US-Fernsehstar Chelsea Handler Willkommen in der Schandmaul-Show

Sie reißt Witze über Saufen, Sex und Promis - und das zu einer Zeit, da im Fernsehen sonst nur Biederes läuft. Chelsea Handler ist der neue Kultstar unter Amerikas Talkshow-Moderatoren: frech, komisch, geschäftstüchtig - und große Pläne hat sie auch noch.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Chelsea Handler ist schlecht drauf. Als sie aus der Garderobe auf den Set tritt, quält sie sich pro forma ein kurzes Lächeln ab. Ansonsten ignoriert sie die rund 60 Studiozuschauer, die sich von Brody, dem wild gestikulierenden Einpeitscher, trotzdem zu ekstatischem Kreischen inspirieren lassen.

Handler sucht ihre Markierung am Boden und wirft einen letzten Blick auf ihre Karteikarten. Die Augen finden die Kamera, die Hüfte knickt ein. Erst dann, wie auf Knopfdruck, flutet das süßsaure spöttische Handler-Grinsen ihr Gesicht. Showtime!

Ein Fernsehstudio im Westen von Los Angeles: Die Aufzeichung von "Chelsea Lately", einer allabendlichen Talkshow des Entertainment-Senders E!, ist routinehafte Fließbandarbeit. Zwei Ausgaben hintereinander produzieren sie hier am Tag, eine mittags, eine nachmittags, je 20 Minuten lang, mit Werbepausen eine halbe TV-Stunde. Die Kameramänner kauen Kaugummi, gähnen und horchen erst auf, als Gaststar Rebecca Mader vom Serienhit "Lost" auftaucht.

Drei Fäkalworte überpiept

Die Kulisse suggeriert zwar Eleganz: eine stilisierte Skyline vor nachtblauem Himmel, LCD-Screens mit dem Show-Logo, ein schicker Stehtisch, zwei Sitzgruppen, Kerzen. Doch was hier geschieht, hat mit Understatement wenig zu tun. "Ihr Ton", schrieb der "Los Angeles Examiner" über Handler, die Protagonistin der Sendung, "würde selbst einen Drill-Sergeant der Marineinfanterie schamrot anlaufen lassen."

Chelsea Handler, 33, ist der laute neue Kultstar am TV-Talkhimmel Amerikas. Fünfmal pro Woche zieht sie mit ätzendem Sarkasmus über eine Szene her, der sie längst auch selbst angehört - Hollywoods VIP-Welt. Dass ihre Show erst ausgestrahlt wird, wenn die Kids im Bett sind, ist kein Zufall.

So eröffnet Handler an diesem Abend ihr Gag-Feuerwerk mit Anmerkungen über "die Eier" von Oscar-Conferencier Hugh Jackman, dann lästert sie über die Tochter von Alaskas Gouverneurin Sarah Palin ("Gibt's da nicht irgend so eine Pille, die eine Schwangerschaft verhindern kann?") und über Michael Jacksons Vorliebe für kleine Jungs. Allein drei Fäkalworte fallen den Zensoren zum Opfer und werden bei der Ausstrahlung am Abend überpiept.

Das Format der Sendung selbst ist kaum originell. Handler beginnt mit einem Monolog, in dem sie von Paris Hilton bis Angelina Jolie gnadenlos alle "Celebrities" aufs Korn nimmt, die ihr vors Rohr laufen. Diesen Faden spinnt eine Podiumsrunde mit Stammgästen weiter, meist Komiker der zweiten Garde. Zum Schluss interviewt Handler einen TV-Gaststar, der sich zu PR-Zwecken (meist um einen Film, ein Buch, eine Sendung zu promoten) von ihr freiwillig entwürdigen lässt.

Chandlers Assistent heißt Chuey und ist ein mexikanischer Zwerg, der mit baumelnden Beinen auf einem Regiestuhl sitzt und sie gelegentlich "Schlampe" nennt. Dennoch lebt die Show allein von Handlers Zoten, die sie mit säuerlichem Lächeln und eiskaltem Blick abfeuert.

30 Prozent mehr Zuschauer als im Vorjahr

Aber was für ein Lächeln: Anders als Joan Rivers und Kathy Griffin, ihre erfolgreichsten Vorgängerinnen in der Sparte "Promi-Niedermache", ist die zerbrechlich wirkende Handler ein wandelndes Pin-up-Girl. Und das ist ihr Erfolgsgeheimnis: Der Kontrast zwischen ihrer Erscheinung und ihrer Trucker-Schnauze könnte nicht größer sein.

Sexbombe mit Kodderschnauze: Die Show mit Gaststar Rebecca Mader absolviert Handler auf so hohen Pumps, dass sie nur in Zeitlupe durchs Studio staksen kann. Ihre Jeans sind hauteng, ihre Bluse gibt ein tiefes Dekolleté frei. "Das Mädchen sieht fantastisch aus", sagte Comedy-Agent Geof Wills der "New York Times". "Und sie redet wie ein Matrose." Wills war der Erste, der Handler für eine Stand-up-Show engagierte.

Das kommt an. Seit eineinhalb Jahren läuft "Chelsea Lately", inzwischen hat die Show im Schnitt fast 600.000 Zuschauer, 30 Prozent mehr als im Vorjahr - beachtlich für einen Sender wie E!, zu so später Sendezeit. Vor allem junge Frauen schalten ein, eine begehrte Werbezielgruppe. So hat E! denn auch den Vertrag Handlers gerade um 150 weitere Folgen verlängert, bis Ende 2010.

Für E! ein kalkuliertes Wagnis: Der Sender lebt vom Klatsch und Tratsch Hollywoods, seine Shows sind fest in die Marketing-Maschine eingebaut. Es gibt TV-Versionen von "People" und "Us Weekly", die entweder als Hofberichterstattung oder als vermeintliche "Reality"-Shows gestaltet sind, in denen abgehalfterte Altstars sich ein letztes Mal blamieren können, im Dienste der Quote.

Mundwerk mit dem Effekt einer Abrissbirne

Handlers weiß ihren wachsenden Kult-Status - kürzlich gastierte sie in der Carnegie Hall - geschickt auf andere Medien zu übertragen. Ihr zweites Buch "Are You There, Vodka? It's Me, Chelsea" - eine Kollektion rüder Witze über ihr Leben zwischen Suff und Sex - landete auf der Bestsellerliste der "New York Times", die ihr das Kompliment machte, ihr Mundwerk habe den Effekt einer Abrissbirne.

Tabus gibt es wenige bei Chelsea Handler, weder im Studio noch im Leben. Einem Lebensgefährten, der sie mit einer anderen betrog, schickte sie ihre eigenen Exkremente - per FedEx. Nur über den Tod scherzt sie nicht. Und: "Ich versuche, mich nicht über jemanden lustig zu machen, der zum ersten Mal einen Drogenentzug macht", sagte sie dem Schwulenmagazin "Advocate", das sie wegen ihrer großen gleichgeschlechtlichen Fangemeinde unlängst zur Homo-Ikone kürte. "Ich bin ein schwuler Mann, der im Körper einer Frau gefangen ist", sagte sie zum Dank.

Aufgewachsen in New Jersey, zog Handler mit 19 nach Los Angeles, um Schauspielerin zu werden. Ihre wahre Berufung erkannte sie zwei Jahre später, als sie betrunken am Steuer ihres Wagens von der Polizei geschnappt wurde. Zur Strafe musste sie ein Ausnüchterungsseminar besuchen und dort ihre Geschichte beichten. Am Ende bogen sich alle vor Lachen. Sie nennt diesen Moment heute "den größten Orgasmus meines Lebens".

Handler tingelte durch Comedy-Clubs, schrieb ein Buch über ihre Männergeschichten und One-Night-Stands ("My Horizontal Life"), trat in Jay Lenos "Tonight Show" auf, hatte Gigs im Musiksender VH1. Schließlich wurde sie von den Talent-Scouts bei E! entdeckt.

Seit sie in einer festen Beziehung ist, schweigt sie über ihr Privatleben. Was vielleicht daran liegt, dass ihr Freund auch ihr Boss ist: Ted Harbert, der Chef des E!-Mutterkonzerns Comcast Entertainment.

Auf der Suche nach "einem Format mit mehr Stil"

Es kommt Handler zupass, dass der Mikrokosmos der Late-Night-Talkshows bei den großen TV-Networks zurzeit kräftig durchgeschüttelt wird. Jay Leno gibt die NBC-"Tonight Show" in diesem Sommer auf, wechselt ins frühere Abendprogramm mit einer neuen Sendung. Nachfolger Conan O'Brien muss sich erst bewähren. Und Altmeister David Letterman auf CBS wird immer granteliger.

E! hat angedeutet, Handlers Show - die zur gleichen Zeit wie die "Tonight Show" und Letterman läuft - auf eine Stunde erweitern zu wollen. Auch soll aus Handlers "Vodka"-Buch eine TV-Serie werden. Handler selbst scheint einem stärkeren Engagement zurzeit eher skeptisch gegenüberzustehen - sie strebt zwar laut eigener Aussage "nach einem Format mit mehr Stil", ist jedoch wenig begeistert von der Aussicht, ihre freie Schnauze für ein Mainstream-Publikum zu zensieren.

Bis auf weiteres zielt sie also freudig weiter unter die Gürtellinie. In der Sendung mit "Lost"-Star Mader - die in der letzten Folge der Hit-Serie "abgemurkst" (Handler) worden war - buchstabiert sie das Wort "dick" (Penis) für alle, die es vielleicht akustisch nicht verstanden haben: "D-i-c-k!" Und auch das Gespräch mit Mader dreht sich in erster Linie nur ums Saufen und die sexuelle Qualifikation von Rotschöpfen.

Nach der Aufzeichnung signiert Handler noch geduldig ein paar ihrer Bücher fürs Publikum, darunter ein älteres Ehepaar aus der Schweiz, das sich vor Aufregung kaum mehr einkriegt. Dann winkt sie ein letztes Mal lakonisch in die Runde, wischt sich ihr Lächeln vom Gesicht und verschwindet Richtung Garderobe.



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