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02. Juni 2010, 11:52 Uhr

Trennung der Gores

Al ohne Tipper - der wird nichts mehr

Von , Washington

Vier Jahrzehnte gaben sie das perfekte Politikerpaar - eine Ehe wie im Film. Jetzt haben sich Al und Tipper Gore getrennt. Offenbar gingen ihnen die gemeinsamen Ziele aus. Um seine politischen Ambitionen ist es nun miserabel bestellt.

Als Al Gore sich fürs Präsidentenamt bewarb, im Jahr 2000, verglich er seine Ehe mal mit dem Film "Love Story", einem der großen Hollywood-Schmachtfetzen der siebziger Jahre: Junge aus reichem Haus verliebt sich in wildes Mädchen aus der Unterschicht, die beiden heiraten gegen alle Widerstände. "Liebe heißt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen", lautet eine der vielen kitschigen Dialogzeilen.

Doch Gore, 62, verglich sich nicht bloß mit der Filmrolle, er wollte sogar als Vorlage gedient haben. Der Autor der Romanvorlage, Erich Segal, hatte mit ihm in Harvard studiert, und der Junge und das Mädchen aus "Love Story", erzählte Gore staunenden Reportern, seien doch Al und Tipper. Als sie sich kennenlernten, war er schließlich Sohn eines US-Senators, ihr Vater betrieb ein Klempnergeschäft.

Rasch musste Gore zugeben, dass er da mal wieder übertrieben hatte. Segal erklärte pikiert, bestenfalls die Züge des dominanten Gore-Patriarchen übernommen zu haben. Tipper - mit vollem Namen Mary Elizabeth - habe er fast gar nicht gekannt, über die Beziehung der beiden wisse er auch nichts.

Das war ziemlich peinlich für den Kandidaten Gore - doch jetzt haben "Love Story" und seine eigene Liebesgeschichte wenigstens eine Gemeinsamkeit: kein Happy End ist in Sicht.

Zum Schluss des Hollywood-Hits stirbt die Heldin an Leukämie. Bei den Gores stirbt nun nur die Liebe, die auf einem Schulabschlussball in Washington begann. Vor zwei Wochen feierte das Paar noch seinen 40. Hochzeitstag. Gerade hatten sie ein Haus in Kalifornien gekauft, mit sechs Schlafzimmern und neun Bädern für rund neun Millionen Dollar.

Stattdessen erfolgte nun das stille Ende einer sehr öffentlichen Ehe: "Nach intensivem Nachdenken und Diskussionen haben wir beschlossen, uns zu trennen", schrieben die Gores am Dienstag in einer E-Mail an Freunde. Es sei eine einvernehmliche Entscheidung gewesen, mehr wolle man derzeit nicht sagen, erklärten die Eltern von drei Töchtern und einem Sohn.

Dennoch ist auch in diesem Fall das Private politisch. Für den Ex-Vizepräsidenten, der anders als sein ehemaliger Chef Bill Clinton kein Menschenfänger ist, stellte die 61-jährige Gattin lange den größten politischen Trumpf dar.

"Nehmt euch doch ein Zimmer"

Sie wirkte immer ein bisschen hipper als die herkömmlichen US-Politikerfrauen. Als gelernte Fotografin knipste Tipper oft hinter der Bühne die Auftritte ihres Mannes, sie veröffentlichte einen schicken Fotoband mit ihren besten Aufnahmen. Früher hatte sie mal in einer Mädchenband Schlagzeug gespielt, manchmal trommelte sie spontan drauf los.

Tipper versah Al mit genau dem Schuss Leidenschaft, den andere bei ihm stets vermissten. Sie schwärmte tatsächlich von seiner "animalischen Anziehungskraft".

Als die Demokraten Al Gore auf ihrem Parteitag 2000 zum Präsidentschaftskandidaten kürten, tanzte Tipper minutenlang ausgelassen auf der Bühne, die Zuschauer johlten. Sie führte Jugendbilder von sich und ihrem Mann vor, beide sahen sexy und verliebt aus.

Al zog sie nach seiner Rede prompt zu sich heran, drückte ihr einen Kuss auf den Mund, so lange und so wild, dass den Leuten im Publikum der Mund offen stand und viele sagten: Nehmt euch doch ein Zimmer.

Dennoch hatte Tipper auch eine puritanische Seite, wie es eben von Amerikas Politikerfrauen erwartet wird. Als sie auf einem Musikalbum, das ihre elf Jahre alte Tochter mit nach Hause brachte, Popstar Prince vom Masturbieren singen hörte, startete sie eine erfolgreiche Kampagne gegen jugendgefährdende Liedtexte. Künstler hassten sie dafür, doch für den Kandidaten Gore aus dem konservativen Süden war diese Gattin genau richtig.

Umso heller konnte er so neben den Clinton-Skandalnudeln im Weißen Haus strahlen, deren Ehe vielen ein Rätsel blieb. Auf dem Höhepunkt der Affäre um Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky gab Gore demonstrativ zu Protokoll, er liebe seine Frau "von ganzem Herzen, seit der Nacht meines Abschlussballs".

Globaler Star ohne Amt

Er dachte da schon an seine eigene Bewerbung für das höchste Amt der Welt. Das blieb ihm 2000 dennoch versagt, auch weil viele Amerikaner Saubermann Gore für die Skandale Clintons mitverantwortlich machten - und Gegenkandidat George W. Bush mit der braven Gattin Laura eine perfekte Begleiterin für seine Klientel anzubieten hatte.

Gore ließ sich nach der Wahlniederlage gehen. Er fraß sich einen Bauch an, er ließ den Bart wachsen.

Doch bald verschrieb sich der Demokrat einer neuen Mission, dem Klimaschutz. Sein Einsatz sicherte ihm 2007 den Friedensnobelpreis, für seinen Dokumentarfilm zum Thema kassierte er einen Oscar.

Er war wieder ein globaler Star, wenn auch nun einer ohne Amt. Gores Reise-Rhythmus war entsprechend: Montag China, Mittwoch Kopenhagen, Afrika, Kalifornien, New York, der Globus wurde seine Heimat.

Tipper blieb nun meist daheim in Tennessee, sie kümmerte sich um die Enkelkinder, ums Fotografieren, um Musik.

Vielleicht verband die beiden Polit-Pensionäre einfach kein gemeinsames Ziel mehr - anders als die Clintons, die der politische Ehrgeiz weiter aneinanderkettet, trotz allem.

Und womöglich litt er unter der Leere nach der Politik einfach mehr als sie. Viele glauben, dass Gore immer noch mit einer weiteren Bewerbung für das Weiße Haus liebäugelte. Als der SPIEGEL den Ex-Vizepräsidenten voriges Jahr in Miami zum Interview traf und nach seinen Ambitionen fragte, nach seinen Träumen, schaute er nachdenklich auf seine schwarzen Cowboystiefel. "Ich versuche doch gerade, mich von der Politik zu erholen", antwortete Gore schließlich. "Ich bin ein Politiker im Erholungsprogramm. Aber es besteht natürlich immer die Gefahr eines Rückfalls."

Zumindest diese Gefahr besteht nun nicht mehr, nach dem Liebesentzug. Ein Al ohne Tipper - der wird nichts mehr.

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