Susan Sarandon zu G20 "Trump hört sowieso nicht zu"

Susan Sarandon ist politisch engagiert, gerade besuchte sie ein Flüchtlingsheim in Berlin. Im Interview sagt die US-Schauspielerin, was sie an Angela Merkels Stelle auf dem G20-Gipfel tun würde.

Susan Sarandon in Los Angeles (im März)
AP

Susan Sarandon in Los Angeles (im März)

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Die Frau kann echt gut Tischfußball spielen, findet Edison. Dass sie aus den USA kommt und irgendwie berühmt ist, interessiert ihn gerade null: Der Zwölfjährige ist voll konzentriert auf den kleinen, harten Ball, den er mit einem kurzen Handgriff übers Feld jagt. "Tooor", High five!

Susan Sarandon schlägt ein, freut sich, kurbelt weiter. 70 ist sie inzwischen, die Heldin aus "Thelma und Louise", und sieht kaum älter aus als damals, Anfang der Neunziger. Die Oscar-Gewinnerin ist zu Besuch im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf, einer Notunterkunft für Flüchtlinge im Westen Berlins. 2016 war sie schon mal hier, hat zwei Tischtennisplatten gespendet und erkundigt sich jetzt, ob diese auch genutzt werden. Ja, in einem abschließbaren Raum, zu dem sich die Kinder den Schlüssel holen können, erklären die ehrenamtlichen Helfer.

Susan Sarandon in der Berliner Flüchtlingsunterkunft
SPIEGEL ONLINE

Susan Sarandon in der Berliner Flüchtlingsunterkunft

Sie führen die Schauspielerin durch die Korridore des Gebäudes aus NS-Zeiten. Sporthalle, Kindergarten - Sarandon schaut sich alles genau an, stellt präzise Fragen, ist aufmerksam und zugewandt. "Was soll ich den Menschen in Amerika von euch ausrichten?", fragt sie die Bewohner.

Einige Jesiden berichten, sie fühlten sich bei Behördengängen benachteiligt, weil es kaum Übersetzer gebe. "Immer werden nur Versprechungen gemacht, aber keine erfüllt", sagt ein Mann mit müden Augen und fahler Haut. Das ewige Warten setzt ihm zu, das Warten auf Asyl, eine eigene Wohnung, darauf, dass sein Leben wieder ihm gehört.

Die Unterkunft geriet im Mai in die Schlagzeilen, als fünf junge Männer vor dem Gebäude und in der U-Bahn randalierten. Kurz darauf protestieren etwa 40 der insgesamt 925 Flüchtlinge - gegen das Essen, die unfreundliche Security, die Tatsache, dass man die Zimmer nicht abschließen kann, nicht selbst kochen und kein Essen mit aufs Zimmer nehmen darf.

Sarandon kennt solche Probleme, auch schlimmere, sie hat Flüchtlingscamps auf der griechischen Insel Lesbos besucht. "Zusammen zu kochen und zu essen ist für eine Familie ein existenzielles Bedürfnis. Es ist schwer, wenn das nicht möglich ist." Sie weiß aber auch, dass niemand Zehntausende Euro in die Installation von Küchen investiert, wenn klar ist, dass die Flüchtlinge Ende des Jahres das Gebäude verlassen müssen. Sie werden dann in andere Unterkünfte umziehen, in denen sie auch kochen können. "Wir wollen einfach nur raus hier", murmelt ein Mann.

"Die Wut der Bewohner ist absolut berechtigt. Man sagte ihnen, sie würden drei Monate hier leben, inzwischen sind es 22 Monate. Ihre Geduld ist erschöpft", sagt Holger Michel von der ehrenamtlichen Initiative "Freiwillige helfen im Rathaus Wilmersdorf". "Unterkünfte wie diese darf es für so lange Aufenthalte nicht geben, den Menschen wird das Recht auf Selbstständigkeit genommen."

Sarandon ist angetan vom Engagement der ehrenamtlichen Helfer. Beispielhaft sei das: "Ein Land ist stark, wenn die Schwächsten im Land stark sind." Sie engagiert sich seit Jahren für Menschen in Not, kämpft gegen die Todesstrafe, für die Rechte von Frauen und LGBT. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund, provoziert und irritiert auch mit unorthodoxen Ansichten.

Was denkt sie über den G20-Gipfel und die US-Politik? Fünf Bilder, fünf Fragen, fünf Antworten.

Sarandon wird 1982 bei einer Demo in New York festgenommen
Getty Images

Sarandon wird 1982 bei einer Demo in New York festgenommen

SPIEGEL ONLINE: Welche Form des Protests würden Sie wählen, wenn Sie auf dem Hamburger G20-Gipfel dabei wären?

Sarandon: Es ist wichtig, rauszugehen, an einer Demonstration teilzunehmen und mit anderen Menschen für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Mir gibt es viel Energie zu spüren, dass andere genauso denken wie ich. Der Kampf gegen Benachteiligung und Ungerechtigkeit erfordert einen langen Atem, die Dinge bewegen sich oft nur langsam in die richtige Richtung. Fast alle Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, beruhen auf Ungleichheit, der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich. Das und die Zerstörung unserer Umwelt, die Vergewaltigung des Planeten, sind die Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.

Donald Trump und Angela Merkel im März in Washington
REUTERS

Donald Trump und Angela Merkel im März in Washington

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump und Angela Merkel werden sich in Hamburg treffen. Was würden Sie dem US-Präsidenten sagen, wenn Sie die Kanzlerin wären?

Sarandon: Die beste Botschaft ist doch, dass Angela Merkel so würdevoll ist, gebildet und großzügig. Ihre Leistungen sprechen für sich selbst. Ich glaube, Trump hört sowieso nicht zu. Deshalb würde ich mir auch keine Gedanken darüber machen, was man ihm sagen könnte. Die Kanzlerin sollte einfach weiter das tun, was sie bisher gemacht hat - beispielhaft führen, wie in der Flüchtlingskrise.

Susan Sarandon und Geena Davis in dem Roadmovie Thelma & Louise"
ddp images

Susan Sarandon und Geena Davis in dem Roadmovie Thelma & Louise"

SPIEGEL ONLINE: In dieser Szene aus "Thelma & Louise" jagen Sie den Tankwagen eines aufdringlichen Truckers in die Luft. Haben Sie je einen ähnlichen Impuls gespürt, wenn es um Trumps "Pussy Grabbing" oder andere Übergriffe auf Frauen ging?

Sarandon: Nein, ich bin keine gewalttätige Person. Mit Gewalt erreicht man gar nichts. Als wir den Film gemacht haben, war es mir sehr wichtig, dass meine Figur Louise Antworten darauf sucht, warum Männer sich frauenfeindlich verhalten. Es ging nicht um Rache. Deshalb haben wir einen Dialog hinzugefügt, in dem Louise fragt: "Hast du keine Mutter? Hast du keine Schwester?" Die Figuren sollten nicht einfach die schlimmsten Aspekte des Mannseins kopieren.

"Pussy Grabbing" ist schrecklich, aber während sich die Welt im Oktober 2016 über Trumps Obszönitäten aufregte, wurden junge Frauen im Reservat Standing Rock festgenommen, weil sie gegen den Bau einer Pipeline demonstriert hatten. Sie wurden ausgezogen, mit Nummern markiert und in Käfige gepackt - aber kaum ein Mensch hat darüber etwas gelesen. Die Mainstream-Medien in den USA berichten über viele schreiende Ungerechtigkeiten gar nicht. Das macht mir Sorgen.

Trump mit "Time"-Cover
AFP

Trump mit "Time"-Cover

SPIEGEL ONLINE: Im US-Wahlkampf haben Sie Bernie Sanders unterstützt. Viel Ärger brachte Ihnen die Bemerkung ein, es käme einer Revolution gleich, wenn Donald Trump US-Präsident würde. Ist der Befreiungsschlag eingetreten?

Sarandon: Ja! Die Leute sind aufgewacht. Menschen, die sich nie mit Politik beschäftigt haben, haben ein Bewusstsein entwickelt, sie gehen zu Meetings, bringen sich ein, stellen unangenehme Fragen, fordern ihre Abgeordneten auf, Stellung zu beziehen. Vor allem die jungen Leute sind sehr leidenschaftlich, gut informiert, und nicht in Kontakt mit den alten Strukturen, das sind doch alles zumindest gute Zeichen. Unter Obama wurden viele Menschen abgeschoben und mehr Whistleblower verhaftet als je zuvor. Das wird vielen Liberalen erst jetzt bewusst. Bernie Sanders hat einen Gesetzentwurf eingebracht, um die Kosten für Medikamente zu senken. Mehrere Demokraten haben dagegen gestimmt. Diese Dinge muss man kritisieren.

Susan Sarandon und Senatorin Hillary Clinton, im Jahr 2006
imago/ ZUMA Press

Susan Sarandon und Senatorin Hillary Clinton, im Jahr 2006

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch behauptet, Hillary Clinton sei gefährlicher als Trump.

Sarandon: Ich habe sie als Senatorin unterstützt, aber als sie 2002 für den Krieg im Irak gestimmt hat, konnte ich nicht mehr mitziehen. Persönlich habe ich überhaupt nichts gegen sie. Wohl aber gegen ihre politischen Positionen und Schachzüge. Ihre Haltung zum Fracking ist fragwürdig, ebenso ihre Rolle in Libyen nach dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi. Darüber könnte ich noch Stunden reden. Aber lassen wir das.

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Seite 1
Krokodilstreichler 05.07.2017
1.
Mit meiner Familie zusammen kochen und essen kann ich auch nicht, und der Staat hat mir und vielen anderen jungen Leute leere Versprechungen gemacht, und wir durften und dürfen dafür noch ordentlich bezahlen. Wirklich gute Argumente bringt sie hier nicht an. Erfreulich ist aber die kritische Haltung gegenüber Clinton. Sanders wäre wirklich der bessere Kandidat und schließlich Präsident gewesen als Clinton.
epicurean7 05.07.2017
2.
Sie hat Jill Stein unterstützt. Damit wurde Trump gewählt. Diese Frau ist für Trump verantwortlich. Verlogen. Stein ist der Meinung es gebe keinen Unterschied zwischen Clinton und Trump. Diese beiden Damen wollten Trump.
bigmitt 05.07.2017
3. Eine tolle Frau und...
...Schauspielerin. Es ist wirklich eine Schande gewesen das die Standing Rock Proteste keinen in den Medien interessiert hat. Ihre Haltung zu Clinton ist absolut nachzuvollziehen . Mich hätte ihre Meinung zu dem DNC Lawsuit interessiert Es gibt eine Sammelklage von Bernie Sanders Anhängern gegen den Parteivorstand der Demokraten. Dieser hatte nachweislich Clinton bevorzugt und damit seine Neutralitätspflicht verletzt.
ohnesorge 05.07.2017
4. Ich finde es positiv, wenn es anstelle des üblichen Trump Bashings ...
tatsächlich aufgezeigt wird, was auch schon vorher in den USA schlecht lief. Bei uns gibt es leider auch viel schwarz-weiß Denken. Daher wurde zur Zeit Obamas bei uns kaum auf seine nicht wenigen politischen Fehlgriffe hingewiesen. Und vor der Wahl stellten die dt. Medien fast einhellig Hillary als die Gute hin....
henry.miller 05.07.2017
5.
Trump hin oder her, vergessen wir mal nicht Putin, Jinping, die Saudis und den möchtegern-Diktator Erdogan. Er redet zuviel, twitter die ganze Zeit und findet andere minderwertig. Immerhin kann man in den USA seine Meinung sagen. So nicht in China, Russland, den Emiraten und der Türkei.
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