Victoria von Schweden in Hamburg Bescheidenheit auf Krücken

Schwedens Kronprinzessin Victoria gilt als bescheiden und uneitel, eine, die nah am Volk ist. Bei ihrem Besuch in Hamburg stellte die 36-Jährige ihren Charme unter Beweis - trotz Krücken und Ikea-Witzen.

DPA

Von Gesa Mayr, Hamburg


Nur wenige Menschen machen auf Krücken eine gute Figur, vor allem wenn Schnee und Eis auf den Straßen liegen. Doch Victoria von Schweden humpelt vornehm die Treppen hoch zur Tür des Hamburger Völkerkundemuseums, ihren Ehemann, die Außenhandelsministerin und eine Wirtschaftsdelegation im Schlepptau.

"Hello", haucht die Kronprinzessin, die Verletzung am linken Fuß rührt von einem Ski-Unfall. Krücke, Schritt, Lächeln. "Hello." Höflich begrüßt Victoria die anwesenden Anzüge und Föhnfrisuren; Diplomaten, Geschäftsleute, Museumsfreunde. Irgendwo lehnt Adelsexperten-Legende Rolf Seelmann-Eggebert an der Garderobe.

Es folgen ein paar freundliche Worte, die Schweden wollen schließlich die wirtschaftlichen Beziehungen stärken. Hamburg sei ja ohnehin die südlichste Stadt Schwedens. Eine Designstadt, die nur noch ein ganz bisschen Nachhilfe beim Thema Nachhaltigkeit braucht. Ein obligatorischer Ikea-Witz, bei dem tatsächlich einige Gäste lachen. Der Erste Bürgermeister der Stadt, Olaf Scholz, heißt mit zaghafter Stimme zum wiederholten Mal an diesem Tag seine adligen Gäste willkommen. Neben den herzlichen Schweden macht er einen recht blassen Eindruck. Zu seiner Verteidigung muss man wohl sagen, dass die Adelshäuser dieser Welt eher selten in Hamburg gastieren.

"Jung. Innovativ. Genial", lautet der Titel der Ausstellung, die Victoria gleich eröffnen soll. Etwas unpassend, wie Museumschef Wulf Köpke einräumt. Denn eigentlich seien die Schweden ja eher bescheiden.

Bescheidenheit ist tatsächlich ein Zauberwort der schwedischen Kronprinzessin. Diesen Ruf hat Victoria vor allem ihrem Fleiß und ihrer Ehrlichkeit zu verdanken. Die 36-Jährige gilt als natürlich und uneitel, besuchte eine staatliche Schule, nahm schon früh repräsentative Aufgaben an. Im Alter von 18 Jahren gelobte sie, "allzeit loyal gegenüber König und Reichstag zu sein und Schwedens Verfassung zu respektieren". Die schwedische Bescheidenheit - vielleicht auch eine Tugend, die in der Natur der Sache liegt. Denn seit einer Verfassungsänderung von 1975 hat der Monarch des Landes jegliche politische Privilegien verloren.

Königin der Verfassungsänderungen

Victoria scheint skandalfrei, wohl auch weil sie viele ihrer persönlichen Probleme selbst öffentlich machte. Die Bulimie, an der sie in den Neunzigern litt. Ihre Dyslexie, die sie nicht davon abhielt, einen ausgezeichneten Schul- und Universitätsabschluss zu machen. Victoria ist bei ihren Landsleuten mit Abstand das beliebteste Familienmitglied.

Lange hatte das sozialdemokratische Volk mit seinen Royals gehadert. Erst die deutsch-brasilianische Silvia zeigte sich mit ihrem zurückhaltenden Wesen volkskompatibel. An ihrer Seite wirkte schließlich auch Carl Gustaf, der Lebeprinz, bescheidener. Victoria hat diese Eigenschaft von ihrer Mutter übernommen. Damit findet sie auch bei deutschen Adelsfans Gefallen. Jahrelang gewann Victoria den Wettkampf als beliebteste europäische Prinzessin, bevor die Kate Middletons und Maximas ihr mit Riesenhochzeiten und Thronbesteigungen den Rang abliefen.

Doch bei aller Bescheidenheit: Wohl kaum eine Königstochter hat so viele Verfassungsänderungen ausgelöst wie sie. Victoria Ingrid Alice Désirée wurde 1977 als Kronprinzessin geboren. Die Thronfolge ging aber mit der Geburt ihres Bruders Carl Philip auf diesen als männlichen Nachfolger über. Mit einem neuen Gesetz zur Erbfolgeregelung wurde Carl Philip der Titel des Kronprinzen allerdings im Januar 1980 aberkannt.

Bevor dieser Act of Succession in Kraft trat, war es den männlichen Nachkommen vorbehalten zu regieren. An ihrem 18. Geburtstag trat Victoria offiziell als Vertreterin ihres Vaters auf - was erst durch eine weitere Verfassungsänderung möglich wurde, die das Alter für den möglichen Amtsantritt von 25 auf 18 Jahre senkte.

Eine dritte Änderung war schließlich nötig, um ihre Hochzeit mit Daniel Westling zu ermöglichen. Ihr ehemaliger Fitnesstrainer, der zunächst mit Etiquette-Kursen und Englischnachhilfe seine Zulassung zu Hofe gewinnen musste. Der Bürgerliche und die tapfere Hochadlige - eben auch Stoff, mit dem People-Zeitschriften gefüllt werden.

Dass die Kronprinzessin bald tatsächlich auf dem Thron sitzt, dürfte allerdings noch ein wenig dauern. Sie glaube, ihr Vater werde noch eine ganze Weile die Stellung halten, sagte sie kürzlich der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem Interview.

Bis dahin absolviert die Thronfolgerin fleißig Termine. Im Völkerkundemuseum humpelt sie nun zum Rednerpult. "Es ist eine große Freude für mich und meinen Mann, hier in Hamburg zu sein", sagt sie. Ein bisschen Small Talk, ein bisschen Wohlgefallen. Dann drückt sie auf einen roten Knopf, Licht geht an, die Ausstellung ist eröffnet.

Der nächste Stopp der royalen Reise liegt im Westen der Republik. Essen mit Frau Kraft in Düsseldorf, dann Essen im Ruhrgebiet. Klar ist: Wenn jemand eine gute Figur auf Krücken auf der Zeche Zollverein machen kann, dann Victoria von Schweden.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, dass Victoria nicht als Kronprinzessin geboren wurde. Das ist falsch. Tatsächlich wurde sie als Kronprinzessin geboren, verlor diesen Status jedoch bei der Geburt ihres Bruders. Durch die Änderung der Verfassung erlang sie ihn zurück. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
gulsvart 28.01.2014
1. Nicht ganz richtig...
Victoria wurde 1977 sehr wohl als Kronprinzessin geboren. Erst durch die Geburt ihres Bruders Carl Philipp 1979 verlor sie diesen Status zunächst an ihn, bevor die erwähnte Verfassungsänderung ein Jahr später in Kraft trat. Denn vorher wurden männliche Erben in der Thronfolge zwar älteren weiblichen Geschwistern vorgezogen, Frauen waren aber nciht grundsätzlich vom Thron ausgeschlossen. Wäre Victoria Einzelkind oder zumindest ohne Bruder geblieben, würde sie also auch ohne Verfassungsänderung Kronprinzessin sein und Königin werden können. Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Artikel korrigiert, die Redaktion
j.w.pepper 28.01.2014
2. "Royals"? "Act of Succession"?
Von welchem Königshaus handelt der Artikel eigentlich? Wenn man schon nicht den deutschen Begriff verwendet, dann im vorliegenden Fall ja wohl den schwedischen. Auch beim Besuch in einer Stadt, die offiziell einen "Airport" und eine "Port Authority" ihr Eigen nennt.
Kiste 28.01.2014
3. Kamikaze
So, so, noch ein Ski-Unfall. Allmählich denke ich, der Skisport ist für Laien viel zu gefährlich. Alle Ski-Urlauber, die ich kenne, sind irgendwann einmal verunfallt.
spon_1542210 jorgos48 28.01.2014
4. Legende Rolf Seelmann-Eggebert
Hätte mich auch gewundert wenn der Adelsexperte gefehlt hätte. Sicher hätte er gern wieder eine Monarchie in DE. Und ich dachte der sei schon in die ewigen Jagdgründe abberufen worden.
Kalle Bond 28.01.2014
5. Könnte ...
Victoria, dank ihrer deutschen Mutter, nicht einfach Königin von Deutschland und Schweden werden? Sie sagt nichts, sie entscheidet nichts, das sind doch Gründe!
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