Neue Rätsel um Natalie Wood Tod in der Blaue-Höhlen-Bucht

Hollywoodstar Natalie Wood ertrank 1981. Bis heute gilt ihr Tod als ungeklärt, jetzt will ihre Tochter die Gerüchte mit einem Dokumentarfilm beenden. Eine Spurensuche am Ort des Geschehens.
Aus Catalina Island berichtet Marc Pitzke
Rätselhafte Todesursache: Natalie Wood mit Ehemann Robert Wagner (Archivbild)

Rätselhafte Todesursache: Natalie Wood mit Ehemann Robert Wagner (Archivbild)

Foto:

Globe Photos/ imago/ZUMA Press

Nur ein paar alte Fotos erinnern noch an Natalie Wood. Man findet sie, wenn man vom Pier aus die Strandpromenade entlanggeht, vorbei an Souvenirläden, Fischrestaurants und Cafés, schließlich links abbiegt und den Hügel erklimmt.

Auf halber Höhe liegt das Catalina Island Museum. Das Heimatmuseum - das der SPIEGEL vor der Coronakrise besuchte - erzählt die schillernde Geschichte dieser felsigen Insel vor Südkalifornien. Und hier, zwischen Andenken an Charlie Chaplin, der auf Catalina urlaubte, und Marilyn Monroe, die einst um die Ecke wohnte, lächelt sie einen an: Natalie Wood.

Die Schauspielerin lächelt von drei Schwarz-Weiß-Bildern. Eins zeigt, wie sich der "West Side Story"-Star auf einer Jacht räkelt, eins mit Ehemann Robert Wagner, eins bei den Dreharbeiten zu "Projekt Brainstorm", Woods letztem Film. Noch bevor der fertig war, ertrank Natalie Wood 1981 im nächtlichen Meer - vor Catalina, ihrem langjährigen Zufluchtsort.

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Der Begleittext der Bilder nennt ihren Tod "eine der größten Tragödien Hollywoods". Vor allem aber ist es eines der größten Geheimnisse. Bis heute herrschen Zweifel am Hergang und an der Darstellung ihres Ehemanns, nichts damit zu tun gehabt zu haben. Zweifel, die auch einen neuen US-Dokumentarfilm über Wood überschatten, der in Deutschland ab Mittwoch bei Sky gestreamt wird: "Natalie Wood: What Remains Behind ".

"Keiner weiß, was wirklich passiert ist"

Die Fragen, die in der Dokumentation aufgeworfen werden, stellt man sich in Catalina schon lange, ohne eine Antwort gefunden zu habe. "Keiner weiß, was wirklich passiert ist", sagt Gail Fornasiere, die seit 13 Jahren auf der Insel lebt und jeden der rund 4000 Bewohner zu kennen scheint. "Alle Leute erkundigen sich danach. Es ist das ungelöste Rätsel."

Fornasiere sitzt in einem Café in der Nähe des Museums, dessen Marketingchefin sie ist. Gerade ist die Fähre aus Long Beach angekommen, Tagestouristen schlendern durch Avalon, den idyllischen Hafenort. Gut eine Stunde dauert die Überfahrt ins "pazifische Paradies", wie sie die entrückte, bergig-wilde Insel hier nennen.

Fotostrecke

Verhängnisvolle Affäre: Natalie Wood und Catalina Island

Foto: MPTV/ HBO

In diesem Paradies starb Natalie Wood. Nach einer durchzechten, lauten Nacht mit Ehemann Robert Wagner und Christopher Walken, ihrem Co-Star in "Projekt Brainstorm", verschwand sie von Bord der Jacht "Splendour", mit der sie vor Catalina geankert hatten. Am frühen Morgen wurde ihre Leiche aus dem Wasser gefischt, in der nahen Blue Cavern Cove, der Blaue-Höhlen-Bucht. Wood trug ein Nachthemd, eine Daunenjacke und Socken.

Private Dramen statt Karriere-Highlights

Der Ex-Kinderstar war 1955 mit "… denn sie wissen nicht, was sie tun" weltberühmt geworden, an der Seite von James Dean, der kurz vor der Premiere des Films verunglückte. Als sie selbst mit 43 Jahren starb, hatte ihre Karriere noch geflackert, doch war zusehends von privaten Dramen verdrängt worden. Das heizte die posthumen Tabloid-Gerüchte an. War der Tod von Wood ein Unfall? Mord? Suizid?

Diesen Gerüchten wollen ihre Tochter Natasha Gregson Wagner und der Regisseur Laurent Bouzereau nun ein Ende setzen, mit besagter Dokumentation, deren Schwerpunkt auf Woods Karriere und Privatleben liegt. Sie porträtieren Wood als Hollywood-Powerfrau, als Opfer und mutige Vorkämpferin der #MeToo-Ära - doch was ihren Tod angeht, halten sie an der umstrittenen Darstellung der Familie fest: Es sei ein Unglück gewesen.

Die Isthmus-Bucht im Norden von Catalina Island: Hier verbrachte Natalie Wood ihre letzte Nacht auf einer Jacht

Die Isthmus-Bucht im Norden von Catalina Island: Hier verbrachte Natalie Wood ihre letzte Nacht auf einer Jacht

Foto: Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

"Wir wollten den Leuten dazu eine abschließende Antwort geben", sagt Woods Tochter Gregson Wagner - die erst elf war, als ihre Mutter starb - dem SPIEGEL. "Damit die Spekulationen nicht länger andauern."

Dazu sprach sie zwar auch mit Robert Wagner, ihrem 90-jährigen Stiefvater, der sich erstmals öffentlich im Detail zu jener Schicksalsnacht äußert und jede Mitschuld dementiert. Sie hinterfragt den betagten Schauspieler aber nicht - sondern beklagt mit ihm gemeinsam, dass die Behörden ihn zur "Person von Interesse" erklärten, als sie den Fall 2018 neu aufrollten. Wagner ist vielen Deutschen vor allem durch seine Rolle des Multimillionärs Jonathan Hart in der Fernsehserie "Hart aber herzlich" bekannt.

"Es war sehr schwierig", räumt Woods Tochter über das Interview mit "Daddy Wagner" ein. "Ich bat meinen Vater, über die schlimmste Nacht seines Lebens zu reden. Ich wollte, dass er sich sicher fühlte, aber auch, dass er über diese Ereignisse sprach."

Zweimal verheiratet, einmal geschieden: Natalie Wood und Robert Wagner 1976, fünf Jahre vor ihrem Tod

Zweimal verheiratet, einmal geschieden: Natalie Wood und Robert Wagner 1976, fünf Jahre vor ihrem Tod

Foto: 352017Globe Photos/MediaPunch/ imago images / MediaPunch

Die Unterhaltung, gut 20 Minuten lang, wirkt wie eine Familientherapie. Gregson Wagner und ihr Stiefvater sitzen sich gegenüber, sie sind sanft ausgeleuchtet, beide haben Tränen in den Augen. "Diese Nacht ging mir so oft durch den Kopf", sagt Wagner. "Die Annahme ist, dass sie ausrutschte und sich am Kopf verletzte und ins Wasser rollte."

Korrektur nach drei Jahrzehnten

Die Annahme. So stand es in der Tat im ersten Obduktionsbericht. Den korrigierte der Gerichtsmediziner jedoch 2012, 31 Jahre später. "Ertrinken und andere, unbestimmte Faktoren", steht da seither  als Todesursache.

Er schenke dem nicht viel Beachtung, wiegelt Wagner in der Doku ab. "Wenn jemand sehr berühmt ist, dann gibt es immer Mutmaßungen."

Das liegt in diesem Fall auch an dem mythischen Ort des Geschehens. Woods Tod war nicht die erste Legende, die auf Catalina Island entstand, deren Hafen Avalon nach einem Ort aus der Artus-Sage benannt ist. Kaugummikönig William Wrigley kaufte die Insel 1919 und machte sie zur Touristenattraktion. Das burgähnliche Spielcasino, das er bauen ließ und das später das erste Tonfilmkino der Welt war, überragt die Marina immer noch. Catalina war Piraten- und Schmugglernest, Militärbasis, exotischer Drehort, Refugium pressescheuer Stars. Heute ist es Ausflugsziel für Millennials und Senioren aus Los Angeles.

Mythischer Ort: Catalinas Hafen Avalon, im Hintergrund das frühere Spielcasino, erbaut von William Wrigley

Mythischer Ort: Catalinas Hafen Avalon, im Hintergrund das frühere Spielcasino, erbaut von William Wrigley

Foto: Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

Wood und Wagner - 1957 erstmals verheiratet, 1962 geschieden, 1972 erneut verheiratet - verbrachten hier ihren zweiten Honeymoon und viele Wochenenden. Immer wieder stritten sie, immer wieder kehrten sie nach Catalina zurück.

Überall auf der Insel stolpert man über Erinnerungen an Woods letzte Tage. Wenig hat sich seitdem verändert. Neben dem Café, in dem Gail Fornasiere sitzt, liegt die Tex-Mex-Kneipe "El Galleon", hier betranken sich Wood, Wagner und Walken am ersten Abend jenes Törns. Nur wenige Schritte weiter ist die Pavilion Lodge, wo Wood dann übernachtete, ohne Wagner.

Tags darauf schipperten sie mit der "Splendour" ans Nordende der Insel. Ohne Boot erreicht man die Stelle heute nur per Mietbus, eine zweieinhalbstündige Holperfahrt durchs Naturschutzgebiet, die Berge hoch und wieder hinunter. Dort liegt die Isthmus-Bucht.

Letzte Reise: Woods und Wagners Jacht "Splendour"

Letzte Reise: Woods und Wagners Jacht "Splendour"

Foto: Bettmann/ Kontributor

Während die "Splendour" vor Anker dümpelte, gingen Wood, Wagner und Walken erneut an Land. Das "Harbor Reef", die Hafenbar, in der sie einkehrten, gibt es immer noch, samt romantischer Strandterrasse. Doch die Kellnerin zuckt nur die Schultern, wenn man sie nach Wood fragt.

An jenem 29. November 1981 soll es Suff und Zank gegeben haben, zerschmettertes Glas, Tränen, einen Rückzug auf die "Splendour". Was später in dieser Nacht passierte, kann oder will aber auch die neue Dokumentation nicht aufklären.

"Ich hatte ein paar Gläser Vino", erinnert sich Wagner nonchalant. Er habe an Bord weiter mit Walken gestritten. Wood sei verschwunden.

Suff, Streit, Tränen: Das Harbor Reef Restaurant, in dem Wood, Wagner und Christopher Walken zechten

Suff, Streit, Tränen: Das Harbor Reef Restaurant, in dem Wood, Wagner und Christopher Walken zechten

Foto: Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

Später wiederholt er die Version, an der er seit jener Nacht festhält: Wood habe offenbar das Dingi festzurren wollen und sei dabei ins Wasser gestürzt. Das Beiboot trieb später nicht weit von der Leiche.

Eine andere Version lässt sich in einer Wood-Biografie nachlesen, die kürzlich auf den Markt kam , als "aktualisierte" Fassung eines früheren Buchs. "Es gab keine Untersuchung von Natalie Woods Tod", schreibt die Autorin Suzanne Finstead, die jahrelang zu dem Fall recherchiert hat. "Das war eine Täuschung." Finstead macht stattdessen eine Person für Woods Tod haftbar: Robert Wagner. "Natalie Woods Ertrinken war kein Unfall."

Diese Vermutung hegt auch Woods Schwester, die Schauspielerin Lana Wood. "Sie wurde entweder geschlagen oder gestoßen", sagte sie 2018 . Lana Wood ist mit dem Rest der Familie zerstritten und weigerte sich jetzt, bei der Dokumentation mitzumachen.

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"Sie gelangte irgendwie ins Wasser, und ich glaube nicht, dass sie von alleine ins Wasser gelangte", sagte Sheriff John Corina 2018, als seine Behörde den Fall neu aufrollte. Robert Wagner sei die letzte Person gewesen, die Wood lebend gesehen habe, das sei "verdächtig".

Sheriff Corina starb 2019 im Alter von nur 58 Jahren nach einer "kurzen Krankheit". Seither ist es wieder still geworden um die Ermittlungen. Auf Anfrage gab das Los Angeles Sheriff's Department keine Auskunft.

Was bleibt, ist Woods Lächeln auf den Fotos im Heimatmuseum von Catalina Island, dem Paradies von Kalifornien.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Wood "segelte" mit der "Splendour" ans Nordende der Insel. Das Boot war allerdings keine Segel-, sondern eine Motorjacht. Wir haben die Stelle entsprechend angepasst.