Prinz im Irak "Im Ernstfall wird sich ein Personenschützer vor Harry werfen"

Ein Royal zieht in den Krieg: Prinz Harrys Irak-Einsatz steht kurz bevor. Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, was den 22-Jährigen zu der gefährlichen Mission treibt - und was die Queen erwartet.


SPIEGEL ONLINE: Prinz Harry liegt mit seinem Stationierungs-Wunsch nicht gerade im Trend: Die Briten ziehen im Südirak bald 1600 Mann ab. Welches Signal geht vom Einsatz eines Royal im Irak-Krieg aus?

Seelmann-Eggebert: Zunächst sollte man nicht vergessen: Harry ist Berufssoldat, im Gegensatz zum Beispiel zu seinem älteren Bruder William. Sobald man Harry als Berufssoldat akzeptiert, akzeptiert man auch, dass er als junger Offizier diese Art von Dienst versieht. Das ist seinem Onkel Prinz Andrew im Falkland-Krieg genauso passiert. Harrys Einsatz schafft also keinen Präzedenzfall.

SPIEGEL ONLINE: Die Mehrheit der Briten steht dem Irak-Krieg kritischer gegenüber als damals dem Falkland-Krieg.

Seelmann-Eggebert: Die öffentliche Stimmung hat sich allerdings erst in den vergangenen Monaten gewendet. Ursprünglich ist man mit ähnlichem Hurra in den Irak gezogen wie die Amerikaner. Das Problem bei Harry ist mehr der Einsatz an sich: Der Prinz befehligt eine Einheit von zwölf Mann, die allein schon deshalb besonders gefährdet sind, weil sie in seiner unmittelbaren Nähe Dienst tun. Das Risiko ist groß. Alle werden froh sein, wenn er heil wieder zu Hause ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Medieninteresse am prominenten Soldaten ist schon jetzt enorm. Wie genau wird die Öffentlichkeit über Harrys Fronterfahrung unterrichtet sein - sofern er an die Front kommt?

Seelmann-Eggebert: Es wird eine große Geheimhaltung geben. Diejenigen, die Harry im Irak nach dem Leben trachten, werden ihn nur schwer ausmachen können. Das Verteidigungsministerium wird mit den Medien äußerst vorsichtig umgehen, insbesondere jetzt nach der Festsetzung der 15 Soldaten im Iran. Es wird einige Bilder des Prinzen geben, aber auch die werden vom Ministerium handverlesen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwartet Harry: Schreibstube oder Grenzpatrouille?

Seelmann-Eggebert: Man wird ihn nicht dorthin schicken, wo es besonders brenzlig ist. Harry ist immerhin die Nummer drei der Thronfolge. Die Schreibstube wird man ihm aber auch ersparen, weil ganz klar ist, dass er das nicht will. Er will innerhalb seines Regiments keine Sonderrolle.

SPIEGEL ONLINE: Hatten neben Ministerium und Familie auch PR-Strategen ein Mitspracherecht bei der Entscheidung, den Prinzen in den Irak zu schicken?

Seelmann-Eggebert: Das glaube ich nicht. Seit Thronfolger Charles und seine Ehefrau Camilla nach Dianas Tod in der Öffentlichkeit rehabilitiert sind, spielen diese Imageberater keine große Rolle mehr. Ich denke eher, dass Charles und die Königin intensiv an den Gesprächen beteiligt waren. Letztere in doppelter Funktion: Sie war als Großmutter sicher nicht erbaut darüber, dass Harry in den Irak geht - und als Königin wird sie sagen: Sorgt dafür, dass er da heil wieder raus kommt. Ich möchte nicht Harrys Vorgesetzter sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird der Prinz geschützt?

Seelmann-Eggebert: Da er niemanden aus seiner "Royal Protection Group" mitnehmen kann, die für den Personenschutz der Royals zuständig ist, wird wohl immer ein Offizier abgestellt sein. Er muss aufpassen, dass Harry die Grenzen seines Auftrages nicht überschreitet - und sich im Ernstfall in kugelsicherer Weste vor ihn werfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Ego-Trip von "Heißsporn Harry" oder die Identitätssuche eines Party-Prinzen? Was treibt ihn in den Krieg, wie tickt er?

Seelmann-Eggebert: Der Grund, wieso Harry als Teenager mehr als sein Bruder aus dem Gleis lief, hat sicher auch mit dem frühen Verlust der Mutter zu tun. Das Verhältnis zwischen ihm und Diana galt als besonders eng. Ich glaube aber, dass Harry über kurz oder lang zur Vernunft kommt. Dazu wird auch der Irak-Einsatz das Seine beitragen. Es ist ein Unterschied, ob man mal im Manöver unterwegs ist oder tatsächlich die Büchse knallen hört und weiß, dass es einen jederzeit treffen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet dieser Kriegs-Einsatz im Hinblick auf Harrys wenig definierte Rolle innerhalb der königlichen Familie?

Seelmann-Eggebert: Die jungen Royals haben kapiert, dass sie in einer Leistungsgesellschaft leben. Diesem Druck entgehen auch Prinzen nicht. In dem Augenblick, in dem man das Gefühl hat, man leistet nichts, gefährdet man das gesamte System - das heißt die Krone. Der Prinz weiß: Man braucht heute keine Revolution mehr, um ein Königshaus zu entsorgen, das kann per Parlamentsbeschluss innerhalb von Wochen über die Bühne gehen. Viktoria von Schweden macht eine komplette Diplomatenausbildung. Prinz William muss als Soldat durch alle Truppenteile, macht einen Hochschulabschluss. Prinz Harry geht in den Irak. Das Leben als Royal, als Mitglied der Thronfolge bietet heute eben noch weniger Spaß als früher.

Das Interview führte Patricia Dreyer



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