Neue Prinz-Charles-Biografie "Er ist das Produkt einer sehr bizarren Erziehung"

Ein sensibler, isolierter Mann an einem Hof voller Intrigen: In ihrer Biografie über Prinz Charles zeigt die ehemalige leitende "Time"-Redakteurin Catherine Mayer eine völlig neue Seite am Thronfolger und klärt die Frage: Kann Charles König?

AP

Ein Interview von Gesa Mayr


Zur Person
  • Leo Cackett
    Catherine Mayer arbeitete rund drei Jahrzehnte lang als leitende Redakteurin beim Magazin "Time". Sie berichtete über internationale Politik und Zeitgeschichte, darunter auch über die Royals. Heute arbeitet sie als freie Autorin. Für die Biografie über Prinz Charles hat sie monatelang sein Büro bekniet, ihr ein Gespräch zu gewähren. Die Amerikanerin lebt in London.

SPIEGEL ONLINE: Frau Mayer, wenn Sie Prinz Charles mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Mayer: Charmant, kompliziert, engagiert.

SPIEGEL ONLINE: Charmant?

Mayer: Das kommt gerade für viele Briten überraschend. Er macht sich schließlich ständig über alles Sorgen, er ist ein Pessimist. Aber er ist geistreich und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Ein Grund, warum die Leute ihn so missverstehen, ist, dass er sich selbst nicht richtig versteht. Er ist das Produkt einer sehr bizarren Erziehung. Es ist fast, als habe er an einem wissenschaftlichen Experiment teilgenommen. Das macht ihn so kompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht gerade nach einer glücklichen Kindheit.

Mayer: Er wurde schon mit acht Jahren von zu Hause weggeschickt. Da hatte er bereits eine schwierige Zeit durchlebt. Als seine Mutter Königin wurde, war er erst drei. Sie war die meiste Zeit von ihm getrennt. Ihr Ehemann, Prinz Philip, war der Auffassung, er tue seinem Sohn etwas Gutes, indem er ihn abhärtete. Prinz Philip und Elizabeth stammen aus der Kriegsgeneration. Einer Generation, die ihre Gefühle nicht ausdrückt.

SPIEGEL ONLINE: Und? Ist Charles der harte Kerl geworden, den sein Vater sich wünschte?

Mayer: Das Ergebnis ist ein Mensch, der offenbar in vielen Angelegenheiten widersprüchlichen Impulsen folgt. Es liegt ihm viel daran, dass die Monarchie ihre Position behält, gleichzeitig hat er sein ganzes Leben versucht, ein normaler Mensch zu sein. Er war sehr isoliert und ist alles andere als selbstsicher. Wenn er neue Leute kennenlernt, verhält er sich immer ein wenig zurückweichend, als ob er Angst hätte, sie würden ihn gleich angreifen. Charles sehnte sich als junger Mensch oft nach der Anerkennung seines Vaters und bekam Kritik - diese Sehnsucht hat er bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn keine glücklichen Momente?

Mayer: Doch. Er hatte eine sehr enge Beziehung zu seiner Großmutter, Queen Mum. Einige wenige Highlights waren die Schulferien, wenn die Familie auf ihrem Schloss in Balmoral residierte. Das war einer der wenigen Momente, in denen die königliche Familie beisammen sein konnte, entspannt, versöhnt in der wundervollen schottischen Wildnis. Die Königsfamilie identifiziert sich nicht mit den Menschen in der Stadt, sondern ist eng verbunden mit Land und Natur. So wurden sie erzogen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Unterschied, dass die Windsors Landbesitzer und keine Bauern sind.

Mayer: Genau, aber die Königsfamilie lebt in einem Paralleluniversum. Sie leben auf dem Planeten Windsor, wo andere Regeln gelten.

SPIEGEL ONLINE: Eine Regel besagte lange, dass der Thronfolger bei seiner Partnerwahl nicht einfach die nächstbeste heiraten durfte. So landete Charles damals statt bei seiner großen Liebe Camilla bei Diana . Wobei Sie in Ihrem Buch schreiben, der Prinz habe am Abend vor der Hochzeit erhebliche Zweifel gehabt.

Mayer: Er haderte sehr und glaubte, es sei die falsche Entscheidung. Am Abend vor der Hochzeit sagte er seinen Freunden, er könne das nicht durchziehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat er es doch getan?

Mayer: Er dachte, wenn er die Hochzeit absagt, gäbe es eine Krise. So aber hat er die Krise nur verschoben…

SPIEGEL ONLINE: ... an deren Ende er wieder bei Camilla landete. Sie vergleichen das Leben auf Planet Windsor regelmäßig mit Monty Python . Warum?

Mayer: Weil es einfach so viele Momente des Absurden im königlichen Leben gibt. Ein Beispiel: Die Bediensteten in Clarence House, der Residenz von Charles und Camilla im Westen Londons, haben eine Art Wettbewerb. Wer kann sich am tiefsten verbeugen ohne umzufallen. Ich habe so viele Leute gesehen, die in ihrem Eifer sich einzuschmeicheln fast vorne übergekippt wären. Wenn Royals im Raum sind, werden normalerweise vernünftige Leute zu Bekloppten.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Sie zeichnen vom Hof auch noch ein anderes Bild: Intrigengeplagt, funktionsgestört - sie vergleichen Clarence House mit den Zuständen am Hof von Heinrich VIII., wie die Autorin Hilary Mantel sie in "Wolf Hall" beschreibt.

Mayer: Das liegt daran, dass es dort viele Spannungen und Belastungen gibt. Hinter den Kulissen kocht es gewaltig. Für Charles arbeiten sehr viele talentierte Leute. Doch Charles denkt, der beste Weg von seinen Angestellten gute Resultate zu bekommen, sei sie in Konkurrenz gegeneinander zu stellen. Er weiß schlicht nicht, was es bedeutet, irgendwo angestellt zu sein. Aber so geht viel Energie darauf verloren, dass sie sich gegenseitig bekriegen - anstatt als Team zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen nah an Charles dran gewesen zu sein. Seine Berater haben jedoch erklärt, Sie hätten wesentlich weniger Zugang zu ihm und dem Leben am Hof gehabt, als Sie es darstellen.

Mayer: Ich habe in meinem Buch sehr transparent gemacht, wie viel Zugang ich hatte, weil ich genau diese Reaktion erwartet habe. Ich habe langjährige Freunde wie Emma Thompson gesprochen. Es gibt viele anonyme Quellen, Personen, die ich in meinen rund 20 Jahren Berichterstattung über die Windsors getroffen habe. Für die Biografie habe ich den Kronprinzen über ein halbes Jahr begleitet, zu privaten Abendessen, Spaziergängen, zu öffentlichen Terminen und ein Gespräch mit ihm geführt. Hier zeigt sich der Mechanismus unter den Angestellten: Sie haben sich gegen mein Buch gestellt, bevor sie es gelesen hatten, aus vorauseilendem Gehorsam. Weil sie Angst hatten, wenn sie es nicht täten, könnten sie in Schwierigkeiten kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt Charles damit klar, den Sie als so zerrissen und unsicher charakterisieren?

Mayer: Charles hat eine Rolle für sich gefunden. Er ist selbstsicherer, er weiß, wofür er steht. Er ist mit der Frau zusammen, die er liebt. Trotz des Treibens am Hof hat er es geschafft, eine riesige Wohltätigkeitsorganisation aufzubauen. Er hat einiges erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht zu viel, er wird regelmäßig für seine Einflussnahme kritisiert.

Mayer: Die Kontroverse wird es wohl immer um ihn geben. Charles versucht nachhaltig etwas zu verändern, zum Beispiel beim Klimaschutz, und will seine Position dafür nutzen. Als Thronfolger ist er jedoch traditionell zu politischer Neutralität verpflichtet. Und diese Grenzen überschreitet er gelegentlich .

SPIEGEL ONLINE: Ihnen zufolge ist Charles ein "Mann auf einer Mission", der auf dem Thron für einen Schock sorgen könnte.

Mayer: Er wird natürlich anders regieren als seine Mutter. Bei Charles wissen wir bereits, was er denkt, wofür er steht. Die Queen aber war 25, als sie den Thron bestieg. Sie hatte zu dem Zeitpunkt keine öffentliche Meinung, und sie hat dies in ihrer langen Regentschaft beibehalten.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist etwas Gutes?

Mayer: Die Queen zeigt keine Gefühle. Sie wird geliebt, weil sie so lange überdauert hat, und bis vielleicht auf ein paar schwierige Momente in ihrem Leben hat sie es gut gemacht. Die Leute lieben sie, weil sie eine mysteriöse Figur ist. Sie wissen nicht, wofür die Queen steht, deswegen können sie alles auf sie projizieren.

SPIEGEL ONLINE: Das macht irgendwie keinen Sinn.

Mayer: Nichts macht Sinn, wenn es um die Monarchie geht. Das ist ihre Magie. Und die Monarchie hat sich so wenig verändert in einer Zeit, in der sich alles ständig verändert. Das gibt ihr symbolische Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt wurde über einen Rücktritt der Queen zugunsten von Charles spekuliert.

Mayer: Nein, niemals. Die britische Königsfamilie glaubt nicht an das, was die niederländische Königin Beatrix getan hat. Das liegt daran, dass sie immer noch traumatisiert von der Abdankungskrise sind, als König Edward 1936 auf die Krone verzichtete, weil er eine zweifach geschiedene Amerikanerin heiraten wollte. Das war nach Meinung der Windsors die schlimmste Krise, die die Monarchie je hatte. Deswegen wollen sie nicht mit der Thronfolge herumspielen, egal was passiert. Die Queen könnte jedoch Charles zum King Regent machen, wenn sie zu alt zum Regieren wird. Sie wäre dann noch Königin, aber er würde die Geschäfte führen.

SPIEGEL ONLINE: Kann Charles das überhaupt?

Mayer: Ja, er muss jedoch seinen Hof in Ordnung bringen und sich der Moderne noch mehr anpassen. Hinter den Kulissen wird schon viel für den Thronwechsel vorbereitet. Nicht nur, um ihn einzuführen, sondern auch, um das Volk auf den Verlust vorzubereiten. Ich glaube, Charles wird mit offenen Armen auf dem Thron empfangen werden - als derjenige, der der Nation beim Trauern hilft.

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Seite 1
Enguerrand de Coucy 22.06.2015
1. Etwas verschrobener, aber sympathischer Typ,
der sich für Umweltschutzprojekte stark macht. Wenn Charlie kein König werden möchte, soll er er seinem Sohn den Patz lassen. Den würden die Monarchy-Fanboys- und girls doch offensichtlich sowieso lieber auf dem Thron sehen.
manni.baum 22.06.2015
2. Monarchie
Monarchie ist in der Gegenwart eine "sehr bizarre Veranstaltung" dazu passt eine sehr bizarre Erziehung.
fatherted98 22.06.2015
3. Hmmm...
...das Charles nicht gerade richtig tickt, konnte man ja schon bei der Vermählung mit der attraktiven Diana merken...die er wohl überhaupt nicht leiden konnte und stattdessen lieber mit der sehr sehr unattraktiven..Jetzt-Ehefau..rummachte. Wie auch immer...Monarchie ist in einem modernen Staatswesen völlig überflüssig...kein Mensch braucht diese Schmarotzer...deshalb wäre es gut, wenn Charles...sollte er König werden...die Initiative ergreifen würde und das eigene "Amt" abschaffen würde...damit täte er auch seinen Söhnen einen Riesengefallen...und den britischen "Untertahnen".
killthatcat 22.06.2015
4. der beste und treffendste satz im guten artikel ...danke
""""""Nichts macht Sinn, wenn es um die Monarchie geht."""
Zaphod 22.06.2015
5. Keine Könige?
Wer die letzten Bundespräsidenten betrachtet, wird kaum behaupten können, dass ein Bundespräsident zwangsläufig besser als ein König ist. Der König ist zwar nicht gewählt, steht aber daher auch über sämtlichem Parteienstreit. Immerhin kann ein König eine glaubhafte Identifikationsfigur für die Bevölkerung werden, da er die Bevölkerung ihr ganzes Leben lang begleitet und sie ihn. Außerdem ist ein König mit erheblich mehr Glamour behaftet als ein Bundespräsident mit einer mehr oder weniger banalen beruflichen Vergangenheit. Sicherlich wird in Deutschland nicht mehr so rasch die Monarchie eingeführt werden - aber die Abschaffung bestehender Monarchien muss auch nicht zwingend gefordert werden.
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