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70. Geburtstag des Thronfolgers: Prinz Charles wartet...

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Prinz Charles zum 70. Geburtstag Bitte warten

Von Prinz Charles lernen heißt: warten lernen. Niemand kann das besser als der ewige Thronfolger. Eine Verbeugung zum 70. Geburtstag.

Was haben Sie heute schon gewartet. Auf das Brot im Toaster, auf Ihr Kind, das die Straßenschuhe immer noch nicht anhatte, auf die Bahn.

Oder Sie warten noch. Auf Ihren Namen, der im Wartezimmer aufgerufen werden soll, auf Ihre Nummer, die im Fußballspiel eingewechselt werden könnte. Auf den einen Brief, auf den einen Anruf. Auf die eine kleine Geste Ihres Chefs. Auf ein neues Album von Rihanna.

Vielleicht warten Sie auf die Liebe Ihres Lebens, vielleicht auf ein Wunder. Oder darauf, dass der Autor dieses Textes Ihnen sagt, was das jetzt mit Prinz Charles zu tun hat.

Haben Sie noch etwas Geduld.

Warten hat keinen guten Ruf. Das mag daran liegen, dass warten sich meist wie eine Art Nichtaktivität anfühlt, die an Nichtorten stattfindet. Wer auf einen Studienplatz für Medizin wartet, studiert eben nicht Medizin. Wer im Stau steht, kommt nicht an. Im Warten liegt etwas Unerfülltes, Unerreichtes.

Das hat auch den Blick auf Charles, den Fürsten von Wales und Herzog von Cornwall, geprägt, den am längsten auf den Thron wartenden Kronprinzen Englands, der heute 70 Jahre alt wird. In den vergangenen Jahrzehnten wurde er mal zum Zeittotschläger runtergeschrieben, mal zum lebenslangen Zwangsarbeiter, zu einem, der sein Leben im Warten habe vergeuden müssen. Und davor hatte sich bei ihm schon der Selbstzweifel gemeldet. "Mein großes Problem besteht darin", sagte Charles mit 20, "dass ich nicht wirklich weiß, welche meine Rolle im Leben ist."

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Wer wartet, ohne zu wissen, wie lange, kann daran verzweifeln.

Doch Prinz Charles ist, gerade weil er im Warten so geübt ist wie kaum jemand, auch einer, von dem man lernen kann, das Warten mit Sinn zu füllen - was Charles selbst, mit dem Geld, das er hat, naturgemäß leichter fallen dürfte als den meisten Menschen; dennoch bietet er Inspiration.

Wer warten muss, kann die Zeit zum Beispiel nutzen, um andere Menschen zu treffen - in Charles' Fall wohl so viele wie selten in einem Leben. Wer wartet, kann sich vorab gut überlegen, wen er überhaupt treffen, wen er zur nächsten Party einladen will: Zu seiner vorgezogenen Geburtstagsfeier im Mai lud Charles etwa Mitglieder der Rettungskräfte ein, die nach dem Terroranschlag in Manchester vor einem Jahr vor Ort geholfen hatten. Als Donald Trump im Juli nach England kam, traf Charles sich nicht mit ihm.

"Besser als Sex"

Wer wartet, kann sich auf die Reise machen. Kann (statt auf die neue Rihanna zu warten) in Kanada neue Musik entdecken; wie Camilla und Charles, sichtlich amused, im vergangenen Jahr den Katajjaq, einen Kehlkopfgesang der Inuit . Wer wartet, kann auf der Straße tanzen , sagen wir: im neuseeländischen Christchurch. Und er kann die eigenen Tanz-Moves so intensiv trainieren, dass Schauspielerinnen wie Emma Thompson irgendwann behaupten, mit einem zu tanzen sei "besser als Sex" .

Wer wartet, kann sich aber auch an den Schreibtisch setzen und auf der To-do-Liste abhaken, was schon lange rumliegt: alte Rechnungen zum Beispiel. Und seien es Rechnungen, die seit mehr als 350 Jahren fällig sind, wie eine von Charles' Urahn Karl II., der von ihm in Auftrag gegebene Uniformen nie bezahlt hatte.

Wer wartet, hat endlich mal die Zeit, ein paar Briefe zu schreiben: Charles' krakelige, an Minister verfasste Black-Spider-Memos sind in Großbritannien berühmt-berüchtigt.

Wer wartet, hat nicht nur Zeit, so manchen Spleen zu kultivieren - etwa den, so das Gerücht, dass Charles auf Reisen immer auch ein Zimmer nur fürs Briefeschreiben brauche. Wer wartet, hat auch Zeit, seinen Geschmack zu festigen und sich mit modernen Architekten anzulegen, indem er geplante Londoner Bauten mit monströsen Karbunkeln "im Gesicht eines sehr geliebten und eleganten Freundes" vergleicht .

Später sagte Charles hierzu: "Ich wollte dieses Land nicht unter einer Flut von Hässlichkeit verschwinden sehen." Wer wartet, hat auch viel Zeit, sich den schönen Dingen zu widmen. Kann Aquarelle malen. Kann Shakespeare auswendig lernen. Oder seinen Enkelkindern mit unterschiedlichen Stimmen "Harry Potter" vorlesen .

Wer wartet, kann sich in Gefilde vortasten, die neu sind. Kann, wie das "Time Magazine" mal schrieb, zum "royalen Aktivisten" werden und sich in dieser gefundenen Rolle schon für den Klimaschutz und biologischen Landbau einsetzen, wenn das noch nicht en vogue ist und die Boulevardpresse über einen schreibt, man sei ein "Öko-Freak, der im Schneidersitz auf dem Thron sitzt und Müsli isst".

Klingt zumindest besser als Abwarten und Tee trinken.

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