es sind: Frauke Ludowig (moderiert bei RTL), Sofia Tsakiridou (hat ein Food-Buch geschrieben), Anna Lewandowska (ist Karate-Medaillen-Siegerin), Dagmar Wöhrl (kennt man als Unternehmerin aus "Höhle der Löwen"), Ann-Kathrin Schmitz (ist Social-Media-Expertin), Angela Meier-Jakobsen (ist Chefredakteurin der "Joy"). Wer den Livestream im Netz verfolgt, darf ebenfalls abstimmen.

Was die Veranstalter betrifft: Max Klemmer, 24, Sohn der Veranstalter-Familie, deren einziges Business es ist, Misswahlen auszurichten, hat sich das Personality-Konzept ausgedacht. Wir treffen ihn unter Zeitdruck vor Beginn der Show und führen das folgende Gespräch:

SPIEGEL: Herr Klemmer, warum wollen Sie, dass Frauen sich messen?

Klemmer: Es geht nicht darum, dass Frauen sich messen. Miss Germany ist ein Wettbewerb für Botschafterinnen. Sie sollen die Bühne nutzen, um ihre Botschaft in der Welt zu verbreiten.

SPIEGEL: Was ist Ihre Botschaft an Frauen?

Klemmer: Sie können sein, wie sie sein wollen. Jede ist auf ihre Art individuell und fantastisch.

SPIEGEL: Was können Frauen von Jury-Mitglied Frauke Ludowig lernen?

Klemmer: Sie ist authentisch und hat sich etwas aufgebaut, von Grund auf. Wir wollen zeigen: Es gibt keinen perfekten Weg. Der Weg ist dann richtig, wenn er auf die Bedürfnisse der Frau zugeschnitten ist.

SPIEGEL: Haben Sie in den vergangenen Wochen etwas über Frauen gelernt, das Sie vorher nicht wussten?

Klemmer: Frauen sind, wie sie sind, und man sollte sie auch so nehmen, wie sie sind.

Und die Kandidatinnen selbst? Sind die anders als sonst?

Sie sehen gut aus, ansonsten erfährt man kaum etwas über sie. In ultrakurzen Einspielern, die über Videowände laufen, und in den Mini-Jury-Interviews bringen sie zustande: "Ich bin ein sehr weltoffener Mensch, liebe Kulturen und bin kreativ", "Ich habe meinen Freund gefragt, ob er mich heiraten will, weil ich es wichtig fand, dass ich den ersten Schritt mache", "Ich würde gern Menschen dazu bewegen, hilfsbereiter zu sein".

Wirklich anders ist das große Missen-Theater nur, wenn Leonie von Hase auf die Bühne darf. Dann passieren Szenen, die nicht hierher passen. Von Hase, 35, ist mit Abstand die Älteste und glitzert nicht, sie trägt einen lilafarbenen Strickpullover. Sie berichtet von ihrer Heimat Namibia, sie sagt: Die Wüste sei ihre Vergangenheit. Und einen Satz, der jemandem, der sich an diesem Abend nach etwas Substanziellem sehnt, schon mal die Schalter raushauen kann: "Ich würde gerne einmal die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert treffen, sie führt ein sehr unangepasstes Leben, das respektiere ich sehr."

Gewinnerin Leonie von Hase: "Seit fast drei Wochen von meinem Sohn getrennt"

Gewinnerin Leonie von Hase: "Seit fast drei Wochen von meinem Sohn getrennt"

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Am Ende des Abends gewinnt Leonie von Hase einen Managementvertrag mit der Firma der Klemmer-Familie, bekommt ein Jahr freien Eintritt in den Europa-Park, einen VW Golf GTI, einen Jahresvorrat Shampoo, eine monatliche Schuh-Ausstattung, ein Designer-Bett und einen Gutschein fürs Outlet-Center.

Aber Leonie von Hase heult nicht, als ihr Name verkündet wird, sie schaut etwas ungläubig, kneift die Augen zusammen, dann lacht sie. Aus den Boxen kommt ein Song, die anderen Teilnehmerinnen rennen in weißen Kleidern auf die Bühne und tanzen. Von Hase steht still.

Es ist alles ein bisschen paradox: Die Frau mit dem Bachelor of Arts in englischer Literatur gewinnt, präsentiert von Leuten, denen man das Denken an diesem Abend zeitweilig abspricht. Sie erfüllt hoffentlich zufällig die neuen Vorgaben der Klemmers und ist damit die Beste im Hübsch- und Originell-Sein, aber das hier soll kein Wettbewerb mehr sein, meinte Herr Klemmer. Was ist es dann?

Von Hase sagt, es gehe hier natürlich ganz rational darum, neue Influencerinnen zu finden, Frauen an das Geschäftsmodell heranzuführen, letztlich: Geld zu machen. "Ich erhoffe mir, auf Instagram erfolgreicher zu werden", sagt sie.

Vier Stunden, bevor Miss Germany zur Miss Germany wird, sitzt sie in der Maske und denkt an ihren Sohn. Neulich, als sie ihn wegen der Vorbereitungen für die Wahl länger nicht sehen konnte, setzte sie einen Instagram-Post ab. Sie schrieb: "Seit fast drei Wochen bin ich von meinem Sohn getrennt. Anfänglich wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll, zwischendurch hatte ich heftigen Liebeskummer, und mittlerweile hab ich Angst, gar nicht mehr zu wissen, wie Muttersein überhaupt noch geht."

Aber dafür habe sie zu sich gefunden, sagt Leonie von Hase an diesem Abend kurz vor der Show. "Es war prägend für mich, Mutter zu werden. Aber ich habe es auch vermisst, mich mit mir selbst zu beschäftigen." Wie erklärt sie das ihrem Dreijährigen, wenn der fragt, was sie die ganze Zeit macht? "Ich werde ihm sagen, wie es ist", sagt Leonie von Hase. "Mama muss arbeiten."

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