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Protest gegen Papstbesuch: Warum ein Pfarrer Benedikt einfangen will

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Pfarrerprotest gegen Papstbesuch Ein Käfig für Benedikt

Jugendpfarrer Lothar König ist ein kritischer Kauz, er engagierte sich gegen das DDR-Regime, protestierte gegen G8 und Castortransporte - nun ist Benedikt an der Reihe: Gemeinsam mit Jugendlichen protestiert er gegen den Papstbesuch.
Von Christian Gehrke

"Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!" Jesus sagte das, Lothar König zitiert die Bibelstelle, es ist ihm die liebste. König ist evangelischer Jugendpfarrer in Jena, Jesus sei ein Vorbild, sagt er und macht deutlich, wie Jesus-Zitat und eigene Persönlichkeit zusammenhängen: "Ich bin ein Provokateur, seitdem ich denken kann."

Keiner, der ihn kennt, wird ihm widersprechen. Er lehnte sich gegen das DDR-Regime auf, protestierte gegen G8 und den Castortransport - nun ist der Papst an der Reihe. Gemeinsam mit seinen Jugendlichen hatte er im Rahmen eines Projekts ein Bambusgerüst gebaut, das sie "Papst-Käfig" nannten. Um Benedikt einzufangen, sollte er nach Jena kommen, so wurde gespottet. Auf der Oberseite war ein Flaschenzug zum Hochziehen befestigt.

Das Bambusgerüst existiert inzwischen nicht mehr, Jena stand nie auf dem Programm des Papstbesuchs. Doch was bleibt, ist die Idee, die Kritik, der Protest gegen den Papst.

Für König diente die symbolische Aktion nichts Geringerem als der Verteidigung Thüringens, "das ist Protestantenland". Er könne die Toleranz und den "Kniefall" einiger evangelischer Kollegen nicht verstehen, schließlich erkenne die katholische Kirche die evangelische nicht an. "Was will der Typ hier?", fragt König, er raucht Kette, während er spricht, die Kippen verschwinden fast in seinem Bart.

"Jugendliche sind von Natur aus radikal"

Benedikt solle nach Bayern fahren, "der geplante Besuch in Erfurt ist eine Frechheit". Wenn Benedikt aber schon mal da sei, solle er sich wenigstens für den Umgang der Kirche mit Martin Luther und für alle ihre weiteren Untaten entschuldigen. Punkt.

König ist ein kritischer Kauz, doch er erreicht seine Jugendlichen. Seine Gemeinde gilt als Auffangbecken für schwierige Teenager. König gibt ihnen Selbstbewusstsein, macht sie stark im Kampf gegen Rechtsextremismus. "Jugendliche sind von Natur aus radikal. Meine Aufgabe ist es, diese Radikalität in die richtigen Bahnen zu lenken", so beschreibt König seinen Job. Er erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Arbeit. Jena steht hinter ihm.

Auch Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, betont zunächst einmal ihr Verständnis für König, spricht man sie auf den Pfarrer an. "So ist er eben", sagt sie, "er möchte abseits des Mainstreams stehen." Auch sie wünscht sich, der Papst solle die evangelische Kirche anerkennen, wenn er nach Erfurt kommt, doch bei der Aktion mit dem "Käfig" hört ihr Verständnis dann doch auf. "So sollte man dem Oberhaupt der katholischen Kirche nicht entgegentreten, das ist nicht würdig."

"Kein einfacher Zeitgenosse"

König ist Kritik gewohnt, seitdem er provoziert, was bedeutet: seitdem er ein Kind war. In der vierten Klasse bemalte er ein Foto von DDR-Staatschef Walter Ulbricht und wäre fast von der Schule geflogen. Als Jugendlicher schrieb er nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag " Dubcek" an eine Hauswand. Seine Wohnung wurde daraufhin durchsucht.

Er geriet in das Visier der Staatssicherheit, durfte nicht studieren. Nach einer Ausbildung zum Diakon wurde er Pfarrer. Zur Wendezeit gehörte er zu den führenden Oppositionellen der DDR. Er wurde verhört und beschattet. Heute sind seine Gegner andere, doch sein Engagement ist ungebrochen. Mit seinem blauen VW-Bus, ausgestattet mit einer bei Demos nützlichen Lautsprecheranlage, tingelt er von Protest zu Protest.

So war es auch am 19. Februar, als in Dresden Rechtsextreme aufmarschierten. Es kam zu Ausschreitungen, König wird vorgeworfen, Demonstranten zur Gewalt gegen Polizisten aufgefordert zu haben. Er bestreitet das. Gegen ihn läuft derzeit ein Verfahren wegen "aufwieglerischen Landfriedensbruchs", ihm droht eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Anfang August wurde sogar seine Dienstwohnung durchsucht, doch der Jugendpfarrer bleibt gelassen. "Ein halbes Jahr Gefängnis ist doch lächerlich. Auch dort lebt man weiter und sammelt Lebenserfahrung", sagt König sarkastisch.

"Lothar König geht einen weiten Weg, aber so, dass die Jugendlichen nicht zu weit gehen", erklärt Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD). Klar sei aber auch: "König ist kein einfacher Zeitgenosse."

Das Gegenteil wäre für König eine Beleidigung.

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Version dieses Artikels erweckte den Eindruck, der "Käfig" würde noch existieren. Tatsächlich wurde das Bambusgerüst, das im Rahmen eines Graffiti-Projekts entstanden war, Anfang Juli zerstört. Darauf weist die Junge Gemeinde Stadtmitte hin. Die entsprechenden Passagen wurden geändert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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