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Tom Daley Selbstbewusstsein, handgestrickt

aus DER SPIEGEL 33/2021
Foto:

REUTERS / Antonio Bronic / REUTERS

Nähen, häkeln, stricken, all diese produktiven Tätigkeiten werden nach wie vor eher mit weiblichen Protagonisten assoziiert. Ein strickender Mann sorgt für Irritation. Das bewiesen jüngst die Reaktionen meist männlicher Sportkommentatoren auf den britischen Wasserspringer Tom Daley, 27, der beim Stricken fotografiert wurde. Die Bilder, aufgenommen während der Olympischen Spiele in Tokio, fanden weltweit Beachtung. Dabei wurde eher die Tatsache an sich hervorgehoben, statt zu schauen, was der Spitzensportler da produzierte. Auf einer Instagram-Seite zeigt er inzwischen das Ergebnis der japanischen Arbeit: eine aufwendig gestaltete Strickjacke.

Wer schon mal versucht hat, einen schlichten Schal zu stricken, weiß, wie kompliziert das ist. Die Ignoranz einiger Beobachter kann nur mit ihrer Unkenntnis erklärt werden – welcher Sportreporter kann schon stricken? Man kann Daleys Tätigkeit eben auch als Ausdruck von Unangepasstheit und Selbstbewusstsein deuten. Dass Männer bewusst die weiblich konnotierte Kulturtechnik nutzen, um zu provozieren, gab es schließlich schon in den Achtzigerjahren, als Jungs plötzlich im Französischunterricht Wolle und Nadeln zückten. Daley gewann in Japan eine Goldmedaille im Synchronspringen – und bekommt nun auch Anerkennung für seine andere Leidenschaft, unter anderem von der »Vogue«: Für seine Stricksachen würde sie »jeden Preis« zahlen, schreibt dort eine Kommentatorin. Kaufen kann man Daleys Entwürfe allerdings nicht, er sammelt lieber Spenden für eine Krebsorganisation.

ks
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