Papst-Appell an die Medien Heilige Scheiße!

Papst Franziskus beklagt, dass "die Medien" einen Hang dazu hätten, publizistische Körperausscheidungen zu verbreiten - und mancher Konsument diese dann allzu gerne schlucke. Diese irrige Einschätzung belegt: Er ist auch nur ein Mensch.

Papst Franziskus am 8.12. in Rom
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Papst Franziskus am 8.12. in Rom

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Ab und zu schleudert Franziskus wuchtige Worte in die Welt. Etwa, wenn er erklärt, der römische Hofstaat sei die Lepra des Papsttums. Das ist ein bisschen so, als würde Angela Merkel beklagen, ihre Minister seien die Pest. De facto mag das stimmen - öffentlich verkündet klingt es allerdings wie eine persönliche Bankrotterklärung, wie das Eingeständnis einer verfehlten Personalpolitik.

Jetzt hat sich der Pontifex "die Medien" vorgeknöpft. In einem 40-minütigen Interview mit dem katholischen Blatt "Tertio" aus Belgien versteigt er sich zu unappetitlichen Vergleichen. "Die Medien sollten sehr klar sein, sehr transparent, und - nichts für ungut, bitte - nicht der Koprophilie verfallen", fordert der Papst. Der Drang, stets nur über Skandale und die "hässlichen Dinge" zu berichten, sind demnach wie diese Krankheit, bei der sexuelle Lust an menschliche Ausscheidungen gekoppelt ist.

Halleluja, dieser Vergleich stinkt zum Himmel, ist das Erste, was einem da einfällt. Aber erst nachdem man gegoogelt hat, um welch seltenes Phänomen es sich denn da eigentlich handelt. Doch der Papst geht noch weiter. Wo es Leute gibt, die Spaß am Ausscheiden von Mist haben, gibt es demnach immer auch jene, die selbigen - ähm - konsumieren: "Weil die Leute eine Neigung zur Koprophagie haben, kann sehr viel Schaden angerichtet werden."

Wenig intelligent und nicht zielführend

Wieso wählt der Papst so unschöne Vergleiche, um "Desinformation" durch die Medien zu beklagen? Ausschließlich über schlimme Dinge wollten die berichten, "auch wenn sie der Wahrheit entsprechen", sagt er. Ja, eben. Weil eine Zeitungsmeldung keine Erzählung, kein Tagebucheintrag oder Gedicht ist. Vielleicht haben wir alle in Zeiten wie diesen Sehnsucht nach positiven Nachrichten. Die Aufgabe von Journalisten ist es aber nicht, schöne Geschichten zu erzählen, sondern aufzudecken, was gerade nicht läuft.

Nein, "die Medien" würden Desinformation betreiben, nur die Hälfte der Wahrheit verbreiten und es den Menschen unmöglich machen, sich ein Urteil zu bilden, wettert der Papst. Und macht nichts weiter, als sich in die Phalanx umtriebiger Medien-Basher einzureihen. In Zeiten ausufernden Populismus und greller "Lügenpresse"-Rufe eine so undifferenzierte Kritik in den Raum zu stellen, muss als wenig intelligent und nicht zielführend verurteilt werden. Medien=Scheiße ist das, was hängen bleibt, eine "Kackastophe" für alle, die versuchen, etwas Ruhe in den aufgeheizten Diskurs um die angeblich blinde linke Publizistik zu bringen.

Natürlich ist die drastische Mahnung des Papstes auch in Zusammenhang zu sehen mit der weltweiten Debatte über gefakte News und die Frage, ob etwa Donald Trump nur mithilfe gelenkter Falschmeldungen die US-Präsidentschaft gewinnen konnte. Dennoch stoßen die grobe Verallgemeinerung und der Hang zur Verharmlosung auf: Es gebe einen Hang zu Rufmord und Verleumdung, vor allem in der Welt der Politik, konstatiert der Papst. Eine Erfahrung, die älter ist als das Christentum selbst.

Die Medien würden instrumentalisiert, um Personen zu diffamieren, dabei "hat jeder Mensch das Recht auf einen guten Ruf". Wer bestreitet das? Und von welchen Medien ist hier die Rede? Der eine oder andere Porträtierte mag dem Papst zufolge in der Vergangenheit Probleme mit der Justiz oder in seinem Familienleben gehabt haben. "Das heute ans Licht zu ziehen ist schwerwiegend, es verursacht Schaden, man stempelt eine Person ab." Kommt stark auf den Zusammenhang und die aktuellen Vorwürfe an, denkt der Journalist.

Lebenspraktisch keine Ahnung

Bei aller Spontaneität, die Franziskus zu eigen ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass ihm solche Verdikte einfach rausrutschen, ganz impulsiv sozusagen. Es wirkt eher so, als werfe der Papst ab und zu einen Stein ins Aquarium, um zu sehen, wie die Leute zucken, wenn er versucht, den politischen Ungeheuerlichkeiten und sozialen Ungerechtigkeiten etwas entgegenzusetzen.

Manchmal vergreift er sich dabei im Ton, was ihn als Vertreter Christi auf Erden plötzlich menschlich erscheinen lässt und durchaus Pluspunkte bei den Gläubigen bringt. Dann wieder referiert er über Dinge, von denen er lebenspraktisch keine Ahnung hat - etwa Kindererziehung. Wenn er behauptet, ein Klaps auf den Po habe noch keinem Kind geschadet, wünscht man sich, seine Berater hätten ihn ein wenig gebremst.

Ähnlich ergeht es einem beim jetzigen "Kopro"-Skandal, den er selbst produziert hat. Die Mahnung vor einer vermeintlich grassierenden Koprophilie unter Journalisten ist nicht neu, schon vor seiner Wahl zum Papst hat Bergoglio sich dazu geäußert. Damals ging es um die medialen Auswüchse der Vatileaks-Affäre. Da setzte Bergoglio - entgegen seiner jetzigen Aufforderung zu mehr Transparenz in den Medien - wohl eher auf Diskretion.

Bereits im Oktober hatte der Pontifex ein Video veröffentlicht, in dem er explizit dafür betet, dass Journalisten nach ethischen Grundsätzen berichten. Gefragt ist demnach vor allem eine Fähigkeit: Das Jasagen.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
brehn 09.12.2016
1. naja
Nagut, dann haben wir ja jetzt beide Seiten zu Wort kommen lassen. Die Realität findet man wahrscheinlich irgendwo mittig zwischen beiden...
dr.eldontyrell 09.12.2016
2. Diese Einschätzung belegt,
dass dieser Papst über einen ausgesprochen gesunden Menschenverstand verfügt.
meineidbauer 09.12.2016
3.
Dieser Papst ist der Beste seit Generationen! Dies sage ich, obwohl ich mit der katholischen Kirche nichts am Hut habe.
beuerlein 09.12.2016
4. Unfehlbar
ist der Papst sicher nicht. Journalisten aber auch nicht. Und der nachvollziehbare Drang zur der Veröffentlichung von (teiweise vermeintlichen) Skandalen auf dem umkämpften Markt der Nachrichten führt schon zu einem verzerrtem Bild in der Öffentlichkeit. Es wird immer nur das Extreme berichtet, die Normalität ist nicht berichtenswert.
gerd0210 09.12.2016
5. A la carte
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