Gewalt gegen Frauen "Wir wollen diesen Schmerz hinausschreien"

In Frankreich hatte die #MeToo-Debatte kein großes Echo. Doch nun demonstrierten Zehntausende in Paris gegen die Gewalt an Frauen. Caroline De Haas, Mitbegründerin von #NousToutes, über die Motive der Bewegung.

AFP

Ein Interview von Petra Truckendanner, Paris


SPIEGEL: Frau de Haas, Wie entstand "NousToutes" ("Wir alle")?

De Haas: Die Idee dazu kam im vergangenen Frühjahr 2018 bei einem Mittagessen mit einer Freundin auf. Wir dachten: Es kann doch nicht sein, dass in Spanien und Italien Hunderttausende Frauen auf die Straße gehen, um gegen Gewalt und Sexismus zu protestieren und sich in Frankreich nichts bewegt. Wir wollten auch ein Zeichen setzen, und so haben wir im November 2018 den ersten großen Marsch organisiert.

SPIEGEL: Am vergangenen Samstag waren 150.000 Menschen in Frankreich auf der Straße, um gegen Gewalt an Frauen Flagge zu zeigen.

Zur Person
  • Patrick Kovarik/ AFP
    Die französische Feministin Caroline De Haas, geboren 1980, engagiert sich seit langem für Frauenrechte. 2009 gründete sie den Verband "Osez le feminisme" ("Feminismus wagen"). Mit "NousToutes" hat sie vor zwei Jahren ein Bündnis ins Leben gerufen, das letzten Samstag den bisher größten Marsch für Frauenrechte in der Geschichte Frankreichs organisierte.

De Haas: Das war wirklich ein enormer Erfolg. Normalerweise mobilisieren solche Themen in Frankreich wenige und man kann schon froh sein, wenn man auf 2000 Demonstranten kommt. Wir haben in vielen Kampagnen darüber informiert, wie häufig Frauen Opfer von Mord oder sexueller Gewalt werden. Aber dass dieses Mal so viele Leute dabei waren, hat natürlich auch mit den aktuellen Veröffentlichungen rund um die Schauspielerin Adèle Haenel und den Regisseur Roman Polanski zu tun. Diese Fälle haben die Diskussion um sexuelle Gewalt in der Filmbranche in Frankreich neu befeuert.

SPIEGEL: Sie haben in "Le Monde" einen Beitrag veröffentlicht, in dem Sie schreiben: "Was wir wollen, ist Schreien.". Was meinen Sie damit?

De Haas: Wir wollen damit auf die Schreie von 94.000 vergewaltigten Frauen und die Tränen von 240.000 weiblichen Gewaltopfern jedes Jahr in Frankreich aufmerksam machen. Und es geht um die Stille, die die 138 Frauen hinterlassen haben, die 2019 bereits aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurden. Es geht uns um das Leiden von Millionen Frauen und Männern, die Opfer von Inzest wurden. Um die Tausenden von Kindern, die missbraucht wurden und deren Peiniger meist ungestraft davonkamen. Wir wollen diesen Schmerz hinausschreien.

SPIEGEL: Die jüngsten Anschuldigungen gegen die Regisseure Christophe Ruggia und danach gegen Roman Polanski haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt. In beiden Fällen geht es um den Vorwurf von sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Die Filmbranche ist seither tief gespalten - manche ignorieren die Diskussion, andere wiederum wollen zum Beispiel den neuen Film von Polanski boykottieren.

De Haas: Ich kann nicht für die Opfer sprechen. Aber ich persönlich glaube nicht, dass es Gewaltopfern hilft, wenn man den Film von Polanski verbietet. Die Medien und die Filmbranche sollten aber endlich damit aufhören, Polanski eine Bühne zu bieten und ihn ständig zu würdigen, als ob er ein respektabler Mann wäre. Sie sollen aufhören, zu sagen, man soll den Mann vom Künstler trennen. Damit banalisieren sie die sexuelle Gewalt in der Filmbranche, nach dem Motto: "Das ist doch alles nicht so schlimm!" Ich finde, es ist vor allem wichtig, den Opfern zuzuhören und sie zu respektieren.

SPIEGEL: Braucht es heute einen griffigen Hashtag wie #MeeToo oder #NousToutes, um die Massen zu mobilisieren?

De Haas: Das glaube ich nicht. "NousToutes" hat nicht als Hashtag begonnen und ich selbst habe ihn nur selten verwendet. Aber die modernen Kommunikationsmittel sind natürlich eine Hilfe bei der Organisation von Protesten. Wir haben viel mit WhatsApp gearbeitet. Tausende freiwillige Helfer folgen uns dort und verbreiten unsere Botschaft. Aber wir haben uns auch monatelang auf die Demonstration vorbereitet, Tausende Flyer gedruckt und in Gymnasien und Universitäten Infoveranstaltungen organisiert.

SPIEGEL: In Frankreich hatten der Weinstein-Skandal und die #MeToo-Bewegung kein großes Echo. Stattdessen bestimmte im Januar 2018 ein von Catherine Deneuve unterstützter,offener Brief in "Le Monde" die öffentliche Debatte, der das Recht der Männer verteidigte, Frauen lästig zu sein.

De Haas: Wir haben darauf in einer Online-Zeitung geantwortet - unser Brief trug die Überschrift "Les porcs et leurs alliées" ("Die Schweine und ihre Verbündeten"). Dazu muss man wissen, das Pendant zu #MeToo in Frankreich war #BalanceTonPorc (auf Deutsch etwa: "Verpfeife Dein Schwein"). Die Aktion war nicht unumstritten, aber darauf gab es extrem viele Reaktionen. Man darf nicht vergessen, welche Rolle Prominente wie Deneuve in so einer Debatte spielen. Deshalb war es für uns auch wichtig, dass am vergangenen Wochenende die Schauspielerin Laetia Casta auf der Demo war, genau wie der Bruder der Schauspielerin Marie Trintignant, die 2003 von ihrem Lebensgefährten, dem Rocksänger Bertrand Cantat zu Tode geprügelt wurde.

SPIEGEL: Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen werden in vielen Ländern von Rechtspopulisten vereinnahmt. Auch Marine Le Pen, die Vorsitzende des "Rassemblement national" versucht, damit Stimmung zu machen. Auf Twitter behauptete sie jetzt anlässlich der #NousToutes-Proteste, dass im Jahr 2014 zweiundfünfzig Prozent der Vergewaltigungen in Paris von ausländischen Männern begangen wurden.

De Haas: Das ist eine Lüge. Le Pen will den Feminismus für rassistische Zwecke nutzen. Aber wir lassen uns nicht von den Rechten vereinnahmen. Feminismus und Rassismus passen nicht zusammen. Mit ihrer Argumentation schadet Le Pen allen Frauen, denen Gewalt widerfahren ist.

SPIEGEL: Die französische Regierung hat nun Verbesserungen angekündigt. Sie will 2020 insgesamt 360 Millionen Euro aufwenden, um Frauen vor Gewaltakten zu schützen. Dabei soll der Schwerpunkt darauf liegen, gewalttätige Männer besser zu beobachten und psychogisch zu behandeln. Die Rede ist auch von elektronischen Fußfesseln für aggressive Täter. Sind sie damit zufrieden?

De Haas: Überhaupt nicht. Die 360 Millionen Euro sind ein Trugbild - denn genau dieses Budget wurde auch letztes Jahr veranschlagt. Sie geben also keinen Cent mehr aus als letztes Jahr, um den Frauen zu helfen. Außerdem fehlt es an präventiven Maßnahmen, das ist eine unserer Hauptforderungen, denn alles beginnt mit der Erziehung. Jedes Kind in Frankreich lernt in der Schule das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Dafür gibt es sogar ein Zertifikat. Genauso einen Test würde ich mir wünschen, der den Respekt gegenüber Frauen thematisiert. Die Lehrer werden dafür allerdings nicht ausgebildet. Außerdem ist es wichtig, dass Polizisten, Anwälte oder Richter die Klagen von Frauen ernst nehmen.

SPIEGEL: "Eine Frau ist nicht verantwortlich für die Gewalt, die ihr angetan wird," lautet Ihr Mantra. Muss man einen so selbstverständlichen Satz denn heutzutage noch unterstreichen?

De Haas: Absolut. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Reaktionen und Beschimpfungen so ein banaler Satz noch immer auslöst. Die Wut, die mir und anderen Feministinnen auf der Straße, aber auch im Netz, entgegenschlägt, ist enorm. Ich hatte mich aus diesem Grund neun Monaten lang aus sämtlichen sozialen Netzwerken zurückgezogen, und bin zum Beispiel nicht mehr auf Twitter unterwegs.

SPIEGEL: Bei all dem Hass, der auch Ihnen persönlich begegnet: Sind sie denn zuversichtlich, was die Zukunft der Frauenrechte in Frankreich und der Welt anbelangt?

De Haas: Ich bin optimistisch - und realistisch. Es hat sich viel getan, #Metoo war eine Revolution. Manche Macho-Gewohnheiten aber sind auch sehr fest in der ganzen Gesellschaft verankert, besonders in Frankreich. Ich glaube nicht, dass sich das von heute auf morgen ändern wird. Daher ist es so wichtig, dass wir für unsere Rechte kämpfen.

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sebastian_lemieux 29.11.2019
1. Wann folgen Demos für Gewalt gegen Männer?
Ich finde es seltsam, dass dem Thema Gewalt gegen Frauen soviel mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird. Statistisch gesehen sind die meisten Opfer von Gewalt Männer (mit deutlichem Vorsprung vor Frauen). Männer werden häufiger getötet und verprügelt. Nur in Sexualdelikten sind die meisten Opfer weiblich. Warum wird sowas nie in den Medien thematisiert? Wieso sollen Schutzmaßnahmen immer nur für Frauen sein und nicht für sämtliche Opfer von Gewalt? Die Debatte ist mal wieder viel zu einseitig.
Frede 29.11.2019
2.
Die Debatte ist nicht einseitig sondern Thema bezogen. Es geht alleine um sexuelle Gewalt von Männer an Frauen und dass das aufhören muss. Eine Schulfach für anständiges Verhalten mit anschließigem Zertifikat finde ich eine sehr gute Idee. Vielleicht profitieren dann auch wir Männer irgendwann davon
Kashban 29.11.2019
3. @Frede Frauen leben bei uns sicherer als Männer. Bei Weitem.
Natürlich ist jede Gewalttat eine Tat zu viel, aber es wird in der Öffentlichkeit immer so getan, als wären nur Frauen Opfer von Gewalttaten, zu denen auch Sexualdelikte gehören. Und das stimmt hinten und vorne nicht, schon gar nicht in dem Verhältnis. Frauen sind in unserer Gesellschaft bei weitem sicherer als Männer. Setzen Sie mal die feministisch eingefärbte Brille ab und befassen Sie sich mit den Fakten, zum Beispiel der hiesigen Polizeistatistik. Erziehungskurse für qua Geburt schuldige Männer gibt es schon an amerikanischen und australischen Universitäten, egal, ob sie sich je etwas haben zuschulden kommen lassen oder nicht. Wissen Sie, wie man so etwas nennt? Diskriminierung nach Geschlecht. Frauenquoten fallen in dieselbe Kategorie. Diskriminierung ist niemals gut.
cave68 29.11.2019
4. sorry aber...
..hat sich diese Dame mal über den typischen Tätertypus Gedanken gemacht,der Frauen verprügelt? Es dürften nahezu alle Männer unter einem Mangel an Impulskontrolle leiden. Glaubt diese Frau,dass man dies mit Aufklärung in der Schule,durch Demos oder gar gutem Zureden ändert?? Es gibt nur eines:Sagt den Frauen,dass sie nach der ersten Grenzüberschreitung SOFORT die Partnerschaft verlassen müssen und sich nicht auf diese typische "Einlullerei" ala "Verzeih mir,ich wird mich bessern"der Gerwalttäter eingehen. Und dafür braucht es Selbstbewusstsein und endlich mal die Einsicht "es nicht immer jedem Recht machen zu müssen"....Frauen die dies nicht einsehen,dass sie selbst ein Problem haben,wenn sie permanent in solchen destruktiven Beziehungen bleiben und im Endeffekt tragen sie somit eine Mitschuld.....nicht an der Gewalttat selbst sondern dass sich nichts ändert.
ThomasS79 30.11.2019
5. Keine Gewalt gegen niemand!
In Frankreich werden jährlich ca. 800-900 Morde verübt. Die Kriminalstatistik verrät dabei, dass die Täter in den allermeisten Fällen aus dem direkten Umfeld des Opfers stammen. Ich möchte hier nicht relativeren - aber versachlichen. Wir müssen grundsätzlich eine Debatte über Gewalt in allen Ausprägungen neu anstoßen und dabei jeder für sich, aber auch als Gesellschaft unmissverständlich signalisieren, dass Gewalt nicht toleriert wird! Nicht als Ausrutscher und auch nicht aus versehen, Gewalt ist ein No-Go, gehört angezeigt und bestraft! Jedoch zeigt sich aktuell auch eine einseitigen Wahrnehmung und Verschiebung der Motive und Definitionen. Beim Lesen feministisch geprägter Meinungen fällt mittlerweile fast standardisiert eine Kriminalisierung der Männer generell auf. Dies nimmt mittlerweile sehr skurrile Züge an und geht von völlig der Realität entrückten Forderungen und Verallgemeinerungen bis zu tatsächlich diskriminierenden Forderungen in der juristischen Auslegung und gesetzlichen Verfolgung von Männern. Besonders gefährlich ist dabei die zugrunde liegende Auslegung und Definition feministischer Begrifflichkeiten und deren Korrelation und Interpretation. Das beginnt bei Begriffen wie "Femizid" - was per se sehr allgemein die Tötung eines Menschen weiblichen Geschlechts beschreibt, mittlerweile aber auch im Sinnbild eines misogynen Täterprofils oder Motivs ohne wirklich nachvollziehbare Kriterien stattfindet. Dabei bleibt es der Interpretation überlassen, ob bspw. ein Mord aus Eifersucht von einem Mann an einer Frau einem Femizid entspricht und in wiefern die tatsächlichen Motive zweifelsfrei als geschlechtspezifisch einzuordnen sind. Hier ist trotz des eklatanten Übergewichtes von Männern bei schweren Gewalttaten Vorsicht geboten. Sicherlich benötigen wir funktionierende Mechanismen zum Schutz von Gewaltopfern und den effizienten Schutz vor Bedrohungssituationen. Es kann nicht sein, dass in nachvollziehbaren Szenarien der Eskalation erst direkte Gewalt nötig ist, um Zugriffe und Verwahrung zu ermöglichen. Dies betrifft vorrangig Situation des Stalking, häuslicher Gewalt oder nachweislicher psychischer Gewalt/Belästigung. Jedoch sollte diese Debatte in eine Richtung laufen, die auch Männer einbezieht und nicht ausgrenzt. Unsere Rollenbilder müssen überdacht und intelligent reformiert werden. Dafür müssen mit kühlem Kopf Realitäten wahrgenommen und Möglichkeiten zur Verbesserung entwickelt werden. Es lässt sich jede Geschlechterverteilung zur Schlagzeile hochstilisieren - hinsichtlich Gewalt an Kindern, von der Kindesmisshandlung bis zur Kindestötung, sind die Frauen als Täterinnen stark überpräsentiert, eben weil Kindererziehung zum Großteil immer noch in Frauenhänden liegt, deshalb hinterfragen wir auch nicht alle Frauen als Erzieherinnen oder Pflegekräfte. Die aktuelle Berichterstattung zeigt jedoch gefährliche Ansätze der Misandrie.
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