Trauerfeier für Michael Jackson Los Angeles tanzt um das Goldene Ticket

In der Glamour-Hauptstadt der Welt ist es das "hottest ticket in town": die Eintrittskarte zur Abschiedsfeier für Michael Jackson. Wer ein Billett zum Mega-Event im Staples Center ergattert hat, gibt damit an - wer keines hat, bietet Tausende Dollar. Die Polizei fürchtet ein Chaos.

Aus Los Angeles berichtet


Die stämmige Frau reckt ihr goldenes Armband hoch in die Luft, sie zeigt es voller Stolz. Es ist bloß ein Plastikband, nüchtern angeschweißt, doch die Frau präsentiert es wie Diamantschmuck. Alice heißt sie, in Philadelphia an der Ostküste Amerikas lebt sie, acht Reisestunden von Los Angeles. Sie musste den Flieger wechseln. Mit der Glitzerwelt an der Westküste hat Alice eigentlich nichts am Hut, sie trägt praktische Laufschuhe. Ihr Sohn an ihrer Seite, auch er mit einem goldenen Band um seinen Arm, stützt sich auf einen Holzstock.

Doch die beiden sind Michael-Jackson-Fans, und die goldenen Armbänder machen das Paar aus Philadelphia so attraktiv wie Popstars, als es vor den Absperrungen rund ums Staple Center mitten in Los Angeles steht. Denn die Bänder gewähren Eintritt zur Abschiedsfeier für den "King of Pop" am heutigen Dienstag ab 19 Uhr Ortszeit. Vor dem Staples Center leuchten schon auf riesigen Videoleinwänden Glitzerbilder von Jackson, davor strahlen die Gesichter von Alice und ihrem Sohn - und ihre goldenen Armbänder.

Sie haben die Tickets am Montagmorgen um sechs Uhr auf einem Parkplatz im Stadtzentrum abgeholt, wo andere Glückliche schon in langen Autoschlangen standen, aus vielen Wagen dröhnte Michael-Jackson-Musik. Sie bekamen die Armbänder angelegt, die nicht übertragbar sind. Nun berechnet Alice ihr Glück. "Die Chance muss doch eins zu eine Million stehen, sie sollten in der Lotterie spielen", sagt einer der vielen neugierigen Armbandlosen, die sie vor dem Center umringen.

"Nein, es ist eins zu 183", korrigiert Alice streng. Sie hat das genau ausgerechnet. 1,6 Millionen Menschen haben sich aus aller Welt für das Jackson-Gedenkspektakel online beworben, 8750 erhielten je zwei Tickets zugeteilt, mitsamt Armbändern.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …"

Darunter sind auch zwei Damen aus Wales: Helen und Sheryl, 47 und 45 Jahre alt. Sie tragen weiße Handschuhe nur an einer Hand wie einst Michael, sie haben eine grüne Flagge ausgebreitet, auf der steht: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Am 29. August 1958 schuf er Michael Jackson, am 25. Juni 2009 nahm er ihn uns plötzlich fort."

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

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Helen und Sheryl sind Jackson-Fans seit vielen Jahren. Als sie von seinem Tod erfuhren, wollten sie erst in die walisische Hauptstadt Cardiff fahren, um ihre Trauer zu zeigen. Dann weiter nach London. Dann sagten sie sich plötzlich, warum nicht gleich nach Los Angeles? Donnerstagnachmittag buchten sie den Flug, am Freitagmorgen waren sie um fünf Uhr morgens da. Der britische TV-Sender Sky News war so begeistert von den Hardcore-Fans, dass er ihnen Eintrittskarten für die Abschiedszeremonie besorgte.

Menschentrauben umringen nun auch die glücklichen Waliserinnen vor dem Staples Center, Sheryls Hand zittert leicht, als sie ihre Karte herzeigt. "Ich hätte doch nicht einfach in L.A. im Hotelzimmer sitzen können, wenn hier die Feier für Michael ist. Ich wäre auch ohne Ticket gekommen", sagt sie.

Dass eben so viele Menschen am heutigen Dienstag denken, ist die Sorge der Polizei in Los Angeles. Deren Vertreter betonen seit Tagen, niemand werde ohne Eintrittskarte und Armband in die Nähe des Staples Center gelangen. Niemand solle Eintrittskarten zu Wucherpreisen weiterverkaufen.

Doch bei Ebay kursieren schon Gebote von Tausenden Dollar für Tickets, und Hunderttausende Neugierige erwartet die Polizei trotz aller Warnungen. Tausende Polizisten sollen bereitstehen, bis zu vier Millionen Dollar wird dies wohl mindestens kosten, viel Geld für die fast bankrotte Stadt Los Angeles. Schon fordern erste Politiker, die Jackson-Familie oder der Entertainmentkonzern AEG, dem das Staples Center gehört, müssten für die Kosten aufkommen.

Erste Details über den Ablauf der Gedenkfeier, am Montag von Vertretern der Jackson-Familie bekanntgegeben, dürften die Neugierde weiter anheizen. Zwar haben einige Promis abgesagt, etwa Jacksons wohl engste Freundin Elizabeth Taylor, die den öffentlichen Rummel vermeiden will - und dies sehr öffentlich per Twitter verkündete.

Doch es steht jede Menge Ersatz bereit: Stars wie Mariah Carey, Jennifer Hudson, John Mayer, Lionel Richie, Stevie Wonder und Usher sollen auftreten. Die großen US-Fernsehsender übertragen allesamt live, ihre Star-Moderatoren sind angereist. Auf einer kleinen Metallplattform vor dem Staples Center zeichnet Katie Couric, Gesicht der CBS-Nachrichten, am Montagnachmittag ihre Nachrichtensendung auf. Couric trägt für die Kameras ein Jackett, doch darunter hat sie ein luftiges Sommerkleid und Flipflops an. Couric sieht aus, als ob sie sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt hätte.

Private Gedenkfeier der Familie

Der beginnt am heutigen Dienstagvormittag mit einer privaten Gedenkfeier der Jackson-Familie auf dem Forest Lawn Memorial Friedhof in den Hollywood Hills - wo der "King of Pop" auch beigesetzt werden soll.

Der Friedhof schmiegt sich sanft in die Hügel der Filmstadt, mit wunderbarem Blick auf Los Angeles und die großen Filmstudios. Viele Größen der Glitzer-Metropole sind hier begraben: von Bette Davis über Buster Keaton bis Stan Laurel. Doch um sie wird nicht viel Rummel veranstaltet. Hinweise auf die Ruhestätten der toten Promis sucht man vergeblich.

Mit dieser Ruhe dürfte es nun vorbei sein. Nicht nur wegen des Massenansturms der Jackson-Fans, auch wegen der anhaltenden Diskussionen über dessen Nachlass und seine Skandale. Am Tag vor der Beerdigung enthob ein Gericht in Los Angeles Jacksons 79 Jahre alte Mutter Katherine ihrer vorübergehenden Aufgabe als Nachlassverwalterin. Es beauftragte damit zwei Geschäftspartner des Popstars, die Jackson in seinem 2002 aufgesetzten Testament benannt hatte. Die Anwälte von Katherine Jackson wollen das anfechten, im August findet die nächste Anhörung statt.

Zu Unrecht glorifiziert?

Gleichzeitig leben die Schlagzeilen über Jacksons Medikamentensucht und die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs wieder auf. Der New Yorker Kongressabgeordnete Peter King nannte den verstorbenen Popstar einen "Kinderschänder" und "Pädophilen" - der nun zu Unrecht glorifiziert werde.

Rund ums Staples Center ist das kein Thema. Eine Magazinreporterin fragt eine Jackson-Anhängerin im Rollstuhl nach den Kindesmissbrauch-Anschuldigungen gegen ihr Idol. Jackson sei von den Medien vergewaltigt worden, ruft diese wütend, er habe sich doch nur mit Kindern umgeben, weil diese als einzige kein Geld von ihm wollten.

Die Reporterin will erst kritisch nachhaken, doch dann berichtet sie lieber von ihren eigenen Jackson-Erinnerungen, auch sie verteidigt ihn auf einmal leidenschaftlich. "Ihr seid wahre Fans", lobt sie schließlich. Reporterin und Interviewte umarmen sich, sie fachsimpeln über ihre liebsten Jacko-Songs.

Ein paar Meter weiter läuft ein Michael-Jackson-Imitator vorbei, er ist gertenschlank und groß, er trägt eine Gesichtsmaske wie einst der "King of Pop". Er winkt huldvoll, er scheint zu schauen und zu lauschen. Fast meint man, ihn unter seiner Maske lächeln zu sehen.

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