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#NousToutes: Protest gegen Gewalt an Frauen

Foto: CHRISTOPHE PETIT TESSON/ EPA-EFE/ REX

Gewalt gegen Frauen "Wir wollen diesen Schmerz hinausschreien"

In Frankreich hatte die #MeToo-Debatte kein großes Echo. Doch nun demonstrierten Zehntausende in Paris gegen die Gewalt an Frauen. Caroline De Haas, Mitbegründerin von #NousToutes, über die Motive der Bewegung.

SPIEGEL: Frau de Haas, Wie entstand "NousToutes"  ("Wir alle")?

De Haas: Die Idee dazu kam im vergangenen Frühjahr 2018 bei einem Mittagessen mit einer Freundin auf. Wir dachten: Es kann doch nicht sein, dass in Spanien und Italien Hunderttausende Frauen auf die Straße gehen, um gegen Gewalt und Sexismus zu protestieren und sich in Frankreich nichts bewegt. Wir wollten auch ein Zeichen setzen, und so haben wir im November 2018 den ersten großen Marsch organisiert.

SPIEGEL: Am vergangenen Samstag waren 150.000 Menschen in Frankreich auf der Straße, um gegen Gewalt an Frauen Flagge zu zeigen.

Zur Person
Foto: Patrick Kovarik/ AFP

Die französische Feministin Caroline De Haas, geboren 1980, engagiert sich seit langem für Frauenrechte. 2009 gründete sie den Verband "Osez le feminisme"  ("Feminismus wagen"). Mit "NousToutes"  hat sie vor zwei Jahren ein Bündnis ins Leben gerufen, das letzten Samstag den bisher größten Marsch für Frauenrechte in der Geschichte Frankreichs organisierte.

De Haas: Das war wirklich ein enormer Erfolg. Normalerweise mobilisieren solche Themen in Frankreich wenige und man kann schon froh sein, wenn man auf 2000 Demonstranten kommt. Wir haben in vielen Kampagnen darüber informiert, wie häufig Frauen Opfer von Mord oder sexueller Gewalt werden. Aber dass dieses Mal so viele Leute dabei waren, hat natürlich auch mit den aktuellen Veröffentlichungen rund um die Schauspielerin Adèle Haenel und den Regisseur Roman Polanski zu tun. Diese Fälle haben die Diskussion um sexuelle Gewalt in der Filmbranche in Frankreich neu befeuert.

SPIEGEL: Sie haben in "Le Monde" einen Beitrag veröffentlicht, in dem Sie schreiben: "Was wir wollen, ist Schreien.". Was meinen Sie damit?

De Haas: Wir wollen damit auf die Schreie von 94.000 vergewaltigten Frauen und die Tränen von 240.000 weiblichen Gewaltopfern jedes Jahr in Frankreich aufmerksam machen. Und es geht um die Stille, die die 138 Frauen hinterlassen haben, die 2019 bereits aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurden. Es geht uns um das Leiden von Millionen Frauen und Männern, die Opfer von Inzest wurden. Um die Tausenden von Kindern, die missbraucht wurden und deren Peiniger meist ungestraft davonkamen. Wir wollen diesen Schmerz hinausschreien.

SPIEGEL: Die jüngsten Anschuldigungen gegen die Regisseure Christophe Ruggia und danach gegen Roman Polanski haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt. In beiden Fällen geht es um den Vorwurf von sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Die Filmbranche ist seither tief gespalten - manche ignorieren die Diskussion, andere wiederum wollen zum Beispiel den neuen Film von Polanski boykottieren.

De Haas: Ich kann nicht für die Opfer sprechen. Aber ich persönlich glaube nicht, dass es Gewaltopfern hilft, wenn man den Film von Polanski verbietet. Die Medien und die Filmbranche sollten aber endlich damit aufhören, Polanski eine Bühne zu bieten und ihn ständig zu würdigen, als ob er ein respektabler Mann wäre. Sie sollen aufhören, zu sagen, man soll den Mann vom Künstler trennen. Damit banalisieren sie die sexuelle Gewalt in der Filmbranche, nach dem Motto: "Das ist doch alles nicht so schlimm!" Ich finde, es ist vor allem wichtig, den Opfern zuzuhören und sie zu respektieren.

SPIEGEL: Braucht es heute einen griffigen Hashtag wie #MeeToo oder #NousToutes, um die Massen zu mobilisieren?

De Haas: Das glaube ich nicht. "NousToutes"  hat nicht als Hashtag begonnen und ich selbst habe ihn nur selten verwendet. Aber die modernen Kommunikationsmittel sind natürlich eine Hilfe bei der Organisation von Protesten. Wir haben viel mit WhatsApp gearbeitet. Tausende freiwillige Helfer folgen uns dort und verbreiten unsere Botschaft. Aber wir haben uns auch monatelang auf die Demonstration vorbereitet, Tausende Flyer gedruckt und in Gymnasien und Universitäten Infoveranstaltungen organisiert.

SPIEGEL: In Frankreich hatten der Weinstein-Skandal und die #MeToo-Bewegung kein großes Echo. Stattdessen bestimmte im Januar 2018 ein von Catherine Deneuve unterstützter,offener Brief in "Le Monde" die öffentliche Debatte, der das Recht der Männer verteidigte, Frauen lästig zu sein.

De Haas: Wir haben darauf in einer Online-Zeitung geantwortet - unser Brief trug die Überschrift "Les porcs et leurs alliées" ("Die Schweine und ihre Verbündeten"). Dazu muss man wissen, das Pendant zu #MeToo in Frankreich war #BalanceTonPorc (auf Deutsch etwa: "Verpfeife Dein Schwein"). Die Aktion war nicht unumstritten, aber darauf gab es extrem viele Reaktionen. Man darf nicht vergessen, welche Rolle Prominente wie Deneuve in so einer Debatte spielen. Deshalb war es für uns auch wichtig, dass am vergangenen Wochenende die Schauspielerin Laetia Casta auf der Demo war, genau wie der Bruder der Schauspielerin Marie Trintignant, die 2003 von ihrem Lebensgefährten, dem Rocksänger Bertrand Cantat zu Tode geprügelt wurde.

SPIEGEL: Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen werden in vielen Ländern von Rechtspopulisten vereinnahmt. Auch Marine Le Pen, die Vorsitzende des "Rassemblement national" versucht, damit Stimmung zu machen. Auf Twitter behauptete sie jetzt anlässlich der #NousToutes -Proteste, dass im Jahr 2014 zweiundfünfzig Prozent der Vergewaltigungen in Paris von ausländischen Männern begangen wurden.

De Haas: Das ist eine Lüge. Le Pen will den Feminismus für rassistische Zwecke nutzen. Aber wir lassen uns nicht von den Rechten vereinnahmen. Feminismus und Rassismus passen nicht zusammen. Mit ihrer Argumentation schadet Le Pen allen Frauen, denen Gewalt widerfahren ist.

SPIEGEL: Die französische Regierung hat nun Verbesserungen angekündigt. Sie will 2020 insgesamt 360 Millionen Euro aufwenden, um Frauen vor Gewaltakten zu schützen. Dabei soll der Schwerpunkt darauf liegen, gewalttätige Männer besser zu beobachten und psychogisch zu behandeln. Die Rede ist auch von elektronischen Fußfesseln für aggressive Täter. Sind sie damit zufrieden?

De Haas: Überhaupt nicht. Die 360 Millionen Euro sind ein Trugbild - denn genau dieses Budget wurde auch letztes Jahr veranschlagt. Sie geben also keinen Cent mehr aus als letztes Jahr, um den Frauen zu helfen. Außerdem fehlt es an präventiven Maßnahmen, das ist eine unserer Hauptforderungen, denn alles beginnt mit der Erziehung. Jedes Kind in Frankreich lernt in der Schule das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Dafür gibt es sogar ein Zertifikat. Genauso einen Test würde ich mir wünschen, der den Respekt gegenüber Frauen thematisiert. Die Lehrer werden dafür allerdings nicht ausgebildet. Außerdem ist es wichtig, dass Polizisten, Anwälte oder Richter die Klagen von Frauen ernst nehmen.

SPIEGEL: "Eine Frau ist nicht verantwortlich für die Gewalt, die ihr angetan wird," lautet Ihr Mantra. Muss man einen so selbstverständlichen Satz denn heutzutage noch unterstreichen?

De Haas: Absolut. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Reaktionen und Beschimpfungen so ein banaler Satz noch immer auslöst. Die Wut, die mir und anderen Feministinnen auf der Straße, aber auch im Netz, entgegenschlägt, ist enorm. Ich hatte mich aus diesem Grund neun Monaten lang aus sämtlichen sozialen Netzwerken zurückgezogen, und bin zum Beispiel nicht mehr auf Twitter unterwegs.

SPIEGEL: Bei all dem Hass, der auch Ihnen persönlich begegnet: Sind sie denn zuversichtlich, was die Zukunft der Frauenrechte in Frankreich und der Welt anbelangt?

De Haas: Ich bin optimistisch - und realistisch. Es hat sich viel getan, #Metoo war eine Revolution. Manche Macho-Gewohnheiten aber sind auch sehr fest in der ganzen Gesellschaft verankert, besonders in Frankreich. Ich glaube nicht, dass sich das von heute auf morgen ändern wird. Daher ist es so wichtig, dass wir für unsere Rechte kämpfen.

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