Trennung von Thea und Thomas Gottschalk Ehe der Spaß vorbei ist

Mehr als vier Jahrzehnte waren Thea und Thomas Gottschalk verheiratet. Nun haben sie sich getrennt. Deshalb von einer gescheiterten Beziehung zu sprechen, offenbart ein antiquiert-naives Verständnis von Ehe.

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Spaß. Einfach: "Spaß". Das war Thomas Gottschalks gängige Erklärung, wenn man ihn nach dem Geheimnis seiner langen und glücklichen Ehe fragte. Fast fühlte man sich an den Freiherrn von Knigge erinnert, der 1788 über den "Umgang unter Eheleuten" schrieb: "Eine weise und gute Wahl bei Knüpfung des wichtigsten Bandes im menschlichen Leben, die ist freilich das sicherste Mittel, um in der Folge sich Freude und Glück in dem Umgange unter Eheleuten versprechen zu können". Spaß also.

Mit den Ehen der anderen ist das so eine Sache. Einen feuchten Kehricht gehen sie uns an, wir stecken nicht drin - und doch neigen wir dazu, unsere eigenen Beziehungen wie ein akkurates Lineal neben sie zu legen. Weshalb wir insgeheim darauf achten, wer wo "die Hosen anhat", wie gereizt oder auch liebevoll fremde Paare in der Öffentlichkeit miteinander umgehen. Wie's so läuft. Das gilt besonders für Paare, die schon von Berufs wegen "in der Öffentlichkeit" stehen.

Zumindest dem Blitzlichtgewitter haben Thea und Thomas Gottschalk sich in den Neunzigerjahren entzogen, auf die kalifornische Seite der Welt. Die Paparazzi blieben in ihren Ruderbooten auf dem Starnberger See und richteten ihre Objektive auf andere öffentliche Ehen, um die zuständigen Blätter mit Bildern von deren Scheitern oder Glücken zu versorgen.

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Thomas Gottschalk: Bilder aus mehr als 40 Jahren Ehe

Der Boulevard gibt zwar vor, die Angelegenheiten fremder Leute gingen ihn etwas an. Er steckt aber auch nicht drin. Darin liegt sein Kapital und sein Dilemma, weshalb er nur wenige Modi der Interpretation kennt.

Erstens die atemlose Spekulation, ob sich eine Beziehung anbahnt. Zweitens die tanten- oder onkelhafte Abscheulichkeit der zudringlichen Frage, ob sich da nicht "ein Bäuchlein wölbt" - solches flüstert vom Zauber des Anfangs und dynastischen Aussichten. Drittens werden langjährige Ehen abgeklopft und beäugt wie Autobahnbrücken, ob sich da nicht feine Risse zeigen - in diesem Fall liefern Seelenstatiker die tröstliche Erkenntnis, dass nichts ewig hält.

Fixes Sternbild der Verlässlichkeit

In der Berichterstattung über derlei Privatangelegenheiten geht es nur vordergründig darum, ob "wir" uns freuen können oder schockiert sein müssen. Tatsächlich werden Gründe für entweder Neid oder Häme geliefert.

Kaum also gibt es ein "Ehe-Aus" wie bei den Gottschalks, schon umschnuppern die üblichen Hyänen das Paar und üben sich in ihrer Lieblingsdisziplin, dem Heruminterpretieren an - tatsächlichen, angeblichen, vermeintlichen - Vorzeichen im Nachhinein. Bis die Schnellsten aus der Meute endlich "die neue Frau" zeigen. Der Klassiker also, alles klar.

Nun sind die Gottschalks in gewisser Weise wirklich ein Sonderfall. Selbst wer nicht ganz genau hingeschaut hat, konnte sie aus dem Augenwinkel als fixes Sternbild der Verlässlichkeit wahrnehmen. Sieh an, die sind auch noch zusammen! Tatsächlich waren sie das für fast ein halbes Jahrhundert, davon vier Jahrzehnte als Eheleute. Buchstäblich schillernd, hübsch komplementär und ziemlich unerschütterlich.

Eine Beglaubigung für die Ehe als Institution, wie man sich das vorstellt oder wünscht. Andere Leute bringen in 40 Jahren locker vier Ehen unter, diese währte länger als manch anderer Leute Leben. Thea und Thomas Gottschalk haben noch die rasantesten Veränderungen der Gesellschaft selbst überdauert und dabei noch zwei Kinder großgezogen. Das muss man ihnen erst einmal nachmachen. Und auch noch Spaß daran haben!

Moralischer Konservatismus "straigt outta Vatikan"

Wer angesichts dieser Bilanz die Beziehung nach 47 Jahren als "gescheitert" bezeichnet, dessen Vorstellungen vom Leben und der Liebe gehen über den Kinderspruch nicht hinaus: "Verliebt, verlobt, verheiratet". Und dann? Sichtbar wird hier ein moralischer Konservatismus "straight outta Vatikan". Es schwingt im vorgeblichen Bedauern über ihr Ende auch ein Verständnis von Ehe mit, das sich nur romantisch maskiert.

Wie, Thea und Thomas sind zwei erwachsene Menschen? Nein, wie schade! Ablesbar ist das auch am unterschwelligen Vorwurf, dass es sich um eine späte Trennung handelt. Gerade so, als hätten es die Eheleute nicht mehr weit gehabt bis - ja, bis wohin eigentlich?

1788 schrieb Knigge, wenn Menschen nicht gegenseitig dazu beitragen, "sich das Leben süß und leicht zu machen", dann sei das Leben "eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sklaverei". Hoffnung auf Erlösung gebe es nur, "wenn der dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht".

Rund jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Der Rest hat Spaß, bis der dürren Knochenmann mit der Sense kommt. Oder auch nicht. Geht uns einen feuchten Kehricht an.



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mumuwilli1975 19.03.2019
1. Meine Meinung
40 Jahre Ehe. Etwas, was ich nie haben werde oder haben wollte. 40 Jahre mit einem einzigen Mann. Nein danke. Mein Leben ist zu kurz, um alles an einen einzigen zu verschwenden. Aber jetzt werden die Konservativen wieder aus dem Loch gekrochen kommen...
hjcatlaw 19.03.2019
2. Wenn Herr Frank
der Auffassung ist, dass uns das "Eheaus" der Gottschalks "einen feuchten Dreck angeht", warum in alles in der Welt schreibt er dann darüber?
cat69 19.03.2019
3. Bei mir überwog Bewunderung
Eine heute unvorstellbar lange Zeit. Wir leben in Zeiten der Flüchtigkeit Und es ist korrekt, es geht uns nichts an.
Einhorn 19.03.2019
4.
Ohne jetzt an den Protagonisten besonders interessiert zu sein: Im landläufigen Sprachgebraucht "scheitert" eine Beziehung, wenn sie zerbricht. Diesen Sprachgebrauch kann man als überholt betrachten, da in der heutigen Realität jede Beziehung auf kurze Zeit angelegt ist. Das Ende einer Beziehung nach 40 Jahren als Beispiel dafür herhalten muss, leuchtet mir nicht ein, denn dann ist der Sprachgebrauch auch für Beziehungen von kürzerer Dauer überholt.
User2177 19.03.2019
5. Antiquiert-naives Verständnis der Ehe?
Bei all der wohlfeilen Entrüstung des Autors über die hyänenartigen Vertreter seines Berufsstandes muss doch eines konstatiert werden. Wenn man im vorliegenden Fall von dem Scheitern einer Beziehung redet, dann offenbart sich darin ganz gewiss nicht ein antiquiert-naives Verständnis von Ehe (im Sinne von "veraltet und einfältig"). Auch wenn, wie der Auto darlegt, rund jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, so ist die Ehe doch grundsätzlich ein Bündnis, das auf Lebenszeit geschlossen wird (§ 1353 Abs. 1 Satz 1 BGB). Mit einem moralischen Konservativismus "straight outta Vatikan" hat das nichts zu tun, mit einem gesunden Rechtsverständnis dagegen sehr viel. Im gleichen Gesetzestext steht nämlich auch: "Die Ehegatten sind einander zur ehelichen Lebensgemeinschaft verpflichtet; sie tragen füreinander Verantwortung." Und wenn sich die Ehegatten nicht mehr in der Lage sehen, dieser Verantwortung Sorge zu tragen, und dieses durch den Willen zur Scheidung zum Ausdruck bringen, dann muss man faktisch von einer gescheiterten ehelichen Beziehung sprechen.
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