Scorpions-Sänger Klaus Meine "Zeit für einen neuen 'Wind of Change'"

Klaus Meine sieht 30 Jahre nach dem Mauerfall Bedarf für eine neue Friedenshymne: "Die Welt verändert sich gerade, aber nicht unbedingt in einem positiven Sinne." Das bereitet dem Scorpions-Sänger Sorgen.

Klaus Meine: "Man hat das Gefühl, überall werden die Uhren rückwärts gedreht"
MAURO PIMENTEL /AFP

Klaus Meine: "Man hat das Gefühl, überall werden die Uhren rückwärts gedreht"


"Es ist ganz sicher Zeit für einen neuen 'Wind of Change'", sagt Scorpions-Sänger Klaus Meine. Die Hoffnung auf eine friedlichere Welt sei heute noch genauso aktuell wie vor 30 Jahren.

"Der Ton in ganz Europa ist rauer geworden. Die Welt verändert sich gerade, aber nicht unbedingt in einem positiven Sinne", sagte der 71-Jährige vor einem Konzert in Moskau. Ein neues Friedenslied sollte deshalb in erster Linie von der jungen Generation kommen.

Sorgen bereitet Meine vor allem der aggressive Ton, der im normalen Leben und auch im Internet immer alltäglicher werde. "Man hat das Gefühl, überall werden die Uhren rückwärts gedreht, auch mit den ganzen Bewegungen, die wir in Deutschland erleben: die Rechten, die AfD." Natürlich hätten sich nicht alle Hoffnungen nach der Wiedervereinigung 1990 erfüllt, sagte Meine. "Aber vielleicht dauert es auch noch Generationen, damit dieses vereinte Deutschland auch emotional eine ganz normale Realität wird."

An den Tag des Mauerfalls, den 9. November 1989, erinnere er sich noch ganz genau, sagte Meine. Nach einem Konzert in Paris sei die Rockband zu einem Abendessen eingeladen worden. Im Fernsehen hätten die Musiker Bilder gesehen, wie die Menschen auf der Berliner Mauer tanzten. "Wir haben uns natürlich in diesem Moment nichts sehnlicher gewünscht, als in Berlin zu sein."

Dass dies so friedlich verlief, sei vor allem dem damaligen sowjetischen Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow zu verdanken. Den Friedensnobelpreisträger traf Meine auch vor seinem Moskau-Konzert zu einem Gespräch. In den kommenden Wochen spielen die Scorpions im Rahmen ihrer "Crazy World Tour" unter anderem Konzerte in der Ukraine und in Weißrussland.

"Soundtrack zu Glasnost und Perestroika"

Er selbst habe damals nicht damit gerechnet, dass "Wind of Change" als sogenannte Hymne der Wiedervereinigung zu einem Welthit wird. "Als Autor hat es mich total überrascht, dass es sich so verselbstständigt hat und plötzlich den Mantel der Geschichte trug", sagte Meine. Das Lied sei fast zum Soundtrack dieses historischen Moments geworden. "Das lag aber nicht an einem genialen Marketingplan. Die Menschen haben die Power und die Message darin total in ihren Herzen empfunden."

Meine hat das Lied im Spätsommer 1989 komponiert - also noch Wochen vor dem Mauerfall. Damals war die Gruppe als eine der ersten ausländischen Bands in der Sowjetunion beim "Moscow Music Peace Festival" aufgetreten und dort von den Fans gefeiert worden. Nach einer Bootsfahrt auf dem Fluss Moskwa in der Hauptstadt sei ihm die Idee zu "Wind of Change" gekommen, so der Sänger. "Es ist deshalb kein Song über Berlin, sondern über Moskau", sagte Meine. Er sei inspiriert worden vom politischen und gesellschaftlichen Wandel der Achtzigerjahre. "Es ist vielmehr der Soundtrack zu Glasnost und Perestroika."

Erst im Jahr 1990 wurde das Album "Crazy World" veröffentlicht und schließlich "Wind of Change" einige Monate später als Single zum Welterfolg. Mit dem Lied halten die Scorpions, die 1965 in Niedersachsen gegründet wurden, den Rekord für die meistverkaufte Single einer deutschen Band auf der Welt. Obwohl "Wind of Change" erst später veröffentlicht wurde, wird das Lied mit dem Mauerfall assoziiert und gilt als globale Friedenshymne. Inzwischen haben die Scorpions insgesamt mehr als 110 Millionen Platten weltweit verkauft.

wit/dpa

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Z_A_P_P_A 06.11.2019
1. "Zeit für einen neuen 'Wind of Change'"
... nur bitte nicht von den Scorpions, deren frühe Platten ich geliebt, die ich Mitte der Achtziger in Budapest live erlebt und deren späteren Change zu Schmuserockern ich schon etwas als Verrat am Rock'n Roll empfunden habe. Mein Vorschlag : Lady Gaga, weil maistreamig und trotzdem mit ner Menge street credibility unterwegs. Peace!
syt 06.11.2019
2. Jede Musikrichtung ,
die für Frieden und zusammenhalt der Völker,der Rassen ,der Menschen auf dieser Welt beiträgt ,ist willkommen.
Velbert2 06.11.2019
3. Veränderung
"Die Welt" verändert sich ständig, seit es sie gibt. Das ist eine Binsenwahrheit nach dem Motto: "Das einzig Beständige ist der Wechsel".
ruuben 06.11.2019
4.
Man muss halt das Glück haben, dass sein Lied mit einem großen Ereignis in Verbindung gebracht wird. Bei Wind Of Change war es ja wenigstens zeitlich passend. Aber man Erinnere sich an Only Time von Enya. Das ist von 1988! und kein Mensch kannte es. Dann hat es irgendwer mit 9/11 verknüpft...
Knossos 06.11.2019
5.
Wieder Beispiel leerer Signifikanten oberflächlichen Zeitgeistes. Richtig: Aus verschiedenen Auswirkungen privilegierter Unersättlichkeit heraus, decken sich die Tische kleiner Leute immer karger, was Nationalismus und Kettengerassel wieder Vorschub verleiht. Doch bleibt, was sich nun im Rückblick wie friedliche Zeit ausnehmen soll eine fragliche, wenn essentieller Gedanke durchdringt, ob es Frieden entspricht, wenn Mehrheiten dazu angehalten sind, Lebenszeit, Energie und Gesundheit im Hamsterrad für mageres Salär aufzuwenden, damit durchlauchte Kreise eingestrichene Gewinne und Existenzen auf perverse Weise verschleudern. Mehr aber noch werden die verheerenden sozioökonomischen Umstände sehr bald bedeutungslos sein, sobald ihre Auswirkungen als Massensterben und den Karst auf Erden sich auch für Herrn Meine unübersehbar gestalten. Einst zu Hintergründen der Gorbi-Romatik nicht im Bilde, könnten die Scorpions wenigstens dieser Tage soweit up-to-date sein, in einem aktuellen "Wind of Change" pathologische Raffgier dilierender Oberschichten zu thematisieren, die dabei sind, einst vor Leben strotzenden Lebensraum blindlings und unbeirrt in eine Marslandschaft zu verwandeln. Denn dieses Mal wird keine Blauäugigkeit ausreichen, um wie im Fall ehemaliger SU über geleimte Völker nach dem Raub von Volksvermögen und Installation eines Staates in Händen Billionen schwerer Mafiaclans hinwegzusehen. Nicht erst zu reden von jenen 'freiheitlichen Helden', die Gorbatschov durch leere Versprechen verleiteten, und den Millionen Toten und Verwüstungen, die sie allein schon seitdem international angerichtet haben.
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