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06. Juli 2009, 13:05 Uhr

Run auf Jackson-Trauerfeier

"Ich muss einfach dabei sein"

Aus Los Angeles berichtet

Der Andrang ist gigantisch, und manche nehmen gewaltige Strapazen auf sich: Hunderttausende Fans von Michael Jackson aus aller Welt werden in Los Angeles erwartet, um Abschied von ihrem Idol zu nehmen. Was sie zu sehen bekommen, ist aber noch völlig unklar.

Los Angeles - Schwül flimmert die Luft, und das Mädchen bleibt alle paar Minuten stehen, um ihr Gesicht mit Wasser abzukühlen. Sechs Meilen ist sie schon gelaufen, fast zehn Kilometer, fünf liegen noch vor ihr, die kalifornische Mittagssonne knallt ihr direkt auf den Kopf. Ihr Oberteil ist längst durchgeschwitzt, der Rock wirft Falten.

Neben dem Mädchen stoppen Autos auf der einsamen Landstraße, fünf haben schon angeboten, es mitzunehmen, doch Cécile will davon nichts wissen. "Mir ist es wichtig, bis zum Ende zu laufen", sagt sie und hält das Schild fest umklammert, auf dem sie Michael Jackson in silbernen Buchstaben ihre ewige Liebe versichert. Dann nimmt sie noch einen Schluck aus der Wasserflasche.

Cécile stammt aus Genf, seit drei Jahren reist sie Michael hinterher, "einmal hätte ich ihn fast getroffen, wenn nicht mein Flieger zu früh abgeflogen wäre". Als sie von seinem Tod erfuhr, "da hat es mich innerlich fast zerrissen". Sie stieg in die nächste Maschine, schlug sich durch bis nach Los Olivos, der entlegenen kalifornischen Weinstadt, ganz in der Nähe von Neverland, dem Ranch-Refugium des verstorbenen "King of Pop".

"Doch die letzten Meilen will ich laufen", sagt Cécile im Straßenstaub. Eigentlich müsste sie daheim in der Schweiz sein, sie hat gerade die Schule abgeschlossen, eine Projektarbeit wartet. "Aber darum kann ich mich jetzt nicht kümmern, ich muss erst einmal diese Nachricht verarbeiten."

Ihr Plan: Ein paar Stunden auf der Ranch, dann will sie zurück nach Los Angeles. Sie hat sich um Tickets bemüht für das Michael-Jackson-Abschiedskonzert im Staples Center am Dienstagvormittag: Gleich fünfmal auf der Website, immer unter einem anderen Namen, auch die E-Mail-Adressen von Schwester und Bruder gab sie an. "Ich muss einfach dabei sein", sagt sie.

Leider stehen die Chancen für die Pop-Pilgerin denkbar schlecht. Rund 1,6 Millionen Menschen haben sich weltweit elektronisch für Tickets vormerken lassen. Doch nur 8750 von ihnen hatten Glück und erfuhren am Sonntagabend, dass sie jeweils zwei Eintrittskarten bekommen. Doch von ihnen erhalten gar nicht einmal alle Einlass ins Staples Center im Zentrum von Los Angeles, in dem das Konzert stattfinden soll.

6500 dürfen nur in das angrenzende Nokia Theatre, in dem das Spektakel auf Leinwänden übertragen wird. Vor der Verlosung wollen die Verantwortlichen von AEG, dem Betreiber des Staples Center, alle doppelten Mail-Eingänge aussortieren. Schlechte Aussichten also für Cécile.

Auch sonst sind die Sicherheitsvorkehrungen ungewöhnlich streng. In der E-Mail an Journalisten, die zugelassen wurden, heißt es: "Die Ausweise sind nicht-übertragbare blaue Armbänder. Jeder zerrissene, geklebte oder sonst beschädigte Ausweis ist ungültig."

Die Veranstalter geben sich alle Mühe, die Jackson-Gedenkfeier nicht zu einem Massenspektakel ausufern und sie nicht nach einer Kommerz-Veranstaltung aussehen zu lassen - obwohl es sicherlich eine lukrative CD oder eine DVD des Spektakels geben wird. Tim Leiweke, AEG-Vorstandsvorsitzender, warnt Ticket-Händler: "Wer auch immer diese Trauer ausnutzen will, um Profit zu erzielen: Schämen Sie sich!" Eine Übertragung auf Großbildschirmen wird es ebenso wenig geben wie einen Trauerzug oder eine öffentliche Aufbahrung. "Schauen Sie sich das Spektakel am besten im Fernsehen an", sagt Jan Perry, Abgeordnete der Stadt Los Angeles.

Star-Moderatoren auf dem Weg nach L. A.

Das wird leicht möglich sein: Die US-TV-Sender ABC, NBC, CBS, CNN, MSNBC, E! übertragen live, ihre Star-Moderatoren sind auf dem Weg nach Los Angeles.

Was sie genau zeigen können, ist aber noch immer unklar. Die Jackson-Familie hüllt sich dazu ebenso in Schweigen wie ihre vielen PR-Berater. Angeblich soll die Abschiedsfeier laut Berichten rund 90 Minuten dauern, geraunt wird über Auftritte von Stars wie Jennifer Hudson, Usher oder Stevie Wonder.

Andere prominente Jackson-Freunde dürften sich um einen letzten Tribut reißen - immerhin könnten bis zu eine Milliarde Menschen weltweit zuschauen. Madonna hat bei einem Konzert am Wochenende in London schon einmal vorgemacht, wie man dem "King of Pop" huldigt: Sie ließ einen Jackson-Imitator dessen berühmteste Tanzschritte aufführen und bat das Publikum um Applaus für "einen der größten Künstler, den die Welt je gesehen hat: Michael Jackson. Lang lebe der König". Die Zuschauer tobten.

Weiträumig abgesperrt

Doch auch gewöhnliche Fans wollen ihre Zuneigung zeigen, allen Warnungen zum Trotz. Die Polizei in Los Angeles schätzt, dass bis zu eine Million Menschen versuchen könnten, das Staples Center zu erreichen, obwohl dieses weiträumig abgesperrt werden dürfte. Andere belagern bereits den Forest-Lawn-Friedhof in Hollywood Hills, auf dem Jackson vermutlich im Familienkreis beigesetzt werden soll.

Der Friedhof schmiegt sich sanft in die Hügel der Filmstadt, mit wunderbarem Blick auf Los Angeles und die großen Filmstudios. Viele Größen der Glitzer-Metropole sind hier begraben: von Bette Davis über Buster Keaton bis Stan Laurel. Doch um sie wird nicht viel Rummel veranstaltet. Hinweise auf die Ruhestätten der toten Promis sucht man vergeblich.

Mit der Ruhe könnte es mit Jacksons Ankunft vorbei sein - nicht nur wegen des 25.000 Dollar teuren vergoldeten und mit königsblauem Samt ausgeschlagenen Bronzesarges, in dem er angeblich bestattet werden soll. Die hässlichen Schlagzeilen um das komplizierte Sorgerecht für Jacksons Kinder setzen sich ebenso fort wie die Spekulationen um dessen Medikamentenabhängigkeit.

Laut "Los Angeles Times" wurden gerade drei Durchsuchungsbefehle gegen Doktoren erlassen, die Jackson betreut haben sollen - unter anderem wegen des Verdachts, ihm das starke Betäubungsmittel Propofol verschrieben zu haben, das in seinem Haus gefunden wurde.

Vor allem prominente Afro-Amerikaner versuchen das Augenmerk auf Jacksons musikalisches Vermächtnis zu lenken. Der ehemalige US-Außenminister Colin Powell sagte CNN: "Klar, es gab ein paar Kontroversen um ihn. Aber nun lasst uns seine Kunst feiern." Musikproduzenten-Legende Quincy Jones, der mit Jackson das "Thriller"-Album schuf, schrieb in der "Los Angeles Times": "Ich verspreche euch: In 50, 75 oder 100 Jahren wird man sich nur an seine Musik erinnern."

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