Schauspieler Ulrich Noethen "Das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden"

Ulrich Noethen spricht über Pflichtbewusstsein, Erinnerungen an seinen Vater und schmerzliche Filmszenen in der "Deutschstunde". Und er sagt, ob er sich heute noch ein Bild des Antisemiten Nolde aufhängen würde.

Georges Pauly/ ZDF/ Senator

SPIEGEL: Herr Noethen, Sie spielen in "Deutschstunde" einen Dorfpolizisten zur Zeit des Nationalsozialismus, der sich durch nichts von seiner Pflichterfüllung abbringen lässt. Er liefert sogar seinen desertierten Sohn an die Nazis aus. Haben die Nazis den Begriff der Pflicht für immer diskreditiert?

Noethen: Das sehe ich nicht so. Pflicht ist erst einmal nur ein Gefäß. Und es kommt auf den Inhalt an. Ich finde es heutzutage besonders wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Viele Menschen - und ich schließe mich da nicht aus - legen sich nur ungern fest. Vorgaben und Regeln lösen sich auf. Hauptsache wir haben Spaß. Verpflichtungen, die man sich selbst oder anderen gegenüber eingeht, sind deshalb notwendig.

Zur Person
  • Tobias Hase/ DPA
    Der Schauspieler Ulrich Noethen, Jahrgang 1959, ist aktuell in der Neuverfilmung des Romans "Deutschstunde" von Siegfried Lenz zu sehen. In München geboren, wuchs er als jüngstes von fünf Kindern einer Pfarrfamilie auf. Er hat eine 25-jährige Tochter aus erster Ehe sowie eine 6-jährige Tochter mit seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Alina Bronsky. Bronsky brachte darüber hinaus drei Kinder, die heute zwischen 14 und 20 Jahre alt sind, mit in die Beziehung.

SPIEGEL: Ist Ihr eigener Alltag sehr von Pflichten bestimmt?

Noethen: Kommt darauf an, was Sie unter Pflicht verstehen. Wenn es um die Familie geht, gibt es Verabredungen, die meinen Alltag bestimmen. Pflicht hat ja diese negative Konnotation von Zwang. Wenn es mir aber gelingt, die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit einer Pflicht zu erkennen, dann kann ich auch Freude daran haben.

SPIEGEL: Ihnen würde also etwas einfallen, wenn Sie - wie Siggi im Film - die Aufgabe bekämen, einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" zu verfassen?

Noethen: 'Freuden der Pflicht' ist bei Lenz natürlich ein Sarkasmus. Dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen wird man nicht unterstellen können, dass er bei seiner Pflichterfüllung wahnsinnig viel Spaß gehabt hat.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Pflichtbewusstsein bei der Erziehung Ihrer Kinder?

Noethen: Ich habe Verantwortung für die Kinder - und die Kinder sollen auch irgendwann Verantwortung übernehmen. Das will ich ihnen beibringen. Wenn ihnen beispielsweise die Küche zur Verfügung gestellt wird, damit sie ein neues Kuchenrezept ausprobieren können, dann erwächst daraus die Verpflichtung, die Küche am Ende wieder in ihren Ursprungszustand zurückzuversetzen. 'Bitte hinterlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn selbst vorzufinden wünschen!' Das gilt auch im globalen Maßstab. Solche Sachen versuche ich, den Kindern beizubringen.

SPIEGEL: Klappt das?

Noethen: Mehr oder weniger, wir sind eine ganz normale Familie.

SPIEGEL: Was hat Ihre Filmfigur Ole Jepsen dazu gebracht, in seinem Pflichtbewusstsein so starr, geradezu brutal zu sein?

Noethen: Ich weiß es nicht. Weil ihm niemand den Mut zum Nachdenken beigebracht hat? Weil Pflicht für ihn nicht in Frage gestellt werden darf? Weil er ein Angstbeißer ist, der sich bedroht fühlt?

SPIEGEL: Als Jens Ole Jepsen verprügeln Sie Ihren zehnjährigen Sohn Siggi ausgiebig mit einem durch die Luft zischenden Rohrstock. Das Gefühl von Demütigung und Schmerz geht unter die Haut. Was empfanden Sie, als Sie die Szene spielten?

Noethen: Das entfaltet seine psychologische Wucht bei mir erst hinterher. Zunächst mache ich es für mich zu einem technischen Vorgang: Ich frage mich, wie ich die Vorgabe des Drehbuchs so umzusetzen kann, dass keiner der Beteiligten zu Schaden kommt. So eine Szene wird ja mehrmals aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen, in vielen Einstellungen ist das Kind gar nicht physisch anwesend, sondern ein Dummy, ein Lederkissen wird geschlagen. Erst im Schnitt ergibt sich das ganze Bild. Das sind Drehtage, an denen man sich später beglückwünscht, dass es eine klare Trennung gibt zwischen dem gespielten und dem eigenen Ich. Aber das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden.

SPIEGEL: Ihr Gegenspieler, der Maler Max Ludwig Nansen, ist dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden. Ausgerechnet jetzt, im Erscheinungsjahr des Films, wird intensiv darüber diskutiert, dass Nolde nicht nur ein von den Nazis unterdrückter Maler war, sondern gleichzeitig Antisemit und Hitler-Verehrer. Spielte das während der Dreharbeiten eine Rolle?

Noethen: Wir haben darüber gesprochen, aber wir wollten die starke Parabel in Lenz' Roman nicht durch einen Kommentar zu der Debatte um Nolde überdecken lassen. Schon Siegfried Lenz wollte nicht Emil Nolde beschreiben, er wusste auch nicht so viel über ihn, wie wir es heute tun. In der Rezeption hinterher wollte man dann allerdings Nolde in seiner Romanfigur erkennen. Die Figur des Malers im Film unterscheidet sich obendrein von der Romanfigur, sie ist weniger glänzend.

SPIEGEL: Wenn Sie ein Gemälde von Nolde besitzen würden...

Noethen: ... würde ich es Zuhause aufhängen. Mich beeindrucken viele dieser Bilder in ihrer Farbigkeit, in ihrer Plastizität, in ihrer Kraft. Wobei für mich viele Fragen dazu kommen: War es richtig, den Nolde im Kanzleramt abzuhängen? Ist ein Kunstwerk kein Kunstwerk mehr, weil es ein Nazi gemalt hat? Und warum genau ist es dann weniger wert, in des Wortes doppelter Bedeutung? Wir hatten Pressetag in München. Da steht vor dem "Bayerischen Hof" ein inoffizielles Michael-Jackson-Denkmal, wo Fans Devotionalien ablegen. Ist seine Musik nach den Missbrauchsvorwürfen wertlos?

SPIEGEL: Haben Sie eine Antwort darauf?

Noethen: Ja. Nolde hat tolle Bilder gemalt. Und er hat sich als ein mieser Nazi entpuppt. Ich kann es aushalten, mit Widersprüchen zu leben.

SPIEGEL: Sie verkörpern häufig Figuren aus der Zeit des Nationalsozialismus...

Noethen: Das mag öfter vorgekommen sein, aber viele Figuren, die ich gespielt habe, haben damit überhaupt nichts zu tun. Eine Zeit lang hat man mich fast ausschließlich mit Kinderfilmen in Verbindung gebracht.

SPIEGEL: Man kennt Sie unter anderem als Professor Sauerbruch aus der Fernsehserie "Charité", als Kriegsheimkehrer, als Anne Franks Vater oder Heinrich Himmler. Ihr Vater, geboren 1920, war Wehrmachtsoffizier und wurde später Pfarrer. Verarbeiten Sie in diesen Rollen auch Ihre Familiengeschichte?

Noethen: Der Vater meines Vaters war Kirchenrat in der lutherischen St. Lukas-Kirche in München. Die Gestapo hat seine Gottesdienste überwacht. Mein Vater war in der Jugendgruppe der Gemeinde. Nach der Gleichschaltung fand er sich in der Hitlerjugend wieder. Dann Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, später Gefangenschaft. Nach dem Krieg hat er Theologie studiert. Diese Widersprüche, in denen mein Vater stand, zwischen christlicher Botschaft und Nationalsozialismus, zwischen Bergpredigt und Vernichtungskrieg, beschäftigen mich noch immer. Ich würde nicht sagen, dass ich durch diese Rollen meine Familiengeschichte aufarbeite, aber sie helfen mir, meinen Vater und seine Generation besser zu verstehen. Und es ist von Vorteil, jemanden zu haben, mit dem man darüber sprechen kann.

SPIEGEL: Haben Sie genug mit ihm über diese Zeit geredet?

Noethen: Ja. Und nein. Er ist vorletztes Jahr gestorben. Er wurde 97Jahre alt. Es gab viele Gespräche über diese Zeit. Aber hinterher hat man immer zu wenig darüber geredet. Bei aller Offenheit gab es auch das Bedürfnis, das Thema einmal ruhen zu lassen. Ich musste akzeptieren, dass diese Dinge vorbei sind. Und er hat akzeptiert, dass diese Dinge nicht vorbei sind. Er war nicht der Typ, dem es besser ging, wenn er viel über seine Erlebnisse im Krieg oder der Gefangenschaft sprach. Und ich hatte nicht das Bedürfnis, immer wieder darin herumzustochern. Auch in meinem Leben wird es Bereiche geben, zu denen meine Kinder sagen werden: "Was genau hat er da eigentlich gemacht?" Ich kann damit leben.


Lesen Sie auch die Filmkritik zu "Deutschstunde": Bedeutungslose Bedeutsamkeit



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Mon T. Miller 03.10.2019
1. Ps.
Hallo, ich ergänze mich (hatte ich vergessen...): dass das potential für Gewalt in jedem von uns angelegt ist, diese These vertrete ich auch. Übrigens auch der Autor und Jurist Ferdinand von Schirach. Mit freundlichem Gruß zum Tag der Deutschen Einheit.
roflxd 03.10.2019
2.
"Das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden" Nein, ist es nicht. Dieser Unsinn wird auch nicht wahrer, wenn man ihn mehrmals wiederholt.
starfan 03.10.2019
3.
Zitat von roflxd"Das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden" Nein, ist es nicht. Dieser Unsinn wird auch nicht wahrer, wenn man ihn mehrmals wiederholt.
"Das Potenzial zur Gewalt ist in jedem von uns vorhanden" ist eine Generalisierung - Gehirne MÜSSEN generalisieren, um in der Hyperkomplexität des Realen nicht vollends den Überblick zu verlieren. Nahezu alle Generalisierungen, die von nicht völlig hirnlosen Menschen geäußert werden, haben entweder grundlegend Sinn oder mindestens aus einem gewissen Blickwinkel. Das gilt auch für diese hier. Denn: So sehr es einschränkend gilt, daß manch einer dazu neigt, sich widerspruchslos wirklich alles nehmen zu lassen und sich quasi totstellt, so sehr viele Menschen die Flucht wählen, wenn man ihnen einen Fluchtweg läßt, so sehr wird ein überragend großer Prozentsatz von uns zum Tier, wenn man ihm etwas nimmt, was überragende Bedeutung für ihn hat. Ich empfehle meinem Vorposter, sich mal ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn irgendwer irgendeinem Kind von irgendwem etwas tut. Die Antwort ist ganz banal: Die meisten werden nahezu alles tun und zwar inklusive brutalster Gewalt, um dies zu verhindern. Und dies kann auch indirekt sein, indem zum Beispiel eine Regel verletzt wird, die man als Schutz anderer ansieht. Kurz: Sie haben recht: Streng genommen gilt das nicht für jeden. Das hat der Autor dieses Satzes damit aber auch nicht sagen wollen. Sondern er wollte sagen: Die allermeisten von uns können verdammt brutal werden, wenn die Umstände sie (subjektiv) dazu nötigen. Der Auslöser ist nur nicht so eindeutig und kann von Mensch zu Mensch gravierend anders sein. Aber irgendeinen Auslöser für Gewalt haben wir nahezu alle. Und insoweit stimmt die Aussage.
starfan 03.10.2019
4.
Nachtrag: Erich Maria Remarque bringt in "Im Westen nichts Neues" die Natur des Menschen in der richtigen Umgebungssituation mit einem einzigen Satz auf eine Weise auf den Punkt, wie ich sie in dieser Deutlichkeit noch nirgends je wieder gelesen oder gesehen habe. Er beschreibt (und dies als wohl eher pazifitisch grundgestimmter Mensch, sonst hätte er wohl kaum das Buch geschrieben) das gegenseitige Sichniedermetzeln ohne jede menschliche Regung und ohne jedes Auchnurwahrnehmen der anderen Person als lebenswertes Individuum, welches aus purem Überlebenswillen geboren wird, mit einem Satz, der lebenslang in mir nachhallen wird und immer und immer wieder Schaudern in mir auslösen wird: "Und wenn dir dein eigener Vater entgegenkäme, du würdest keine Sekunde zögern, ihm mit dem Spaten das Gesicht zu spalten." Der Mensch in einer brutalen Situation wird selbst ein brutales Monster. Ausnahmen bestätigen wie immer nur die Regel.
manicmecanic 03.10.2019
5. @2 roflxd. Unsinn von Ihnen
auch wenn Sie meinen sich selbst ausnehmen zu können von dieser simplen Wahrheit,die Sie als Unsinn bezeichnen ändert es nichts an der menschlichen Natur.Das Potential ist in jedem vorhanden,der Unterschied ist nur wann und wie es sich zeigt.
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