Nora Tschirner über Privatsphäre "Ich werde juristisch sehr bissig"

Nora Tschirner zählt zu den beliebtesten deutschen Schauspielerinnen, zugleich ist wenig über sie bekannt. Kein Zufall: Tschirner schützt sich wie kaum ein Promi gegen Berichte über ihr Privatleben. Wie macht sie das?

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Ein Interview von Mariam Schaghaghi


Wenn Filmemacher eine Weihnachtskomödie im November starten, ist das unternehmerische Risiko überschaubar. Den Film mit einer Auswahl der beliebtesten deutschen Schauspieler zu besetzen, garantiert vollends Aufmerksamkeit. Es spricht also alles dafür, dass am Dienstagabend in Berlin mit "Alles ist Liebe" (Start am 4. Dezember) ein Film Premiere feierte, der sein Massenpublikum finden wird. Christian Ulmen und Heike Makatsch schritten über den roten Teppich, neben ihnen eine Schauspielerin, die mit dem Rummel wohl immer fremdeln wird: Nora Tschirner.

Ulmen quasselte einem Reporter etwas über sein Verständnis von Romantik ins Mikrofon, Tschirner antwortete in knappen Worten. Es schien, als sei schon das zu persönlich. Die 33-Jährige sucht die Öffentlichkeit nicht, mehr noch: Sie schützt sich vor ihr. Ein Vorhaben, das schwerer wohl nie war.

SPIEGEL ONLINE: Frau Tschirner, Sie achten penibel darauf, dass Ihr Privatleben nicht Gegenstand von Berichterstattung wird. Dank Smartphone ist aber heute jeder ein potenzieller Paparazzo. Was unternehmen Sie dagegen?

Tschirner: Heute geht es in der Tat nicht nur darum, ob irgendetwas Privates im Medium "Zeitschrift" herausgekommen ist, sondern ob es im Internet zu finden ist. Solange man etwas sofort aus dem Internet entfernen kann, ist viel gewonnen. Je weniger Konkretes ich dazu sage, desto größer ist meine juristische Handhabe, um Veröffentlichungen sofort zu unterbinden. Nur so viel: Ich werde in dem Punkt juristisch sehr bissig. Das kann ich nur sein, weil ich meinen eigenen Teil dazu beitrage und deutlich mache: "Bitte respektiert diesen Zaun, der um mich und alles, was mir wichtig ist, hochgezogen ist!"

SPIEGEL ONLINE: Es muss ja gar nicht böse gemeint sein, wenn jemand Ihnen im Supermarkt begegnet, Hallo sagt und schnell ein Erinnerungsfoto schießen will, um es auf Facebook zu posten.

Tschirner: Das ist von den Leuten definitiv nicht böse gemeint. Von mir auch nicht. Es muss trotzdem individuelle Grenzen geben können, und wo meine verläuft, entscheide ich. Klar ist das für die Menschen oft schwer nachzuvollziehen. Kinder wachsen ja heute bereits größtenteils damit auf, dass es nichts Normaleres gibt, als sich im Internet öffentlich der ganzen Welt zu zeigen.

Zur Person
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    Nora Tschirner, 33, ist Tochter eines Dokumentarfilmers und einer Journalistin. Sie begann als Moderatorin bei MTV, zugleich startete sie ihre Karriere als Filmschauspielerin und stand auch auf der Theaterbühne. Sie spielte in mehreren deutschen Produktionen, der größte Erfolg kam 2007 an der Seite von Til Schweiger in "Keinohrhasen". Es folgten weitere Engagements, auch als Regisseurin. Tschirner tritt zudem als Musikerin auf.

SPIEGEL ONLINE: Wohin, glauben Sie, wird das führen?

Tschirner: Ich denke, dass es bald eine sehr starke Gegenbewegung dazu geben wird, ähnlich wie beim Fernsehen. Das haben am Anfang auch alle als Gottesgeschenk genommen und acht Stunden pro Tag davor gehockt. Jetzt gibt es in meinem engeren Umfeld kaum noch jemanden, die einen Fernseher hat oder ein TV-Junkie ist. Das wird mit den sozialen Medien ähnlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Tschirner: Eine Sicherheit ist das natürlich nicht. Ich habe nur irgendwie den Eindruck, dass egal wie weit der Mensch sich auf allen Gebieten weiterentwickelt, er im Kern bleibt was er ist: Ein soziales Wesen mit einem bestimmten optimalen, sozialen Radius. Ist dieser zu klein, wird er einsam, ist er zu groß, leidet die Beziehungsqualität. Ich glaube, man braucht tiefe, echte Verbundenheit mit anderen Wesen, um rund zu laufen. Je größer, faseriger, ausgefranster und damit oberflächlicher der Beziehungskosmos ist, desto weniger Halt bietet er. Daher wird sich der Mensch immer wieder neue Nischen suchen, die ihm Sicherheit geben. In der Großstadt ist das der Rückzug ins eigene Viertel, im Internet wird es die gekürzte Freundesliste sein und die sorgsamer dosierte öffentliche Präsenz.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren Ihre Fans, wenn Sie sich Schnappschüsse auf der Straße so entschieden verbitten oder womöglich sogar bissig werden?

Tschirner: Zum Bissigsein kommt es in diesen Situationen kaum, da die Leute ein "Nein" akzeptieren. Das Juristische betrifft eher Abschüsse, also Fotos ohne meine Einwilligung, oder übergriffiges Verhalten durch Pressevertreter. Bestimmt denken manche, ich habe einen an der Waffel, wenn ich sage, dass ich nicht von ihnen fotografiert werden will, wenn ich privat mit meiner Familie unterwegs bin. Aber das ist nicht so schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Manche Menschen werden zu Ihnen sagen: Sie sind eine öffentliche Person, Frau Tschirner.

Tschirner: Was genau soll das denn heißen? Heißt das, ich gehöre der Öffentlichkeit? Und bin quasi verfügbar für jeden, den ich auf der Straße treffe? Ich finde nicht. Ich muss in der Lage sein, als selbstständig Berufstätige meinen eigenen Dienstleistungskatalog zu formulieren. Das kann ein Handwerker doch auch: Er schreibt, was er anbietet. Als Schauspielerin biete ich an, dass ich mich auf meine Filme sehr gut vorbereite und versuche, ein echt unterhaltsames Produkt zu schaffen, um einem Kinogänger eine coole Zeit zu bescheren. Das ist mein Angebot.

SPIEGEL ONLINE: Anders als beim Handwerker ist der Erfolg Ihrer Dienstleistung aber zwangsläufig damit verbunden, dass Sie in der Öffentlichkeit stehen.

Tschirner: Mein Angebot ist aber nicht, dass ich am Tag durch Berlin laufe und von jedem angesprochen und wie im Streichelzoo angefasst und fotografiert werden kann. Ich fühle mich dabei oft einfach sehr unwohl. Anderen Kollegen geht es damit eben anders, und das ist genauso legitim.

SPIEGEL ONLINE: Man hat bei Ihnen überhaupt den Eindruck, dass Sie recht genau auswählen, auf was Sie sich einlassen - auch bei Ihren Film-Engagements.

Tschirner: Je älter ich werde, desto größer ist das Gefühl, dass ich mein Leben in der Hand habe und meine Prioritäten selbst setze. Ich habe jetzt ein viel größeres Bewusstsein dafür, womit ich am liebsten meine Zeit verbringe. "Endlichkeit" ist ein sehr präsentes Thema für mich - gar nicht in einer bedrohlichen Art, sondern eher freundlich-erinnernd. Deswegen kommt mir auch Zeit endlos lang vor, die ich mit Dingen verbringe, die in meinen Augen keinen Sinn ergeben. Ich achte darauf, dass das so selten wie möglich der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Und was gehört dazu?

Tschirner: Was ich am allerschönsten finde, ist tatsächlich ganz viel Zeit mit Leuten zu verbringen, die ich mag. Das versuche ich so oft wie möglich zu erwirken. Ich bin in einer sehr privilegierten Position, da ich ziemlich flexibel arbeiten kann und das nutze ich voll aus. Ich will nicht aus einem Jahr rausgehen und sagen: "Ich hätte gern mal wieder die Muße, um das und das zu machen." Ich muss es einfach tun. Das wird kein anderer für mich einrichten.



insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
the_trip 27.11.2014
1. unfassbar anstrengend
Wer sich diese Frau mal in diversen Talksendungen u.a. gemeinsam mit Schweiger hat auftreten sehn, der stellt unweigerlich fest wie unfassbar nervig und aufgesetzt diese Person wirkt. Sie ist völlig uninteressant....Die wenigsten würden sie überhaupt auf der Straße erkennen. Der Artikel ist doch nur Promo für sie...gewollte Promo wahrscheinlich
kannseinaber 27.11.2014
2. Das alte Thema ...
... wer in meinem Wohnzimmer auf dem Bildschirm auftauscht, der muss mich auch gutfinden und ist so eine Art Bekannter. Der gehört dann mir.
Tamaji 27.11.2014
3. Auf Messers Schneide
Der wahrscheinlich unerwünschte Nebeneffekt ist, dass Nora Tschirner kaum sichtbar ist. Die meisten "Prominenten" möchten ihr Privatleben lieber nicht offenbaren, tun es aber aus Gründen der Selbstvermarktung (im Gespräch bleiben) aber gezwungenermassen doch. Wenn man im Showbiz aufsteigen will, geht es nicht anders. Deswegen findet man da auch so wenige wirklich interessante, tiefgründige Charaktere.
eisfuchs 27.11.2014
4.
Eine äußerst sympathische Frau mit der richtigen Einstellung zu dem Thema. Und natürlich eine sehr gute Schauspielerin.
quark@mailinator.com 27.11.2014
5. Hmmm
So verständlich ich die Position finde und unterstütze, so unsympathisch kommt es irgendwie rüber. Ich höre immer nur "ich, ich, ich" ... ich bestimme, ich kontrolliere, ich beiße, ... keine Ahnung, ob es von ihr kommt, oder ob der Artikel nur so verfaßt ist ... "Ein Zaun um alles was mir wichtig ist" und "ihr bleibt draußen" bedeutet ja wohl klar, daß der Rest der Welt, insbesondere ihr Publikum ihr eben nicht wichtig ist. Und genauso hört es sich halt auch an ... legitim, klar, aber bischen Empathie wäre vielleicht nicht schlecht.
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