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07. Dezember 2008, 14:34 Uhr

Society

Das lange Sterben der Sunny von B.

Sie war reich, schön und eine der tragischsten Figuren des Jetset: Die US-Millionärin Sunny von Bülow ist tot. 28 Jahre lang lag sie nach einer Medikamenten-Überdosis im Koma. Ihr Ehemann stand wegen Mordversuchs vor Gericht. Nachgewiesen wurde ihm die Tat nie.

New York - Sie wurde 76 Jahre alt, doch eigentlich endete ihr Leben schon vor langer Zeit. Die amerikanische Millionenerbin Martha "Sunny" von Bülow ist tot - nachdem sie fast drei Jahrzehnte lang im Koma lag.

Die Geschichte, die sich um diese einstmals umschwärmte, reiche und schöne Frau rankt, ist tragisch - und kulminierte in einem spektakulären Mordprozess. Ihr Mann, der dänische Adlige Claus von Bülow, war angeklagt, Sunny eine Überdosis Insulin verabreicht und so das Koma seiner Frau herbeigeführt zu haben.

Im ersten Mordprozess befand ihn die Geschworenen-Jury für schuldig - die Revisionsverhandlung endete spektakulär mit einem Freispruch. Die Geschichte wurde in Hollywood verfilmt, Hauptdarsteller Jeremy Irons, der den unnahbaren, geheimnisvollen von Bülow spielte, erhielt einen Oscar.

Die lebensfrohe Sunny war über Jahrzehnte eine der Ikonen der internationalen High Society, eine Millionenerbin, die nach Hochzeiten mit Männern aus Europa einen alterwürdigen Namen trug.

Sie wurde am 1. September 1931 als Martha Sharp Crawford in Pittsburgh geboren. Ihr Vater, der Energieversorgungs-Milliardär George Crawford, starb, als sie vier Jahre alt war.

Auf einer Europareise 1957 lernte Sunny den Prinzen Alfred von Auersperg kennen - ein mittelloser Adeliger, der als Tennislehrer in einem österreichischen Hotel für reiche Amerikaner arbeitete. Sie heirateten im gleichen Jahr. 1965 kam die Scheidung, nachdem Martha alleine mit ihren beiden Kindern nach New York zurückgekehrt war.

Ein Jahr später heiratete sie von Bülow, einen Adligen deutsch-dänischer Herkunft, der danach seinen Job als Mitarbeiter des Öl-Milliardärs J. Paul Getty aufgab.

Die Ehe war schon bald zerrüttet, er legte sich eine Geliebte zu, sie suchte Trost in Alkohol und Medikamenten. Am Weihnachtsabend 1980 wirkte Sunny auf ihre Familie gesundheitlich angeschlagen, merkwürdig unkoordiniert und fahrig. Am nächsten Morgen fand man sie bewusstlos im Bett, im Krankenhaus wurde ihr Gehirntod festgestellt. Den Rest ihres Lebens, noch weitere 28 Jahre, vegetierte Sunny von Bülow vor sich hin, von Pflegern umsorgt.

1982 begann der Mord-Prozess gegen Claus von Bülow. Die Staatsanwaltschaft erklärte, Bülow habe seine Frau loswerden wollen, um an ihr Geld zu kommen und seine Geliebte heiraten zu können. Er habe "Sunny" darum 1979 und noch einmal 1980 Insulin gespritzt. Zu den Zeugen im Prozess gehörten der Schriftsteller Truman Capote und Joanne Carson, die Ehefrau des Fernsehmoderators Johnny Carson.

Die Verteidigung porträtierte Martha von Bülow als eine von Alkohol und Medikamenten abhängige Frau, die sich selbst ins Koma getrunken habe.

Claus von Bülows erbittertste Ankläger waren die Kinder aus der ersten Ehe seiner Frau, Prinzessin Annie Laurie von Auersperg-Kniessl und Prinz Alexander von Auersperg. Sie erneuerten 1985 ihre Vorwürfe gegen ihren Stiefvater - einen Monat nach dessen Freispruch in einem Zivilprozess.

Die gemeinsame Tochter Claus' und Marthas von Bülow, Cosima, heiratete einen italienischen Grafen und lebt heute wie ihr Vater in London. Das Paar hat drei Kinder, um die sich auch der Großvater Claus von Bülow kümmert.

Bülows ehemaliger Anwalt, der Harvard-Rechtsgelehrte Alan Dershowitz, der von Bülows Freispurch erwirkte und das Buch über den Fall schrieb, das als Grundlage für die Verfilmung diente, sagte zum Tode Sunny von Bülows: "Es ist das traurige Ende einer Tragödie, die einige Leute zu einem Verbrechen machen wollten. In einem solchen Fall gibt es keinen Gewinner. Ich bin froh, dass ich eine Rolle dabei spielte, dass die strafrechtliche Verurteilung aufgehoben wurde."

Martha "Sunny" von Bülow starb in einem Pflegeheim. Ihr Arzt sagte in einem der Prozesse aus, im ersten Jahr lagen die Pflegekosten bei 375.000 Dollar. In den Folgejahren sollen die Kosten ungleich höher gewesen sein - rund 500.000 Dollar pro Jahr.

Claus von Bülow hatte auf alle Ansprüche auf das Vermögen seiner Frau, das auf 25 bis 40 Millionen Dollar geschätzt wurde, verzichtet. Er stimmte einer Scheidung zu, verpflichtete sich, die USA zu verlassen und keinen Profit aus der Sensationsgeschichte zu ziehen.

pad/AP

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