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03. Juli 2009, 12:59 Uhr

Trauerfeier

L.A. rüstet sich für Michael-Jackson-Spektakel

Aus Los Angeles berichtet

Die Trauerfeier für Michael Jackson wird zum Ereignis der Superlative: Bis zu einer Milliarde Fernsehzuschauer weltweit, Zehntausende Fans vor Ort. Los Angeles verfolgt die Vorbereitungen mit gemischten Gefühlen. Und die Show droht übertönt zu werden vom Streit um Sorgerecht und jede Menge Geld.

Los Angeles - Es herrscht keine Friedhofsruhe rund ums Staples Center, der riesigen Veranstaltungshalle im Zentrum von Los Angeles. Am Ritz-Carlton-Hotel nebenan hämmert es, auf den Videoleinwänden vor den Eingangstüren der Halle - sechs auf jeder Seite, eine an der Front - werden die Auftritte von Stars der kommenden Wochen beworben. Willkommen ist jeder, der Dollars bringt. Franz Ferdinand, Green Day, Beyonce. Das Staples Center gilt als die erfolgreichste Bühne der USA, an 240 Tagen im Jahr sind seine 20.000 Plätze restlos ausverkauft.

Kaum aber ein Bild, ein Schriftzug von Michael Jackson - dabei soll hier nach langem Hin und Her am kommenden Dienstag die offizielle Trauerfeier für den "King of Pop" stattfinden. Ein Vertreter der Jackson-Familie hat dies mittlerweile bestätigt.

Nur ein paar TV-Reporter lauern vor der Halle und fragen die Passanten nach ihren Jackson-Eindrücken. Einer hält eine Gruppe asiatisch aussehender Mädchen auf: "Seid ihr den ganzen Weg von Japan gekommen, um euch von Michael zu verabschieden?" Doch es stellt sich heraus, dass die Mädchen in Amerika geboren sind, in Los Angeles leben und einfach so vorbei geschlendert sind. Enttäuschung auf beiden Seiten.

Die nächsten Passanten taugen auch nicht recht als O-Ton-Geber. "Wir haben dazu nichts zu sagen. Wir sind von der Ostküste", antworten sie blasiert. Sie sprechen es aus, als ob das Pop-Phänomen Michael Jackson nur in der bizarren Welt Hollywoods oder an der sonnigen Westküste Amerikas denkbar gewesen sei.

Doch am kommenden Dienstag dürften jede Menge Menschen nicht nur von der Ostküste auf das Staples Center schauen, sondern aus der ganzen Welt. Um 10.00 Uhr morgens Ortszeit soll es losgehen, zunächst mit einer kurzen privaten Abschiedsfeier der Jackson-Familie - danach mit der offiziellen Trauer-Veranstaltung.

11.000 Tickets werden kostenlos verteilt, doch wer eins ergattern will, muss sich registrieren lassen. Details dafür wollen die Veranstalter am heutigen Freitagmorgen Ortszeit auf einer Pressekonferenz bekanntgeben. Tausende Menschen dürfen zudem wohl auf einem Platz vor dem Staples Center per Videoleinwand zuschauen.

Die Stadt Los Angeles verfolgt die Pläne mit gemischten Gefühlen. Zwar sichert ihr der Jackson-Abschied weltweite Schlagzeilen. Doch er ist auch ein teures Vergnügen, Tausende Polizisten werden Sonderschichten schieben müssen. Der Bundesstaat Kalifornien hat gerade mehr oder weniger Bankrott angemeldet, da wird jeder Pfennig öffentlichen Geldes noch sorgfältiger umgedreht. Als die lokalen Basketballhelden Los Angeles Lakers vor einigen Wochen ihren NBA-Triumph in ihrer Heimspielstätte Staples Center feierten, kamen private Sponsoren für den Großteil der zwei Millionen Dollar Kosten auf. Finden die sich diesmal auch? Oder springt doch die Stadt ein?

Wen die Fans bei Jacksons Abschied auf der Bühne bestaunen dürfen, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Interessenten für einen musikalischen Tribut an den "King of Pop" dürfte es genug geben - immerhin könnten das Konzert bis zu eine Milliarde Menschen in aller Welt an den TV-Schirmen verfolgen.

Musikstars aus aller Welt haben wieder entdeckt, wie "cool" es ist, Michael Jackson zu loben. Pop-Ikone Madonna kann nach eigener Aussage gar nicht mehr aufhören zu weinen seit dessen Tod, Rapper Snoop Dog trauert wie viele andere publikumswirksam per Twitter. Dabei ist ihnen gewiss der unglaubliche kommerzielle Erfolg des toten Popstars nicht entgangen. Die drei derzeit erfolgreichsten Musik-Alben der USA stammen alle von Jackson: "Number Ones", "The Essential Michael Jackson" und "Thriller".

Das weckt Begehrlichkeiten. Das Staples Center gehört praktischerweise auch der AEG-Live-Gruppe, die Jacksons 50 Abschiedskonzerte in London organisieren sollte. Deren Manager verstehen eine Menge von Marketing: Im "Grammy Museum" direkt am Staples Center erinnert schon eine Sonderausstellung an die verrücktesten Kostüme des "King of Pop" - 10 Dollar Eintritt. Bald sollen die Videos von Jacksons Vorbereitung auf die Konzerte in London, für die er seit Monaten probte, als Dokumentarfilm oder TV-Event vermarktet werden.

Da will Jacksons Familie nicht zurückstehen. Der Kampf ums Erbe des "King of Pop", auf mehrere Hundert Millionen Dollar geschätzt, ist voll entbrannt. Mittlerweile wurde zwar bekannt, wie dessen Verteilung in einem Testament aus dem Jahr 2002 geregelt ist. Rund 40 Prozent sollen an Mutter Katherine gehen, ein gleicher Anteil an Jacksons drei Kinder, der Rest an Wohlfahrtsorganisationen. Vater Joe, dessen Verhältnis zum Sohn als zerrüttet galt, geht leer aus.

Doch es gibt Zweifel an der Gültigkeit des Testaments. Und auch sonst ist die Familiensituation, gelinde gesagt, vertrackt. Drei Kinder hatte Jackson - so viel scheint festzustehen. Die Krankenschwester Debbie Rowe war bis 1999 mit Jackson verheiratet, sie ist die Mutter der beiden ältesten Kinder Prince Michael Jr., 12, und Paris, 11. Über die Mutter des jüngsten Kindes Prince Michael II., 7, ist nichts bekannt.

Jacksons 79 Jahre alte Mutter Katherine soll Vormund der drei Kinder werden. Sollte dieser etwas zustoßen, soll laut Testament die Souldiva und alte Jackson-Freundin Diana Ross einspringen.

Im Testament des verstorbenen Popstars heißt es zum Thema Rowe knapp: "Ich habe absichtlich keine Vorsorge für Deborah Jean Rowe Jackson vorgesehen."

Rowe hat auf das Sorgerecht der Kinder eigentlich verzichtet, scheint das jetzt aber zu überdenken. "Ich will meine Kinder", wird sie in einem Interview mit NBC zitiert. Die können schließlich viele Millionen wert sein - und als leibliche Mutter ist Rowes Sorgerechts-Anspruch trotz vorherigem Verzicht nicht so leicht abzuschmettern. Zumal diese nun zum Kampf entschlossen scheint. Sie würde sich einem DNA-Test unterziehen, um zu beweisen, dass sie die leibliche Mutter ist, sagte die 50-Jährige. Ein Richter erkannte das vorläufige Sorgerecht Katherine Jackson zu, doch am 13. Juli soll eine Anhörung stattfinden.

Wenig Klarheit also, auch nach wie vor über Jacksons genaue Todesursache. Immer offener wird freilich über Suchtprobleme des Popstars geschrieben. Vertraute berichten US-Medien, dass sein Körper am Ende übersät gewesen sei von Einstichen, Krankenschwestern behaupten, er habe sie angebettelt um immer stärkere Drogen. Darunter Betäubungsmittel wie das gefährliche Narkotikum Propofol, auf das sonst nur Ärzte Zugriff haben.

Glaubt man den Klatsch-Websites Hollywoods, soll der "King of Pop" jede Menge Tarnnamen für immer neue Drogenbestellungen benutzt haben - von Omar Arnold bis Jack London. Jetzt hat sich gar die US-Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) in die Untersuchungen eingeschaltet. Sie könnte gegen Ärzte ermitteln, die Jackson diese Medikamente verschrieben haben.

Wer will das alles eigentlich noch hören? Ein Fan auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles, nahe dem umlagerten goldenen Stern von Michael Jackson am "Walk of Fame", beantwortet die Frage auf seine Weise. "Fuck what you heard", ist auf seinem T-Shirt zu lesen. Auf gut Deutsch: Gib nichts darauf, was du gehört hast. Was bleibt denn dann, fragt man den Mann. Michaels Musik, antwortet er knapp.

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