Schönheitskönigin in der Kritik Miss Italia hätte gern im Krieg gelebt

Miss Italia zieht es in den Krieg. Auf die Frage, in welcher Epoche sie gern gelebt hätte, antwortete Alice Sabatini: 1942. Die unbedachte Äußerung führte auch zu scharfer Kritik am italienischen Bildungssystem.
Miss Italia Alice Sabatini: Unbedachte Äußerung

Miss Italia Alice Sabatini: Unbedachte Äußerung

Foto: Riccardo Dalle Luche/ dpa

Immer diese Fragen. Da hat Frau tapfer den Laufsteg auf High Heels bewältigt, schwindsüchtig in die Kamera gelächelt, vorwitzig den Bikini zurechtgezupft. Sie hat vielleicht ein Lied gesungen oder Akrobatik vorgeführt. Und dann kommen sie, die Fragen. "Hast du ein Hobby?" "Was würdest du mit einer Million Euro tun?" Oder, wie jetzt bei der Wahl zur Miss Italia: "In welcher Epoche hättest du gern gelebt? Wer wärst du gern gewesen?"

Die Kamera schwenkt auf die Gesichter dreier herausgeputzter junger Frauen. Verwirrtes Gekicher. Alice Sabatini ist als Erste dran. Startnummer fünf, 1,78 Meter groß, 68 Kilo schwer, Basketballspielerin aus dem 9000-Seelen-Ort Montalto di Castro im Latium. "Äh, äh", sagt sie. "Im Jahr 42, äh, neunzehnhundert."

Ob es dafür einen Grund gebe, fragt Jurymitglied Claudio Amendola. "Um ihn wirklich zu sehen, den zweiten Weltkrieg, in den Büchern kann man darüber lesen, Seite um Seite", fährt die junge Frau fort. "Ich bin ja eine Frau und hätte eh keinen Militärdienst geleistet, ich wäre zu Hause geblieben."

Nun ist die Antwort gar nicht so trivial oder bizarr, wie sie auf den ersten Blick scheint. Sie ist vielmehr geradezu universeller Natur. Zumindest wenn man Kenner des Werks von Douglas Adams ist, der mit "Per Anhalter durch die Galaxis" einst einen Sci-Fi-Klassiker vorlegte, in dem "42" die Antwort auf die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" ist. 42, also.

Wir wissen nicht, ob Alice Sabatini die Bücher von Douglas Adams kennt. "Was hat sie überhaupt gelesen?", fragt sich der Journalist und Lehrer Alex Corlazzoli in einem Beitrag für die Zeitung "Fatto Quotidiano ". Darin rechnet er mit dem Bildungssystem im eigenen Land ab. Nicht das unwissende Kind sei zu kritisieren, sondern die unfähigen Pädagogen und Institutionen: "Alice Sabatini ist ein Produkt unserer Schule. Punkt."

Corlazzoli wirft Fragen auf: "Die Frau zu Hause?" Weiß Sabatini nichts von den 623 Frauen, die für die Resistenza, den italienischen Widerstand gegen die Faschisten und die Nationalsozialisten, gestorben sind? "Den Krieg live miterleben?" Weiß sie nichts von den 2750 Deportierten, die in deutsche Konzentrationslager gebracht wurden? Hat ihr niemand erzählt vom Massaker von Marzabotto nahe Bologna, wo deutsche Soldaten und SS-Leute 1944 Hunderte Zivilisten, Frauen, Alte und Kinder töteten?

In den sozialen Netzwerken kam Sabatinis Auftritt erwartungsgemäß nicht gut an, es hagelte böse Kommentare, es gab aber auch einige witzige Collagen. Unter dem Hashtag #Summer42 ist Alice dabei zu beobachten, wie sie mit Hitler, Mussolini und Krönchen ausfährt. "Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen" legten ihr die Macher der Seite "AliceNelPaeseDelleMeraviglie" ("Alice im Wunderland") in den Mund - eine Reverenz an Francis Ford Coppolas Kriegsfilm "Apocalypse Now".

Nach dem TV-Debakel versuchte Alice Sabatini zu retten, was ging, und kramte zur Rechtfertigung eine rührselige Familiengeschichte heraus: "Meine Urgroßmutter hat den Krieg miterlebt und mir oft von diesen Zeiten erzählt. Ich wäre da gern gewesen, um zu verstehen, was sie wohl empfunden hat. Heute scheint alles so selbstverständlich zu sein."

ala
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