Politischer Appell bei den Oscars Lady Gaga bringt die Wirklichkeit nach Hollywood

Die Oscar-Verleihung ist eine heile Scheinwelt. Doch diesmal drängt sich ein hartes Thema auf: Lady Gaga widmet ihren Song allen Opfern sexueller Gewalt - und der Sängerin Kesha, die um ihre Ehre kämpft.
Popsänger Elton John, Kollegin Lady Gaga: Überraschungskonzert in Hollywood vor der Oscar-Verleihung

Popsänger Elton John, Kollegin Lady Gaga: Überraschungskonzert in Hollywood vor der Oscar-Verleihung

Foto: JONATHAN ALCORN/ REUTERS

Am Hollywood Boulevard ist alles so weit. Der Asphalt ist unter einem 152 Meter langen roten Nylonteppich verschwunden. Dutzende Reporter, die Ladys in Abendgarderobe üben ihre Ansagen, während die Handwerker noch an den riesigen Oscar-Goldstatuen herumpinseln.

Auch drinnen laufen die letzten Proben für Hollywoods größte Show. Die Bühne des Dolby Theatres hat sich in einen Birkenwald verwandelt. Violinisten sitzen zwischen den Bäumen und geigen, davor steht Lady Gaga: "Til it happens to you", singt sie, "you don't know how it feels."

Bis es dir passiert, weißt du nicht, wie es sich anfühlt: Der Oscar-nominierte Song "Til It Happens To You", den Lady Gaga gemeinsam mit der Hitkomponistin Diane Warren geschrieben hat, bringt eine ungewohnt harsche Realität in die Glamour-Illusion der Academy Awards. Er stammt aus dem kontroversen Dokumentarfilm "The Hunting Ground" über die "Vergewaltigungsepidemie" an US-Unis.

Dieses Politikum steht im Drehbuch

Das zu thematisieren, im Chiffonkleid vor einem Live-Publikum aus Hollywoodgrößen und Hunderten Millionen Zuschauern, ist gewagt. Die Oscars erleben zwar immer wieder mal hochpolitische Momente, doch meist ungeplant. Dieser Moment dagegen steht im Drehbuch: Vizepräsident Joe Biden will Lady Gaga ansagen und für "It's On Us"* werben, die Kampagne der US-Regierung gegen sexuelle Belästigung.

Trotzdem droht der Auftritt noch dramatischer zu werden: Lady Gaga, so munkeln sie hier, könnte das zurzeit wohl bekannteste angebliche Vergewaltigungsopfer der Entertainment-Branche mit auf die gigantische Oscar-Bühne bringen - Popsängerin und Rapperin Kesha.

Kesha beschuldigt ihren Produzenten Lukasz Gottwald ("Dr. Luke"), sie vergewaltigt zu haben, und kämpft seit 2014 dafür, ihren Vertrag mit seinem Sony-Label aufzulösen. Gottwald streitet die Vorwürfe ab. Bis der Fall geklärt ist, darf Kesha keine Songs veröffentlichen.

Zwei Dutzend Prominente haben sich hinter sie gestellt. Zuletzt solidarisierte sich auch Lady Gaga mit Kesha: Auf ihrem Twitter-Profil postete sie ein Foto, das die zwei lächelnd und händchenhaltend zeigt.

Und nun widmet sie Kesha - und allen Opfern sexueller Gewalt - ihren Oscar-Song. Aus eigener Erfahrung: "Es war etwas in meinem Leben, das mich bisher definiert hat." Komponistin Diane Warren brachte "Til It Happens To You" direkt mit Kesha in Verbindung. "Sie ist so mutig", sagte sie dem Hollywood-Blog "The Wrap" während der Oscar-Proben.

Pop-Star Kesha nach Gerichtstermin in New York: Kreatives Gefängnis

Pop-Star Kesha nach Gerichtstermin in New York: Kreatives Gefängnis

Foto: Mary Altaffer/ AP/dpa

Skandale stören die Scheinwelt der Oscars

Die Ironie daran: Keshas kreatives Gefängnis erinnert an die geradezu erpresserische Macht, die die alten Hollywoodstudios einst über ihre Stars ausübten. Die waren per Knebelverträge an bestimmte Studios und Filme gebunden. Spielten sie nicht mit, wurden sie kaltgestellt.

Sollte Kesha tatsächlich mit auf der Bühne erscheinen, wäre das nicht der erste Skandal, der die Oscar-Illusion durcheinanderwirbelt. Als Hattie McDaniel 1940 als erste Schwarze einen Oscar gewann für "Vom Winde verweht", musste sie von ihrem Katzentisch ganz hinten kommen. Bis heute hängt das Rassenproblem über Hollywood.

Andere Kontroversen, die die heile Scheinwelt der Oscars störten:

• 1973 boykottierte Marlon Brando die Gala aus Protest gegen die Behandlung von Ureinwohnern durch die Filmindustrie. Seinen Oscar für "Der Pate" nahm statt dessen die indianische Aktivistin Sacheen Littlefeather entgegen, unter vereinzelten Buhrufen des Publikums.

• 1993 forderten Susan Sarandon und Tim Robbins die Schließung eines US-Lagers für aidskranke Haitianer in Guantanamo Bay.

• 2003 kritisierte Michael Moore den Irak-Krieg: Er nannte George W. Bush einen "fiktiven Präsidenten", der Amerika aus "fiktiven Gründen" in den Krieg gestürzt habe. Dafür wurde Moore offen ausgebuht.

• Auch das Thema Vergewaltigung gab es schon mal - doch mit einem entgegengesetzten Ansatz: Ebenfalls 2003 gewann Roman Polanski als Regisseur für "The Pianist". Da er seit seiner Verurteilung für die Vergewaltigung einer Minderjährigen aber im Pariser Exil lebte, nahm Harrison Ford den Oscar für ihn an. Das Publikum jubelte begeistert.

Diesmal dürfte die Sympathie bei den Opfern liegen. Doch die Oscar-Konkurrenz für Lady Gaga ist hart: Unter anderem sind auch Sam Smiths "Writing's on the Wall" ("Spectre") und The Weeknds "Earned It" ("Fifty Shades of Grey") nominiert, beide werden sie auch selbst bei der Oscar-Show vortragen. Die transsexuelle Sängerin Anohni hingegen wurde mit ihrem Song "Manta Ray" nicht eingeladen - sie sei zu unbekannt.

Mit Material von AP
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