Emeritierter Papst Was macht eigentlich Benedikt XVI.?

Es war still geworden um Papst Benedikt XVI. Doch nun, so scheint es, mischt er sich wieder stärker in der katholischen Kirche ein. Seinem Nachfolger kann das nicht gefallen.

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Es begann scheinbar harmlos. Am 30. Mai dieses Jahres referierte Papst Franziskus beim Morgengebet über "den Abschied" eines Bischofs. Wie rühmlich der heilige Paulus das seinerzeit in Ephesus hinbekommen habe. Ohne großes Gedöns habe er seinen versammelten Anhängern mitgeteilt: Ich muss jetzt weiterwandern, gehabt euch wohl! So wie für Paulus komme für jeden Hirten der Moment, in dem der Herr sagt: "Geh woanders hin, geh dort hin, geh dahin, komm zu mir."

Dass diese Episode ihren Weg in die italienischen Gazetten fand, hängt mit der Wirkung der päpstlichen Worte auf seine Zuhörer zusammen. Hatte er etwa seinen Vorgänger Papst Benedikt XVI. im Auge? Franziskus legte sogar noch nach. "Beten wir für die Hirten, (...), für die Bischöfe, für den Papst, dass (...) sie lernen, Abschied zu nehmen." Mit verhaltener Wut, brüchiger Stimme, gar Zittern am Körper, so wird kolportiert, schloss Franziskus das Thema ab: Die Hirten seien "nicht der Mittelpunkt der Geschichte".

Als "Kriegserklärung" an seinen Vorgänger werteten das "Vatikanologen", Journalisten also, die sich mit nichts anderem als den Vorgängen im Kirchenstaat beschäftigen. Als immerhin "deutliche Mahnung" für den emeritierten Papst sahen es selbst vorsichtigere Gemüter. Was war geschehen? Bislang schienen beide doch wie Brüder.

Vier Jahre lang schien die Kooperation der zwei Päpste harmonisch und krisenfrei. Noch im Februar dieses Jahres bejubelte der frühere Vatikansprecher, Jesuitenpater Federico Lombardi, die wunderbare Arbeitsteilung: Der emeritierte Papst lebe abgeschieden "von der Welt" und diene "im Gebet", dabei stets bereit, dem Nachfolger mit Rat zur Seite zu stehen. Die beiden träfen sich ab und zu, telefonierten, es gebe viele Zeichen der Freundschaft, des Respekts und der geistlichen Verbundenheit, so Lombardi, "Franziskus fühlt sich von Benedikt XVI. unterstützt".

Zum 90. Geburtstag gratulierte Franziskus seinem Vorgänger herzlich. War das alles schon Show? Sind die beiden seit Langem alles andere als Freunde? Oder ist seit dem Geburtstag im April und Franziskus Wut-Gebet Ende Mai etwas so Gravierendes geschehen, dass es die Freundschaft der Brüder im Glauben schwer belastet, wenn nicht beendet hat?

Bis ihm die Kraft ausging

"Joseph Ratzinger hätte nicht Papst werden dürfen" - mit diesem Satz beginnt das erste Kapitel des Benedikt-Buchs des Deutschitalieners Marco Politi. Eigentlich hätte Ratzinger auch nie Papst werden können, so Politi, der mehr als 20 Jahre lang das Geschehen im Vatikan analysiert hat. Denn eine so "polarisierende" Persönlichkeit wäre eigentlich niemals mehrheitsfähig. Fast alle sahen es genauso. Doch Ratzinger hat die nötige Mehrheit bekommen. Und als er sich am Abend des 19. April 2005 lächelnd auf der Loggia delle Benedizioni zeigte, fühlten sich viele Deutsche mitgewählt.

Dann war er acht Jahre Papst - und was bleibt davon in Erinnerung? Viele Intrigen und Machtkämpfe, bekannt geworden durch die "Vatileaks"-Enthüllungen und ein bleiernes Reformverbot. Beharrlichkeit war angesagt, manchmal auch der Rückgriff auf stockkonservative Ansichten, die man eigentlich längst überwunden glaubte.

Benedikt XVI. hob die Exkommunikation von vier Bischöfen der abtrünnigen Piusbruderschaft auf und machte damit auch den Holocaust-Leugner Richard Williamson erst einmal wieder kirchenfein. In Brasilien stellte er die Zwangschristianisierung Lateinamerikas in ein neues Licht: Das sei keine Oktroyierung einer fremden Kultur gewesen, sondern von den Ureinwohnern unbewusst herbeigesehnt worden. Benedikt XVI. kämpfte gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Homo-Ehe und alles andere, was die katholischen Schäfchen vom rechten Weg der Bibel abbringen konnte - bis ihm die Kraft ausging.

Am 11. Februar 2013 kündigte er seinen Amtsverzicht zum 28. Februar 20 Uhr an. Er sei nicht mehr in der Lage, "in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben". Seinem Nachfolger gelobte er bedingungslosen Gehorsam. Und tatsächlich hielt er sich vier Jahre lang mehr oder weniger aus allem heraus.

Aber in diesem Frühjahr war es anscheinend mit dem friedlichen Einsiedlerleben in den Vatikanischen Gärten vorbei. Alte Weggefährten sollen immer wieder beunruhigende Nachrichten überbracht haben, allerorten würden Glaubenselemente auf dem Altar der modernen Beliebigkeiten geopfert. Benedikt, zeitlebens der Hüter der rechten Lehre, begann, sich wieder einzumischen - so behaupten es zumindest seine Kritiker.

Die historisch besondere Situation mit zwei Päpsten im Vatikan macht das Verhältnis kompliziert. Benedikt ist Papst geblieben, wenn auch ein "emeritierter", er lebt im Vatikan und nicht im bayerischen Rentner-Exil, er trägt päpstliche Gewänder, Symbole und den Titel "Heiliger Vater".

"Nur einen Schritt zur Seite gemacht"

Der langjährige Benedikt-Sekretär und heutige Präfekt des Päpstlichen Hauses Georg Gänswein interpretiert die Situation so: Wir haben nicht zwei Päpste, sondern ein Papstamt "mit einem aktiven und einem kontemplativen Amtsträger". Benedikt sei weder in Rente, noch im Exil, es sei, als habe er "nur einen Schritt zur Seite gemacht, um seinem Nachfolger Platz zu machen".

Jetzt ist er offenbar wieder aus dem Abseits in die Mitte getrippelt. Anlass war ein Buch des Kardinals Robert Sarah, 72, geboren in Guinea. Den hatte Papst Franziskus 2014 zum Kardinalpräfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ernannt - und ärgert sich seitdem darüber. Im Vatikan gilt die Berufung als "Betriebsunfall". Denn Sarah und die erzkonservative Front, die hinter ihm steht, nutzen jede Gelegenheit, um den "Zusammenbruch der Liturgie", wie er es nennt, zu verhindern oder Geändertes sogar rückgängig zu machen.

Im vergangenen Jahr äußerte Sarah seinen Wunsch, die Eucharistie wieder "Richtung Osten", also mit dem Rücken zur Gemeinde zu zelebrieren. So war es nämlich in grauen Vorzeiten Sitte. Aber schon in Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils, 1962-1965, wurde die Blickrichtung geändert, seither schauen die Priester nach Westen, zur Gemeinde. So soll es auch bleiben, fuhr Papst Franziskus dazwischen. Das entmutigte Sarah wenig. Hat er doch mächtige Freunde im Vatikan. Immer wieder versuchte der Liturgie-Zuständige, alte Riten neu einzuführen, regelmäßig wurde er vom Papst zurückgepfiffen. Wer Sarah lobt oder hilft, das ist allen im Vatikan klar, stellt sich frontal gegen Franziskus.

Nichts weniger hat Benedikt jetzt getan. Zu dem Sarah-Buch "Kraft der Stille" hat er ein sehr positives Vorwort verfasst und in einem gesonderten Text den Satz geschrieben: "Bei Kardinal Sarah ist die Liturgie in guten Händen." Was im Umkehrschluss nur heißen kann: Bei Franziskus gehe sie vor die Hunde.

"Willkürlich instrumentalisiert worden"

So wurde auch ein Grußwort Benedikts bei der Beerdigung des deutschen Kardinals Joachim Meisner als Kritik am aktuellen Kurs der katholischen Kirche interpretiert. Gänswein hatte das Schreiben im Kölner Dom verlesen. Darin sprach Benedikt von einer "Diktatur des Zeitgeistes", der widerstanden werden müsse. Meisner, ebenfalls ein Verfechter der konservativen Linie, habe in seiner letzten Lebensphase immer mehr aus der tiefen Gewissheit gelebt, "dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist".

Gänswein musste hinterher klarstellen, dass dies nicht als Kritik an Franziskus gemeint gewesen sei. "Der emeritierte Papst ist willkürlich instrumentalisiert worden, mit diesem Satz, der auf nichts Konkretes anspielt", sagte er der italienischen Tageszeitung "Il Giornale".

Der Fall zeigt, welchen Wirbel schon kleine Äußerungen auslösen können in einer Kirche, die mit sich selbst um den Kurs der Zukunft ringt. Der Krieg sei eröffnet, sagen jetzt manche. Aber das bleibt abzuwarten. Schon allein, weil die Doppel-Päpste gemeinsam 170 Jahre alt sind.

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Seite 1
Pixopax 09.08.2017
1. Was er macht? Ist doch klar:
Er betet zu Gott, wie seit Jahrzehnten, und wartet immer noch auf Antwort. Armer Mann.
karit 09.08.2017
2. Das sieht diesem Benedikt ähnlich!
Wieso kommen alle diese schlimmen Leute an die Macht oder wieder aus ihren Löchern, wo sie hingehören? Hoffe Franziskus kann sich durchsetzen ... werde meinen Song vielleicht doch noch veröffentlichen, der sich mit diesem katastrophalen Papst beschäftigt! Unglaublich!
StFreitag 09.08.2017
3. Mir fehlen
die Predigten Benedikts. Aber mir bleiben seine Bücher. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger ist er ein sorgfältig abwägender und präzise formulierender philosophischer Theologe. Papst Franz predigt - mit Verlaub - wie ein italienischer Dorfpfarrer daher. Das mag manchem sympathisch sein, zum Erkenntnisgewinn und zum Wohle der Kirche trägt er wenig bei. Er ist ein Ideologe des Zeitgeistes und spaltet, wo Versöhnung notwendig wäre.
Sissy.Voss 09.08.2017
4. Es verwundert mich immer wieder...
Zitat von PixopaxEr betet zu Gott, wie seit Jahrzehnten, und wartet immer noch auf Antwort. Armer Mann.
Es verwundert mich immer wieder, dass diejenigen, die zum Thema nichts oder noch weniger zu sagen haben, immer die ersten sind, die sich melden. Woher wissen Sie denn, dass Benedikt noch immer auf Antwort wartet? Göttliche Eingebung, persönliche Mitteilung oder einfach Logorhoe? Oder stellen Sie sich vor, dass Gott eine Mail an Benedikt schickt, mit Ihnen im CC? Man weiß es schlicht nicht, ob diese Vatikanstratscherei überhaupt einen realen Hintergrund hat. Dass Franziskus so wenig souverän sein soll, dass er 'Mit verhaltener Wut, brüchiger Stimme, gar Zittern am Körper' ein Morgengebet spricht, kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Nicht bei Franz, der relativ wenig anfällig dafür zu sein scheint (und auch beansprucht) die Papstwürde selbst zu verkörpern.
DieHappy 09.08.2017
5.
Eine sinnvolle Tätigkeit von Herr J. Ratzinger könnte z.B. sein, mal seinen Bruder ins Gebet zu nehmen, was er denn da den Kindern der Regensburger Domspatzen angetan hat. Aber das weiß er wohl eh schon.
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