Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen Eine zerrissene Familie

Woody Allens Adoptivtochter wirft dem Regisseur vor, sie als Kind sexuell missbraucht zu haben. Juristisch hat Allen wohl nichts zu befürchten - in dem Konflikt geht es vor allem darum, wer die öffentliche Meinung auf seine Seite ziehen kann.
Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen: Eine zerrissene Familie

Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen: Eine zerrissene Familie

Foto: GUILLAUME HORCAJUELO/ dpa

New York - Die Anschuldigungen sind nicht neu, aber das macht sie kaum weniger brisant: Woody Allens Adoptivtochter Dylan Farrow behauptet in einem Beitrag für die "New York Times", der gefeierte Regisseur habe sie auf einem Dachboden missbraucht, als sie sieben Jahre alt war. Allen nennt die Vorwürfe "unwahr und erbärmlich".

Farrow fühle sich "durch die Rückmeldungen und die Unterstützung ermutigt", sagte "New York Times"-Kolumnist Nicholas D. Kristof der Zeitschrift "People". Die 28-Jährige sei nervös gewesen, wie die Reaktionen auf solch einen persönlichen Text ausfallen würden, sagte Kristof.

Die Aufregung ist gewaltig. Es sei mutig, stark und großzügig, dass Farrow ihre Geschichte auf diese Weise teile, schrieb Lena Dunham auf Twitter. "Offensichtlich ist es für die Familie eine lange und schmerzliche Situation", sagt Cate Blanchett, die in Allens neuestem Film "Blue Jasmine" mitspielt. Sie hoffe, die Familie finde eine Lösung und Frieden.

Allens Anwälte sprechen von "rachsüchtiger Geliebter"

Die Vorwürfe waren zuerst 1992 öffentlich geworden, als sich Allen und seine damalige Partnerin Mia Farrow trennten. Juristisch dürfte Allen inzwischen nicht mehr zu belangen sein. Laut Frank Maco, der die Vorwürfe damals als Staatsanwalt untersuchte, wären die dem Regisseur vorgeworfenen Vergehen seit mindestens 15 Jahren verjährt.

Zwar wurde 2007 in Connecticut ein Gesetz verabschiedet, das Verjährungsfristen für schwere sexuelle Übergriffe auf Minderjährige aufhob. Es ist allerdings fraglich, ob die Vorwürfe gegen Allen diesen Tatbestand erfüllen würden. Rückwirkend dürfte das Gesetz nach Einschätzung von Rechtsexperten ohnehin nicht angewendet werden.

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Missbrauchsvorwürfe: Allen vs. Farrow

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Es geht Farrow aber auch um etwas anderes: Allens Bild in der Öffentlichkeit. Sie empfindet die vielen Ehrungen für ihren Adoptivvater nach eigener Aussage als persönlichen Makel. Nun will sie, dass auch Größen des Filmgeschäfts und Fans von der Geschichte erfahren und ihr Bild von Woody Allen korrigieren. Allens Anwälte reagierten entsprechend: Farrows Geschichte sei auch nach 20 Jahren die Erfindung einer rachsüchtigen Geliebten.

"Ich musste zuerst an das Kind denken"

"Rachsüchtige Geliebte" - damit ist Dylans Mutter Mia Farrow gemeint. Mit ihr führte Allen Anfang der neunziger Jahre eine turbulente Beziehung. Das Paar trennte sich 1992, als bekannt wurde, dass Allen eine Affäre mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn hatte. Als Allen und Soon-Yi zusammenkamen, war sie noch keine 20 Jahre alt, er Mitte 50. Das Paar heiratete 1997 und hat zwei Adoptivtöchter. Mia Farrow warf dem Regisseur während des Trennungsstreits vor, Dylan missbraucht zu haben.

Laut Maco, dem damals zuständigen Staatsanwalt, gab es einen hinreichenden Verdacht, um Allen anzuklagen. Dazu kam es aber nie - unter anderem auch, weil man Dylan Farrow einen traumatischen Prozess ersparen wollte. "Ich musste zuerst an das Kind denken", sagt Maco.

Worauf er seine Einschätzung stützt, erläuterte er nicht. Im Zuge der Ermittlungen hatte ein Spezialistenteam das Mädchen begutachtet und war zum Schluss gekommen, Dylan sei nicht missbraucht worden. Maco ging 2003 in Rente. Er hoffe, Dylan Farrow wisse, warum er damals so gehandelt habe. "Ich hoffe, sie findet nun ein wenig Frieden und Ruhe."

"Ich weiß noch, was ich trug und was nicht"

Was genau auf Farrows Anwesen in Connecticut geschah, wurde gerichtlich nie festgestellt. "Vanity Fair" beschrieb 1992 in einem ausführlichen Artikel  die Vorwürfe und den Trennungsstreit zwischen Mia Farrow und Allen. Im vergangenen Herbst griff die Autorin des Textes das Thema erneut auf. Aber erst in der "New York Times"  schrieb Dylan Farrow selbst darüber.

Zu "Vanity Fair" sagte sie im vergangenen Jahr, sie erinnere sich an vieles nicht, "aber daran, was auf dem Dachboden geschah. Ich weiß noch, was ich trug und was nicht". Durch die Handlungen Allens habe sie sich unwohl gefühlt. Sie habe angenommen, es sei normal, wenn Väter ihre Töchter so behandelten - deshalb habe sie gedacht, sie sei ein schlechtes Kind.

Sie habe Angst vor Allen, zitiert die Zeitschrift Dylan Farrow. "Ich wurde nie darum gebeten, auszusagen. Wenn ich mit der siebenjährigen Dylan sprechen könnte, würde ich sagen, sie solle tapfer sein und eine Aussage machen."

So wirkt der Fall bis heute nach: Einer von Mia Farrows Söhnen hat laut "Vanity Fair" Allen aus allen Familienfotos und -videos entfernt, damit keiner ihn jemals wieder sehen müsse. "So können wir sie anschauen und uns an das Gute erinnern, ohne an das Böse erinnert zu werden."

ulz/AP