Naomi Campbell Die Wutprobe

Kein Model ist so erfolgreich wie sie - und so gefährlich. Naomi Campbell, berühmt für ihre nonverbale Schlagfertigkeit, teilte am Flughafen Heathrow kräftig aus. Warum hat diese Frau, die alles hat, eine so verdammt kurze Leitung?

Von Dennis Kayser


Hamburg - Sie hat gefaucht, getreten, gekratzt, wissen geschockte British Airways-Mitarbeiter über Naomi Campbell zu berichten. Und, das ist neu, sogar gespuckt habe sie. Alles wegen einer Lappalie, typisch Campbell. Die Fluggesellschaft hatte am Flughafen Heathrow eine Tasche der Schönen verbummelt. Das reichte aus, um des Models Sicherungen durchbrennen zu lassen. Wieder einmal.

Manchmal ist es eine zu enge Jeans, mal sind's zu schlapp gekochte Nudeln, wodurch das Unheil heraufbeschwört wird. In München war es im Januar die falsche Garderobe, wie Zeitungen schrieben. Die 37-Jährige, eigentlich anlässlich einer Konferenz mit dem ruandischen Präsidenten für einen Auftritt gebucht, versetzte den Politiker und keifte lieber in ihrem Hotelzimmer das Personal zusammen.

Schätzungen zufolge müsste Naomi Campbells Konterfei mittlerweile an die 500 Magazin-Titelbilder schmücken. Für einen Gang auf dem Catwalk müssen Designer eine fünfstellig Gage berappen. Es gibt "Naomi"-Parfums, sogar eine CD. 22 Jahre im Modelgeschäft haben viele Spuren hinterlassen. Doch was den meisten beim Namen Naomi Campbell als Erstes in den Sinn kommt, sind ihre unkontrollierten Wutausbrüche.

Brutales Markenzeichen

In ihrer Zunft hält sie damit einen einsamen Rekord. Damals in den Neunzigern, als Supermodels sogar Hollywoodstars den Rang abliefen, träumten viele Mädchen davon, so zu sein wie Claudia Schiffer. Hausfrauen turnten zu Cindy Crawfords Fitnessvideos, später kopierten Teenager den Look von Kate Moss, Nachwuchsmodels eifern heute im Fernsehen Heidi Klum nach. Nur wie Naomi Campbell sein - das will keine.

Zu tief klaffen die Wunden an den Hinterköpfen ihrer Hausangestellten, die sie in aller Regelmäßigkeit mit Telefonen traktiert, wofür sie ab und an vor den Kadi zitiert wird. Keine Assistentin hält es lange mit Campbell aus. Sicher, ihr Temperament ist über die Jahre auch zu einer Art brutalem Markenzeichen geworden; trotzdem gehen Psychologen nicht davon aus, dass Campbell ihre Krallen mit Kalkül einsetzt. Eine extrem niedrige Reizschwelle ist angeboren - wer Glück hat, dessen Eltern kanalisieren die Aggressivität schon im Kindesalter mit Sport und ähnlich fordernden Hobbys.

"Schwarzer Panther" mit kurzer Leitung

Die Erziehung von Naomi Campbell, die bereits mit sechzehn Jahren auf der Straße ihrer Heimatstadt London entdeckt wurde, lag ganz in den Händen der Großmutter. Campbells Mutter Valerie, tingelte mit einer Tanztruppe um die Welt, der Vater machte sich schon Monate vor Campbells Geburt aus dem Staub. Als Kind wurde Campbell wegen ihrer schlaksigen Figur gehänselt. Der Aufstieg in die Liga der umworbenen Supermodels muss für das Mädchen ein Befreiungsschlag gewesen sein.

Campbell wiedersetzt sich von Beginn ihrer Karriere an allen Regeln des Business. Sie isst, was sie will, sie trinkt, soviel sie will. Und hat Glück, weil das ihrer Figur nichts anhaben kann. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen ist sie chronisch unpünktlich, bis heute. Trotzdem reißen sich die Auftraggeber um die in peinlich platter Klischeehaftigkeit "schwarzer Panther" Titulierte.

Therapien? Campbell hat schon etliche hinter sich: Drogen-, Wut, Box-Therapien. Der Erfolg ist mäßig. Das Verheerende: So peinlich die Wutanfälle und gar die öffentlichen Gerichtsprozesse im Anschluss sind - auch sie generieren Aufmerksamkeit für die nach Aufmerksamkeit Süchtige.

Campbell bleibt dadurch ein Superstar - auch wenn die Ära der Supermodels vorbei ist: Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Christensen, Linda Evangelista, Claudia Schiffer haben sich von den Laufstegen verabschiedet. Geblieben sind viele namenlose Schönheiten - und Naomi Campbell, die im Gegensatz zu ihren einstigen Kolleginnen keine Familie gegründet hat, sich nicht mit dem Erlebten zufrieden gibt.

Immerhin: Campbell ist zu Männern netter als zu Frauen, sagen jene, die schon einmal mit ihr zu tun hatten. In einem Interiew versicherte sie einst, einen Mann würde sie nie schlagen. Und richtig: An Bord der Jachten ihrer Ex-Freunde Flavia Briatore und Prinz Badr Jafar traktierte Campbell nicht etwa ihre Gespielen - sondern die Inneneinrichtung.



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