"Vogue"-Chefin Wintour Die "Ice Queen" kämpft um ihren Job

Ikone im Sperrfeuer: Anna Wintour, Chefin der Mode-Bibel "Vogue", steht hartnäckigen Gerüchten zufolge vor dem Rauswurf. Viele hören das mit Schadenfreude - die biestige Fashion-Päpstin gilt als arrogant, intrigant, rücksichtslos. Gegen dramatische Auflagenverluste hilft das nicht.

Von , New York


New York - In "Der Teufel trägt Prada", der Kinokomödie von 2006 über ein fiktives US-Modeblatt, soll dessen Chefin hinterrücks von einer Rivalin aus Frankreich ersetzt werden. "Sie ist viel jünger", sagt einer der Intriganten. Doch die Attackierte - für deren Darstellung Meryl Streep für den Oscar nominiert wurde - manövriert ihre Feinde seelenruhig aus. "Keiner", triumphiert sie, "kann tun, was ich tun kann."

Jeder weiß natürlich, um welche Publikation es in dem Film und seiner Vorlage, dem Schlüsselroman der New Yorkerin Lauren Weisberger, wirklich ging: Um "Vogue" und deren gefürchtete US-Chefredakteurin Anna Wintour, die seit 1988 über die amerikanische Ausgabe des Glamour-Magazins herrscht und für die Weisberger einst als Assistentin arbeitete: eine kurze, jedoch offenbar schmerzhafte Erfahrung.

Jetzt schließt sich der Kreis aus Fakt und Fiktion. Die - erfundene - Kapriole des Films, die verehrte wie verhasste, auf jeden Fall aber alternde Modezarin einem frischeren Gesicht aus Frankreich zu opfern, droht nun nämlich Realität zu werden - ausgerechnet bei "Vogue".

Wenn Mächtige stürzen, regt sich Schadenfreude

Zumindest tuschelt die New Yorker Fashion- und Medienszene dieser Tage über nichts anderes mehr: Wird die 59-jährige Exil-Britin Wintour - wegen ihrer Eiseskälte gerne als "nuclear Wintour" verspottet - zu Gunsten eines Paris-Imports gekippt? Wird der Teufel endlich aus seinem Prada-Hades verjagt?

Wenn ja: Wie könnte sich die Modewelt, die Wintour so lange mit eiserner Faust und absolutem Geschmacksdiktat geprägt hat, dann überhaupt noch weiter drehen? Wer würde fortan entscheiden, ob Sandgold oder Schattengrün zur Farbe der Saison wird und wie der neueste Laufsteg-Trend heißt ("Ägyptomanie", den aktuellsten "Vogue"-Berichten zufolge)? "Die Messer", freut sich der britische "Independent", "sind gezückt."

Wenn Mächtige stürzen, regt sich Schadenfreude. Gerüchte über Wintours Abgang kursieren schon seit Wochen, brodeln aber jetzt erst so richtig hoch: Wintour stehe vor der "freiwilligen" Pensionierung, schrieb VIP-Klatschkolumnist Richard Johnson ("New York Post"), der bekannt dafür ist, Informationen interessierter Kreise zu lancieren. "Sie findet, dass sie alles erreicht hat." Schon zum Jahreswechsel solle Carine Roitfeld, die Chefin der französischen "Vogue", das Mutterblatt übernehmen - eine langsträhnige Twiggy, die "aussieht, als sei sie direkt aus einem Helmut-Newton-Foto getorkelt", so der "Telegraph".

Der stets gut informierte Medienblogger "Gawker" mischte sich vorige Woche unter die Gäste des Nobelrestaurants "Waverly Inn", das Graydon Carter gehört, dem Chefredakteur des "Vogue"-Schwestermagazins "Vanity Fair". Dort, meldete "Gawker", sei ein weiteres "appetitliches Gerücht" als "Vorgericht" serviert worden: Verleger S.I. Newhouse sei früher als sonst zu seinem traditionellen Dezemberurlaub in Wien aufgebrochen und treffe sich in Paris mit Roitfeld, um die letzten Details festzuklopfen.

Keiner widersprach einem Wechsel kategorisch

Prompt hagelte es Dementis. "Daran ist nichts wahr", ließ Newhouse aus Übersee erklären. "Das ist das dümmste Gerücht, das ich je gehört habe." Roitfeld beteuerte im Telefonat mit dem Fachblatt "WWD", aus dem selben Verlag wie "Vogue": "Ich bin bei der französischen 'Vogue' sehr glücklich." Selbst Wintour äußerte sich, wenn auch zitronensauer: "Ich habe keine Absicht, die amerikanische 'Vogue' jetzt oder in absehbarer Zukunft zu verlassen." Auffällig dabei: Keiner widersprach einem Wechsel kategorisch.

Und so wird das Gemurmel täglich lauter. Immerhin läuft Wintours Vertrag beim "Vogue"-Verlag Condé Nast demnächst aus; im Juni feierte sie zwei Jahrzehnte an der Spitze von "Vogue", und nächstes Jahr wird sie 60.

Allein der Gedanke, dass Wintour geschasst werden könnte, delektiert hierzulande viele. Die Sphinx mit dem Bubikopf und der übergroßen Jackie-O.-Sonnenbrille ist bei ihrem Aufstieg über viele Leichen gegangen und eine der am meisten angefeindeten Figuren in der schrillen, inzestuösen Medienszene New Yorks. Und das nicht nur wegen ihres angeblichen Zwei-Millionen-Dollar-Jahresgehalts, das in der jetzigen Wirtschafts- und Zeitschriftenkrise nicht nur dem Verlag sauer aufstoßen dürfte.

Spätestens seit "Der Teufel trägt Prada" weiß die ganze Welt, wie Wintour von Kollegen wie Konkurrenten gesehen wird: "Wieso hab ich mich von dieser allen Freuden des Lebens abholden Teufelin dermaßen schikanieren und knechten lassen?", klagt Weisberger in ihrem Buch.

Kritiker nennen Wintour eine "Ice Queen", eine Despotin oder, wie "USA Today", "Stalin in Stilettos". Keine Modenschau beginnt, bevor Wintour im Saal ist. Tierschützer hassen sie wegen ihrer Pelze: Ingrid Newkirk, die Präsidentin der Tierschutzgruppe Peta, warf Wintour einmal im Restaurant Four Seasons einen toten Waschbär auf den Teller. Wintour legte wortlos eine Serviette drüber und bestellte einen Kaffee.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.