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Rassismus in der Modewelt: Schwarze Schönheiten, weiße Armeen

Foto: TIMOTHY A. CLARY/ AFP

Rassismus in der Modeindustrie Demonstrativ weiß

Rassismus in der Modeindustrie? In der Szene verschweigt man das Thema gern, Fakt ist aber: Auf Schauen und in Anzeigen sind kaum dunkelhäutige Frauen zu sehen. Das hat auch mit dem boomenden Modemarkt in Asien zu tun.
Von Gesa Mayr

Hamburg - Vor den Herbst-Modeschauen in New York 2008 ermahnte Designerin Diane von Fürstenberg ihre Kollegen. Sie wolle auf den Laufstegen mehr kulturelle Vielfalt sehen, schrieb die Präsidentin des Council of Fashion Designers of America an Designer, Modelagenturen und Casting-Agenten. Mehr Sensibilität, bitte. Und mehr Multikulti. Die "Vogue" griff das Thema unter der Überschrift "Ist Mode rassistisch?" auf, veröffentlichte noch im gleichen Jahr eine Ausgabe mit ausschließlich schwarzen Models.

Und heute? Fünf Jahre nach Fürstenbergs Aufruf scheint die Mahnung verhallt, nach wie vor marschieren weiße Frauen im Einheitslook die Laufstege hinunter. Selbst aus den sonst schweigsamen, wenig kritikfähigen eigenen Reihen gibt es: Kritik. "Ich habe den Eindruck, dass die Dior-Besetzung so demonstrativ weiß war, dass es vorsätzlich schien", zitiert "Buzzfeed"  den bekannten Casting-Agenten James Scully, der für große Namen wie Lanvin, Stella McCartney und Tom Ford arbeitet. "Ich sehe mir diese Schau an und es stört mich - ich kann mich kaum auf die Kleidung konzentrieren wegen des Casts."

"Fast nichts hat sich verändert", schreibt auch die "New York Times" . Im Gegenteil: Immer weniger schwarze Models sind bei den Schauen zu sehen.

Zuletzt führte das Blog "Jezebel" eine Strichliste . Die Mode bei den Schauen in New York im Frühjahr 2013 wurde zu 82,7 Prozent von weißen Frauen präsentiert. Nur sechs Prozent wurde von schwarzen Models vorgeführt. Das sind sogar noch einmal zwei Prozent weniger als bei den Schauen davor. Lateinamerikanerinnen sind laut "Jezebel" zu zwei Prozent vertreten. Einige Label wie Belstaff, Calvin Klein und Juicy Couture verpflichteten für ihre neuen Kollektionen demnach kein einziges schwarzes Model.

Blick nach Fernost

Dunkelhäutige Frauen werden mit dem Satz abgelehnt: "Wir haben unser schwarzes Mädchen bereits gefunden." Das bekommt selbst Chanel Iman zu hören, wie sie in einem Interview mit der britischen "Times" berichtete. Die 22-Jährige gilt als gefragtes Model, läuft für Branchengrößen wie Victoria's Secret und schmückte bereits mehrere "Vogue"-Titel.

Dass Prada im Juli die 19-jährige Malaika Firth auf seine Werbeplakate setzte, war auch außerhalb der Branche eine Meldung. Das letzte Mal, dass einer Schwarzen diese Ehre zuteil wurde, war fast vor 20 Jahren. Es war Naomi Campbell. Stylist Edward Enninful vom "W Magazine" sieht in den monotonen Castings das Ergebnis einer "sehr eurozentrischen Ästhetik, die die vergangenen zehn Jahre dominiert hat".

Die Modebranche blickt bei ihrer Suche nach Kunden mehr und mehr gen Osten. Zunehmend werden asiatische und slawisch aussehende Typen gebucht - um die zahlungskräftigen Kunden etwa in Russland oder China anzusprechen. Laut der Statistik von "Jezebel" liegt der Anteil asiatischer Models mittlerweile bei 9,1 Prozent - immerhin, so hoch war der Anteil schwarzer Models in den vergangenen fünf Jahren nicht.

Wenn die Jahre eines gezeigt haben, dann dass die Modewelt unfähig ist, sich selbst zu regulieren. Die Branche, die seit Jahren nicht von ihren 42-Kilo-Mannequins wegkommt. Spitzfindige Casting-Agenten wie die von Calvin Klein begründen ihre hellhäutigen Laufsteg-Casts mit zu wenig Auswahl. Es gebe eben nur eine handvoll professioneller schwarzer Models, zitiert die "New York Times" mehrere Agenten.

Social-Media-Kampagne bei den Herbst-Schauen

Offenbar hat die Szene auch abseits der Laufstege ein Rassismusproblem. André Leon Talley wunderte sich vor kurzem in der "Vanity Fair", warum er nie Chef eines größeren Modemagazins war. Ja, warum eigentlich, Talley war der Fashion-Redakteur der US-"Vogue" und Juror bei "America's Next Topmodel". Seine Hautfarbe könne da durchaus eine Rolle gespielt haben, sagt er. "Welche farbige Person kennen Sie, die eine solche Position hat - Mann oder Frau?"

Da müsse sich was ändern, und die Veränderung müsse erzwungen werden, findet das afroamerikanische Ex-Model Bethann Hardison. Bereits 2008 setzte sie sich für mehr schwarze Models auf Laufstegen ein, organisierte Diskussionsrunden. Nun will sie einen Schritt weiter gehen. Für die Schauen im September plant sie eine Social-Media-Kampagne. Designer, die nur weiße Models buchen, sollen entlarvt werden. "Ich frage mich, ob die Konsumenten sich den Kauf der Schuhe, Accessoires und Taschen dann nicht noch einmal überlegen."

Negative PR, Boykott, den Druck in der Öffentlichkeit erhöhen - Unterstützung bekommt Hardison von Kollegin und Freundin Iman, somalisches Ex-Supermodel und Ehefrau von David Bowie. "Es fühlt sich so an, als müsste man in diesen Zeiten eine wirklich harte Linie ziehen, so wie in den Sechzigern", sagte die 58-Jährige der "New York Times". "Man müsste sagen, wenn ihr keine schwarzen Models einsetzt, dann boykottieren wir."

Die Modeindustrie sperrt sich, keine große Überraschung. Nun soll die Revolution aus den sozialen Netzwerken kommen - wieso nicht? Raf Simons, Chef-Designer im Hause Dior, castete nach massivem Protest im Internet ein farbenfrohes Ensemble. Seine Herbstkollektion wurde von sechs schwarzen Models präsentiert.

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